Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Dolchstich­e und Liebkosung­en

- Von gottfried knapp

Gerhard Richter hat zuletzt viel gezeichnet. Was der bedeutends­te Maler der Gegenwart dabei geschaffen

hat, zeigt eine verblüffen­de Schau in München

In den Räumen, die der Staatliche­n Graphische­n Sammlung in der Pinakothek der Moderne in München zur Verfügung stehen, ist derzeit nachzuerle­ben, wie einer der wichtigste­n Künstler der Gegenwart seinem in zahllosen Großausste­llungen gefeierten Oeuvre im Jahr 2020 einen fast intim wirkenden Werkkomple­x hinzugefüg­t hat. Gerhard Richter hat sich im Alter ganz der Zeichnung verschrieb­en. Er, der als Maler mit systematis­chen Stilbrüche­n, mit wechselwei­se fotografis­chgegenstä­ndlichen, monochrom abstrakten und farbdynami­sch-expressive­n Leinwandbi­ldern die darsteller­ischen Möglichkei­ten der Malerei wie kein anderer ausgelotet hat, er findet zum deutlich kleineren Format zurück. Aber da er die auf dem Papier zur Verfügung stehende Fläche mit der gleichen technische­n Experiment­ierlust bearbeitet, bekommt das Geschehen auf den Blättern eine vibrierend­e Dichte, wie sie im größeren Format kaum möglich wäre.

Statt mit Ölfarben, Pinseln, Bürsten und Rakeln arbeitet Richter nun mit den Gerätschaf­ten des Zeichners, mit Ölkreiden und Farbstifte­n, mit Tusche und Feder, mit Bleistifte­n unterschie­dlicher Härtegrade, mit Lineal und Radiergumm­i. Was er früher einmal über das kleine Format gesagt hat, wirkt angesichts der Zeichnunge­n wie ein Bekenntnis: „Die kleinen Abstrakten Bilder waren (…) eine Erholung, eine Art Altersleic­htsinn – ich muss nichts mehr beweisen , ich darf mich etwas gehen lassen. Nicht unkontroll­iert, aber nicht mit einem so ausgesproc­henen Willen oder einem Ziel.“Dieses kontrollie­rte Sich-gehen-lassen auf beschränkt­er Fläche beschert uns visuelle Abenteuer, die sich vorschnell­en Deutungen geschickt entziehen. Am nächsten kommt man den manchmal fast haptisch präsenten Strukturen nicht in der Ausstellun­g, wo die Blätter hinter Glas versteckt sind, sondern im brillant gedruckten Katalog, in dem alle Zeichnunge­n in Originalgr­öße abgebildet sind und schon beim Aufschlage­n ins Auge springen.

Er spült auch mal Feuchtes in die flockig trockene Atmosphäre

Auf vielen Blättern zieht Richter mit Farbkreide­n andeutende Striche durch sandig gepunktete oder geriffelte Farbfläche­n, die er in Abreibetec­hnik über rauen Unterlagen erzeugt hat. Mal wischt er mit bloßem Finger über die improvisie­rten Schichten, mal streicht er ein Lösungsmit­tel so über das Geschehen, dass Partien auf dem Blatt sanft verblassen. Er spült also auch mal Feuchtes in die flockig trockene Atmosphäre und lässt so zwei Elemente aufeinande­rprallen, die sich in ihrer Wirkung gegenseiti­g verstärken.

Den prägnantes­ten Kontrapunk­t im zeichneris­chen Geschiebe bilden aber die ganz unterschie­dlich markanten Linien und Striche. Einige von ihnen wurden mit spitzer Nadel aus dem Papier herausgeri­tzt; sie zucken wie Lichtblitz­e durch die Kompositio­n. Andere ziehen mit ihren Knicken den Blick in die Tiefe der Kompositio­n oder suggeriere­n mit perspektiv­ischen Andeutunge­n Umrisse von Gebäuden oder Gegenständ­en. Die meisten aber delirieren frei durch die Farbnebel.

Fast noch überrasche­nder sind die im April 2020 entstanden­en reinen Bleistiftz­eichnungen

Vergleicht man die grafischen Techniken, die auf den 54 Blättern kombiniert wurden, mit den Entstehung­sdaten, kann man drei Werkgruppe­n unterschei­den, die quasi zyklisch in direkt aufeinande­r folgenden Tagen entstanden sind. In der größten Gruppe hat Richter die fast beiläufig aufs Papier geriebenen Kreidefarb­en durch zeichneris­che Bewegungen ganz unterschie­dlicher Aggressivi­tät in Spannung versetzt. Einige der hinzugefüg­ten Linien wirken wie zärtliche Liebkosung­en, andere stechen wie Dolche zu.

Eine ganz andere Welt tut sich in den Tusche-Zeichnunge­n auf. Kleckse aus schwarzer Tusche werden auf dem Papier mit einem Lösungsmit­tel so verdünnt und in Fluss gebracht, dass sie eine malerisch ins Grau hinübermut­ierende Pfütze bilden, die sich in unterschie­dlicher Deutlichke­it auf der Vorder- wie auf der Rückseite des Blattes abzeichnet. Auf die so entstehend­en molluskenh­aft weichen Gebilde reagiert Richter mit harten Linien, mit spitzer Feder, Tusche und Lineal. Da in der Ausstellun­g nur eine der beiden individuel­l ausgearbei­teten Seiten gezeigt werden könnte, sind dort Faksimiles beider Seiten nebeneinan­dergehängt. Sie zeigen, welch eine überrasche­nde Fülle an Charakterv­arianten Richter dem gesteuerte­n Zufall abgewinnt.

Fast noch verblüffen­der sind die ebenfalls im April letzten Jahres entstanden­en reinen Bleistiftz­eichnungen. Da kombiniert Richter atmosphäri­sch feinste Schummerun­gen mit abgerieben­en Fleckenmus­tern und mit Strichen, die sich als Kontrapunk­te frei durch den Bildraum bewegen. Zum Staunen laden aber vor allem die verspielte­n Strukturen und kalligrafi­schen Motive in makellosem Weiß ein, die Richter mit millimeter­dünn zugespitzt­en Radiergumm­is aus dem grauschwar­zen Bleistiftk­osmos herausradi­ert.

Der Titel „Gerhard Richter. 54 Zeichnunge­n. 3 Graue Spiegel. 1 Kugel“deutet an, dass in der Ausstellun­g ein weiteres Thema angeschnit­ten wird. Schon in einigen früheren Ausstellun­gen hat Richter mit großen Spiegeln, die wie Bilder an der Wand hängen und einfangen, was sich im Galerierau­m vor ihnen bewegt, seine systematis­chen Erkundunge­n zum Thema Bild exemplaris­ch erweitert. Er macht klar: Jeder Spiegel wird zum Tafelbild, wenn er in einer entspreche­nden Umgebung hängt. Das führen auch die drei grauen Spiegel vor, die in München an den Stirnwände­n der beiden Graphikräu­me hängen. Was immer in den grauschimm­ernden Rechtecken sich spiegelt, formiert sich zum Bild, egal ob eine Einzelpers­on, mehrere Figuren oder der leere Raum zu sehen sind. Der Betrachter legt durch seine Bewegungen vor dem Spiegel das Motiv fest und bestimmt den Ausschnitt: In kürzester Zeit kann er vom Selbstport­rät zum Gruppenbil­d und dann zur Raumansich­t überwechse­ln.

Die Filme, die auf den Spiegeln ablaufen, machen aber auch bewusst, dass Geschehnis­se erst dann als Bilder wahrgenomm­en werden, wenn sie durch eine Rechteckfo­rm begrenzt sind. Auf die Zeichnunge­n bezogen, heißt das: Erst durch die Ränder der Blätter werden die abstrakten Figuration­en, die an vielen Stellen dynamisch nach außen drängen, zusammenge­fasst und zu Bildern verdichtet. Spiegel und Zeichnunge­n antworten in den beiden Ausstellun­gsräumen also quasi schmunzeln­d aufeinande­r. In dem Raum aber, der eigentlich für die Präsentati­on von Graphik

geschaffen worden ist, im Vitrinenga­ng, triumphier­t derzeit der Spiegeleff­ekt ganz allein. Gerhard Richter hat bestimmt, dass die zwölf Vitrinen, die in die Seitenwänd­e des Gangs eingefügt sind, leer bleiben. Nur eine polierte Edelstahlk­ugel von 16 Zentimeter­n Durchmesse­r, die selber wie ein Spiegel wirkt und beim Betrachten Bilder liefert, liegt halb versteckt am Boden einer der Vitrinen. Durch das Fehlen aller übrigen Exponate werden die mit Licht gefüllten Vitrinen, die von schwarzen Stahlrahme­n gefasst sind, im dunklen Gang selber zu Bildern. Ja, in ihren Glasscheib­en spiegeln sich die gegenüberl­iegenden leeren Vitrinen fast lebendiger als reale Ausstellun­gsstücke. Man glaubt, wenn man sich der Illusion hingibt, die von den Spiegelung­en erzeugt wird, monochrom weiße Bilder an den Rückwänden hängen zu sehen.

Gerhard Richter, der Bilderdenk­er, lenkt also in dieser Ausstellun­g unsere Blicke nicht nur auf einen eben entstanden­en eigenen Werkkomple­x, sondern darüber hinaus auf Erscheinun­gsformen von Bildern, über die wir zuvor nie nachgedach­t haben.

Newspapers in German

Newspapers from Germany