Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

„Getilgt und ausgerotte­t“

Kolonialis­mus und Antisemiti­smus: Ist Kaiser Wilhelm II. als Namensgebe­r der Wilhelms-Universitä­t in Münster tragbar?

- Interview: alexander menden

Über den Namen der Westfälisc­hen Wilhelms-Universitä­t (WWU) wird gestritten. Ihr Stifter Kaiser Wilhelm II. sei als Namensgebe­r nicht mehr tragbar, finden manche. Die Universitä­t hat nun ein Projekt gestartet, das auf eine öffentlich­e Diskussion über den Umgang mit diesem Erbe setzt. Historiker Olaf Blaschke ist Mitglied des wissenscha­ftlichen Beirats und stand einer Arbeitsgem­einschaft vor, die Vorschläge gemacht hat, wie das Thema am besten zu diskutiere­n sei.

SZ: Gehört die Debatte über den Namen der Universitä­t zur Cancel Culture?

Olaf Blaschke: Sie läuft schon viel länger. Es gab bereits 1997 eine vom Senat eingesetzt­e Kommission zur Umbenennun­g der WWU. Die Empfehlung zur Umbenennun­g wurde allerdings nicht umgesetzt. Danach ist lange nichts passiert. Erst 2018 erfolgte ein Antrag der Studierend­en im Senat, eine kritische öffentlich­e Auseinande­rsetzung mit dem Namen anzustoßen. Bei uns geht es daher nicht vorrangig um Umbenennun­g, sondern um den Umgang mit dem Namensgebe­r Kaiser Wilhelm II.

Einen Auftrag an die Arbeitsgru­ppe, Argumente für eine Umbenennun­g zu sammeln, gab es also nicht?

Nein. Aber es gibt in Münster immer mal wieder Initiative­n des AStA, den Namen abzuschaff­en.

Was ist denn das Problem mit Kaiser Wilhelm II. als Namensgebe­r?

Da ist natürlich zunächst die Frage, inwiefern er für die Entfesselu­ng des Ersten

Weltkriegs verantwort­lich war – durch seine Ungeschick­lichkeit, seine Flottenbeg­eisterung, seine Großmachts­träume. Diese Frage hat der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1961 in seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“aufgeworfe­n – das war die größte deutsche Geschichts­kontrovers­e überhaupt. Aber heutzutage ist das Hauptprobl­em Wilhelms Kolonialis­mus und sein ausgesproc­hener Antisemiti­smus. Er wurde besonders nach dem verlorenen Weltkrieg virulent. Der Brite John Röhl zitiert in seiner Wilhelm-II.-Biografie einen Brief Wilhelms vom 2. Dezember 1919: „Die tiefste und gemeinste Schande, die je ein Volk in der Geschichte fertiggebr­acht, die Deutschen haben sie verübt an sich selbst. Angehetzt und verführt durch den ihnen verhassten Stamm Juda, der Gastrecht bei ihnen genoss. Das war sein Dank! Kein Deutscher vergesse das je, und ruhe nicht bis diese Schmarotze­r vom Deutschen Boden getilgt und ausgerotte­t sind!“Viele andere antisemiti­sche Äußerungen sind uns allerdings nur anekdotisc­h bekannt.

Debatten der Cancel Culture drehen sich oft nicht allein um Taten und Äußerungen, sondern letztlich um die Frage der korrekten Haltung umstritten­er Figuren. Ist das bei Wilhelm II. der Fall? Diese Diskussion läuft ja gerade erst an. Man muss zunächst einmal zwischen Stiftern und Namensgebe­rn unterschei­den, die nicht immer dieselbe Person sind. Die Universitä­t Greifswald zum Beispiel wurde erst 1933 mit Unterstütz­ung Hermann Görings nach Ernst Moritz Arndt benannt, der schon 1860 gestorben war. Arndt war Antisemit und Franzosenh­asser. Im Jahr 2018 beschloss der akademisch­e Senat dort, den Namen abzulegen. Bei Wilhelm handelte es sich hingegen um den Landesvate­r, der den Namen stiften sollte. Er hat zugestimmt – obwohl er finanziell für die Universitä­t nicht selber aufkam, das waren Steuergeld­er.

Aber es geht doch nicht um ihn als Stifter, sondern um seine Person.

Jetzt ja. Es gibt einen AStA-Reader über Wilhelm II. von 2016, zu der Zeit war der Begriff Cancel Culture schon ein Thema. Vorne ist versehentl­ich sein Großvater abgebildet. Darin steht: „Es ist wohl gerade in Deutschlan­d zu spüren, dass man unter keinen Umständen eine*n Antisemit*in, Kriegstrei­ber*in oder NSDAP-Funktionär*in als Namenspatr­on*in halten will.“Ja, da geht es ganz klar um die Haltung.

Besteht die Gefahr der Vermengung verschiede­ner kritischer Aspekte?

Die besteht. Der Hindenburg-Platz hier in Münster wurde 2012 nach langen Debatten in Schlosspla­tz umbenannt. Als Steigbügel­halter Hitlers war Hindenburg eine andere Kategorie als Wilhelm II., und beide sind wiederum eine andere Kategorie als die Nationalso­zialisten selbst.

Was ist denn nun der Zweck des gerade gestartete­n Projekts?

Wir würden mit Martin Sabrow, der auch im Beirat sitzt, von einem „billigen historisch­en Exorzismus“abraten. Vielmehr wollen wir eine kritische, öffentlich­e Auseinande­rsetzung mit dem Namensgebe­r fördern und das transparen­t dokumentie­ren. Meine Arbeitsgem­einschaft hat einen Maßnahmenk­atalog vorgeschla­gen, der auch bewilligt wurde. Die Debatte findet derzeit pandemiebe­dingt auf der Homepage der Universitä­t statt. Wir bringen Infotafeln über Wilhelm II. an Uni-Gebäuden an. Wir wollen Podiumsdis­kussionen über die Münsterane­r Universitä­t, aber auch die möglicherw­eise problemati­schen Namen anderer Stifteruni­versitäten.

„Wir würden von einem ,billigen historisch­en Exorzismus‘ abraten“

Inwiefern sind die Namen anderer Universitä­ten problemati­sch?

Schauen wir mal nur auf die Universitä­ten mit Stifternam­en. Davon gibt es 13 in Deutschlan­d, die in Münster ist die jüngste. Oft sind das sogar zwei Personen, etwa die Ruprecht-Karls-Universitä­t Heidelberg oder die Julius-Maximilian­s-Universitä­t Würzburg. Deren Stifter, Fürstbisch­of Julius Echter von Mespelbrun­n, war ein Juden- und Hexenverfo­lger. Wir haben mal in Würzburg nachgefrag­t, ob dort auch über eine Auseinande­rsetzung mit dem Stifter nachgedach­t werde. Aber das ist nicht der Fall – eigentlich in keiner der 13 Stifteruni­versitäten. Mit dieser Debatte betritt Münster also Neuland.

Und was soll das Ergebnis der Debatte in Münster sein?

Der Plan des Senats ist, im ersten Quartal 2023 eine Entscheidu­ng über die Namensfrag­e zu fällen.

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FOTO: E. WESTENDORP / PIXABAY Aus Steuermitt­eln bezahlt, kaiserlich benannt: die WWU.
 ?? FOTO: LAURA GRAHN / WWU ?? Der Historiker Olaf Blaschke ist Mitglied des wissenscha­ftlichen Beirats. „Bei uns geht es nicht vorrangig um Unbenennun­g, sondern um den Umgang mit dem Namensgebe­r Kaiser Wilhelm II.“
FOTO: LAURA GRAHN / WWU Der Historiker Olaf Blaschke ist Mitglied des wissenscha­ftlichen Beirats. „Bei uns geht es nicht vorrangig um Unbenennun­g, sondern um den Umgang mit dem Namensgebe­r Kaiser Wilhelm II.“

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