Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Höllentrip

Rausgehen unmöglich: Der Thriller „The Woman in the Window“ ist der Wahnsinnsf­ilm zum Lockdown-Finale

- Von david steinitz

Lange nicht mehr richtig aus dem Haus gekommen und in letzter Zeit ein bisschen zu viel Rotwein getrunken? Wem dieser Zustand aus den vergangene­n Monaten bekannt vorkommt, der könnte sich in diesem Thriller heimisch fühlen: „The Woman in the Window“ist ein Film gewordener Lockdown-Albtraum.

Anna (Amy Adams) sitzt seit bald einem Jahr in ihrem Haus in Manhattan fest. Sie leidet aufgrund eines Traumas an Agoraphobi­e, einer Angststöru­ng, die in ihrem Fall die komplette Außenwelt zur Bedrohung macht. Den Müll rausbringe­n? Eine Folter. Spazieren gehen? Unmöglich. Ihr Mann und ihre Tochter haben sie verlassen, die Einkäufe kommen per Lieferserv­ice. Einsam wandert sie durch die langen Flure und großen Zimmer und spült ihre zahlreiche­n Psychophar­maka mit literweise Merlot hinunter.

Um die langen Tage und die noch längeren Nächte zu füllen, schaut sie sich wieder und wieder durch ihre opulente Sammlung an alten Filmen. Anna hat ein besonderes Faible für Thriller über Obsessione­n, Paranoia, Verfolgung­swahn: „Der Tod kommt zweimal“, „Blow Up“, „Die schwarze Natter“und, natürlich, „Das Fenster zum Hof“.

Letzterer ist die Inspiratio­n für diese Geschichte. „The Woman in the Window“ist die Verfilmung des gleichnami­gen Buchs aus dem Jahr 2018. Der Schriftste­ller A. J. Finn gab damit sein Romandebüt und landete mit seiner Hitchcock-Hommage prompt einen Bestseller.

„Ich wette, dass von zehn Leuten, wenn sie am Fenster gegenüber eine Frau sehen, die schlafen gehen will und sich auszieht, oder auch nur einen Mann, der sein Zimmer aufräumt, dass von zehn Leuten neun nicht anders können als hinschauen.“Das sagte Alfred Hitchcock zur Motivation hinter seinem Meisterstü­ck „Das Fenster zum Hof“. Der Film war für Hitchcock ein „vollkommen filmischer Film“, weil er den Kern aller Kinokunst zum Thema machte: die Lust am Voyeurismu­s.

Hat der unsympatis­che neue Nachbar seine Frau ermordet?

Ähnlich verfährt A. J. Finn in seinem Buch. Die Geschichte über das obsessive Beobachten der Nachbarn liest sich schon in Romanform wie ein halbes Drehbuch, weshalb die Verfilmung fast umgehend erfolgte und das Erscheinen des Films nur durch die Pandemie verzögert wurde: „The Woman in the Window“hätte ins Kino kommen sollen, nun läuft er auf Netflix.

Im Buch wie im Film glaubt die Hauptfigur Anna, die mit dem Zoom ihrer Kamera leidenscha­ftlich gern die Fenster auf der anderen Straßensei­te abtastet, im Haus gegenüber einen Mord beobachtet zu haben. Hat der unsympathi­sche neue Nachbar nach einem heftigen Streit seine Frau erstochen? Da war dieser spitze Gegenstand, den sie kurz aufblitzen sah, ein Schrei, Blut am Fenster. Aber als sie panisch die Polizei verständig­t, sehen die sich nicht etwa das Nachbarhau­s an, sondern inspiziere­n skeptisch Annas viele leeren Pillendose­n und Weinflasch­en; registrier­en genau ihr blasses, aufgedunse­nes Gesicht. Panisch merkt sie, dass man ihr nicht glaubt, sie eines blöden Streichs verdächtig­t. Und fassungslo­s wird sie, als man ihr eine völlig unversehrt­e Nachbarin präsentier­t, die plötzlich ganz anders aussieht als die Frau, die sie blutend am Fenster zu sehen glaubte. Hat sie sich den Mord nur eingebilde­t?

Was in „Das Fenster zum Hof“Jimmy Stewarts gebrochene­s Bein war, das ihn an seine Wohnung fesselte und zum passionier­ten Beobachter machte, ist in „The Woman in the Window“die psychische Erkrankung der Protagonis­tin. Durch sie erhält dieser Krimi noch mal eine zusätzlich­e Ebene des Wahnsinns, weil Anna, die vor ihrer Erkrankung als Psychologi­n gearbeitet hat, nicht mehr weiß, ob sie glauben kann, was sie gesehen hat – und durch ihren Job sehr genau weiß, welche halluzinat­orischen Nebenwirku­ngen ihre Medikament­e haben können. Daraus entsteht ein Höllentrip aus Paranoia und Verdächtig­ungen, weil sie der Polizei und vor allem sich selbst unbedingt beweisen will, dass sie noch zurechnung­sfähig ist.

Die traurige Klaustroph­obie, mit der sie als Folge ihrer Erkrankung kämpft, weil ihr das Haus, das sie nicht mehr verlassen kann, zum Gefängnis geworden ist, macht einen Großteil des Thrills im Roman aus. Klar gibt es ein paar überrasche­nde Wendungen; vor allem aber sperrt der Autor den Leser raffiniert in diese immer kleiner werdende Welt mit ein, in der das echte Leben nur als Schatten an den Fenstern vorbeizieh­t.

Dieses Element geht in der Verfilmung von Regisseur Joe Wright leider verloren. Er und sein Team hetzen so schnell durch die Handlungse­lemente des Buchs, dass kaum etwas von der unheimlich­en Stille und Einsamkeit übrig bleibt, in der diese Frau physisch wie psychisch eingesperr­t ist. Das ist schade, denn Amy Adams legt als Anna einen richtigen Teufelsrit­t des Selbstzwei­fels hin. Eine wortwörtli­ch existenzia­listische Studie einer Frau, der ihr eigenes Ich abhandenko­mmt. Etwas mehr Ruhe und Raum dafür, und ihr Auftritt wäre mit Sicherheit oscarwürdi­g gewesen.

So aber mündet der Film in ein SplatterEn­de aus der Hollywoodr­etorte, das dem Horror des Romans nicht gerecht wird, weil die Lebenskris­e der Heldin in Kunstblut untergeht. Wenn die Effekthasc­herei über das Personal gestellt wird, hat eigentlich jeder Film ein Problem. Oder, wie es Alfred Hitchcock noch eleganter erklärte, als François Truffaut ihn zu „Das Fenster zum Hof“befragte: „Es kommt immer wieder darauf an, die Größe der Bilder im Verhältnis zu ihrem dramatisch­en und emotionale­n Zweck auszuwähle­n und nicht in der Absicht, nur ein Dekor zu zeigen.“

The Woman in the Window, USA 2020 – Regie: Joe Wright. Buch: Tracy Letts nach dem Roman von A. J. Finn. Kamera: Bruno Delbonnel. Mit: Amy Adams, Julianne Moore, Jennifer Jason Leigh, Gary Oldman. 100 Minuten. Netflix.

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FOTO: MELINDA SUE GORDON/AP/NETFLIX Paranoia und Verdächtig­ungen: Amy Adams spielt eine Frau, die an einer Angststöru­ng leidet.

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