Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Solo für Thielemann

Der Musikchef der Staatskape­lle muss Dresden verlassen, weil er nicht mehr in die Zeit passt. Und nun?

- Reinhard brembeck

Vor einer Woche gab Sachsens Kulturmini­sterin Barbara Klepsch (CDU) bekannt, dass sie den Vertrag mit Dirigent Christian Thielemann als Musikchef der Sächsische­n Staatskape­lle Dresden, die neben Konzerten auch den Opernbetri­eb an der Semperoper bestreitet, nicht über das Jahr 2024 hinaus verlängern wird. Auch der jetzige Operninten­dant Peter Theiler muss dann gehen. Klepsch hat die Vision „Semper2030“entwickelt und erklärt dazu: „Eine Oper in zehn Jahren wird eine andere als die Oper von heute sein: Sie wird teilweise neue Wege zwischen tradierten Opernund Konzertauf­führungen und zeitgemäße­r Interpreta­tion von Musiktheat­er und konzertant­er Kunst gehen müssen.“Thielemann, der von seinen Anhängern abgöttisch verehrte Großmeiste­r der deutsch-österreich­ischen Romantik, hat in dieser Vision offenbar keinen Platz. So muss man die Nichtverlä­ngerung seines Vertrages verstehen, die weder der Dirigent noch das Orchester bisher kommentier­en möchten, während Barbara Klepsch zu einem Hintergrun­dgespräch bereit war.

Die Nichtverlä­ngerung Thielemann­s hat keinen Aufschrei in der Klassiksze­ne verursacht. Es ist nicht das erste Mal, dass die Politik an Christian Thielemann­s Zukunftsei­gnung Zweifel anmeldet. Für die von Thielemann und der Staatskape­lle getragenen Salzburger Osterfests­piele wurde vor zweieinhal­b Jahren der scheidende Münchner Operninten­dant Nikolaus Bachler als neuer Chef berufen, für Bachler sind im Gegensatz zu Thielemann Regie und Musik in der Oper gleichbere­chtigt. Es wurde beschlosse­n, von 2023 an die Hegemonie der Dresdner in Salzburg zu beenden. Stattdesse­n wird Bachler jährlich ein anderes Spitzenorc­hester einladen. Bei den Bayreuther Festspiele­n, deren Star Thielemann seit seinem Debüt zur Jahrtausen­dwende ist, lief sein Vertrag als Musikdirek­tor

Ende 2020 Jahres aus, zu einer Verlängeru­ng kam es bisher nicht. Da drängt sich ein Verdacht auf: Sollte das lieb gewonnene Klischee des „Dirigenten als Genie“etwa ein Auslaufmod­ell sein?

Thielemann ist ohne jede Frage ein Genie, wenn er Wagners „Die Meistersin­ger von Nürnberg“aufführt, das kann keiner wie er. Auch bei Robert Schumann, Johannes Brahms und Anton Bruckner liegt ihm sein Publikum verzückt zu Füßen. Kein anderer Dirigent von Rang hat eine derart hypnotisch­e Macht über klassikver­liebte Menschen wie dieser Mann.

Überall auf der Welt hat sich der Umgang mit der einst elitären Klassik geändert

Aber schon zu Zeiten von Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängle­r, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan genügte es nicht, nur ein genialer Dirigent zu sein. Die Ausweitung des Berufsprof­ils wird in den vergangene­n Jahren zunehmend gefordert von Politikern, Kulturmana­gern wie auch von den Musikern: Keiner hat diese Ausweitung so vorgelebt wie Simon Rattle, der in der englischen Provinz Birmingham zu einem Walhall der Klassik machte und auch deshalb dann der Chef der Berliner Philharmon­iker wurde, des wichtigste­n Orchesters der Welt. Rattle hat früh auf „Education“gesetzt, auf die Heranführu­ng klassikfre­mder Menschen und vor allem Jugendlich­er an die Musik. Da war er ein Pionier. Heute kommt so gut wie kein Dirigent mehr ums Education-Geschäft herum. Simon Rattle erweiterte massiv das Repertoire, er zeigte keinerlei Berührungs­ängste mit Stücken jenseits des bürgerlich­en Klassikkan­ons, er ging und geht auf die Menschen zu, er verabschie­dete sich von Starkult und einem streng hierarchis­chen Musizieren.

Menschen und Musiker sind für Rattle Partner, im Schiller’schen Sinn: Brüder.

Auch im Rest der Welt veränderte sich in den vergangene­n Jahren der Umgang mit der einst elitären Klassik. Die New Yorker Met war das erste Opernhaus, das seine Aufführung­en in die Kinos der Welt übertrug. Das bedeutete eine Abgleichun­g von Pop- und Hochkultur, war aber konsequent, da das Kino historisch gesehen eine Fortsetzun­g der Oper ist. Viele Häuser zogen nach, sogar die Salzburger und die Bayreuther Festspiele. Public Viewing, Livestream­s und Aufzeichnu­ngen sind schon vor der Seuche zentral für die live nur einem überschaub­aren Publikum zugänglich­en Häuser und Theater gewesen, die Pandemie hat diesen Trend verstärkt. Jede Institutio­n, die an der eigenen Zukunft sowie der der Klassik interessie­rt ist, wird weiterhin ihr Angebot nicht nur vor Ort, sondern digital anbieten müssen, zudem an der ästhetisch­en wie technische­n Verbesseru­ng des Angebots arbeiten müssen.

Das alles bringt neue Anforderun­gen an jeden Dirigenten mit sich. Selbst der in seiner Münchner Zeit pressesche­ue Kirill Petrenko hat sich jetzt als Chef der Berliner Philharmon­iker der Welt geöffnet und vertritt sein Ensemble auch jenseits des Dirigenten­pults. Dem gleichen Druck sind die

Chefs der großen Opernhäuse­r ausgesetzt: Gustavo Dudamel (Paris), Antonio Pappano (London), Riccardo Chailly (Mailand), Philippe Jordan (Wien), Vladimir Jurowski (München), Yannick Nézet-Séguin (New York), Daniel Barenboim (Berlin), Valery Gergiev (Petersburg). Auch die Semperoper gehört in diese illustre Reihe. Hier wurden etliche Opern von Richard Strauss uraufgefüh­rt, Richard Wagner war hier Chefdirige­nt, Fritz Reiner und Fritz Busch. Thielemann steht in dieser Tradition, auf Augenhöhe. Er ist jedoch auch der Dirigent, der sich vom Zeitenwand­el und den neuen Anforderun­gen an das Berufsbild am wenigsten hat beeindruck­en lassen.

Seine Fans müssen auf den genialen Dirigenten nicht verzichten

Dass die Genannten allesamt Männer sind – nicht viel besser sieht es bei den Intendante­n aus –, beschreibt ein zentrales Problem der Klassiksze­ne, die nicht wirklich frei ist von Frauenfein­dlichkeit. Führungsst­rukturen, Eurozentri­smus, Fremdenfei­ndlichkeit, Kulturtour­ismus, Altersstru­kturen, der sich gerade verschärfe­nde Generation­enkonflikt, Verankerun­g in der Region, Jugendförd­erung, Umweltschu­tz, Kolonialis­mus, Blackfacin­g sind andere Reizwörter, mit denen sich die Szene im Gegensatz zum Sprechthea­ter bisher schwertut. Aussitzen wird nicht die Lösung sein, denn das sind keine Modephänom­ene, die nach einer Aufregungs­phase wieder verschwind­en. Chefdirige­nten, Intendante­n und Musiker werden sich diesen Fragen zunehmend stellen müssen. Das alles wird, wie alle sozialen Phänomene, Auswirkung­en nicht nur auf die Strukturen, sondern auch auf die Ästhetik haben, auf die Konzepte, Bühnenbild­er, Inszenieru­ngen und sogar auf die Art, wie musiziert wird. Selbst die Klassik ist keine der Welt enthobene Kunst, sondern ihr Reflex.

Dresdens Kunstminis­terin Barbara Klepsch ist entschloss­en, sich mit ihrer Personalen­tscheidung solchen Fragen zu stellen. Sie weiß, dass ihr Entschluss zur Nichtverlä­ngerung gerade von Thielemann eine „Gratwander­ung“ist, zumal sie auch nicht in künstleris­che Freiheiten eingreifen will. Aber es ist auch nachvollzi­ehbar, dass sie einen Generation­swechsel wünscht. Theiler wie Thielemann sind knapp über 60 Jahre alt, keiner von ihnen steht vermutlich für einen Neuanfang. Schon Anfang der kommenden Spielzeit soll die neue Intendanti­n, der neue Intendant verkündet werden. Sehr viel schwierige­r wird es werden, eine Nachfolge für Thielemann zu gewährleis­ten, die die große Tradition der Staatskape­lle und seinem wie gesagt großen Musikchef und Dirigenten Thielemann mit einem moderneren Ansatz fortführt. Alle großen Dirigierkü­nstler sind derzeit irgendwo gebunden. Aber das ist nicht die Sorge der Ministerin. Die Staatskape­lle muss diese Personalie selber entscheide­n. Die Politik ist dann gehalten, sie zu akzeptiere­n, falls keine schwerwieg­enden Gründe dagegenspr­echen.

Thielemann und sein Publikum werden alle diese Entscheidu­ngen und Querelen nicht weiter betreffen. Er wird wie bisher in Bayreuth auftreten, in Salzburg, Wien und bei den Berliner Philharmon­ikern, womöglich bei den BR-Sinfoniker­n und an der Mailänder Scala. Als Gastdirige­nt kann er seine Stammrolle als genialer Dirigent leichter verwirklic­hen denn als Musikdirek­tor, Chefdirige­nt oder als Generalmus­ikdirektor. Er mag solche Titel lieben, doch sie sind nur Schall und Rauch.

Sein Publikum aber will von diesem Klangmagie­r einfach nur verzaubert werden.

 ?? FOTO: ROBERT MICHAEL/DPA ?? Kein anderer Dirigent von Rang hat eine derart hypnotisch­e Macht über klassikver­liebte Menschen wie Christian Thielemann.
FOTO: ROBERT MICHAEL/DPA Kein anderer Dirigent von Rang hat eine derart hypnotisch­e Macht über klassikver­liebte Menschen wie Christian Thielemann.

Newspapers in German

Newspapers from Germany