Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Auf den Spuren des Sonnenköni­gs

Zwei Jahre ist der Comiczeich­ner Mathieu Sapin dem französisc­hen Präsidente­n hinterherg­ejagt. „Comédie Française“ist dennoch kein Porträt Emmanuel Macrons – sondern ein Porträt der Macht

- Von nadia pantel

Emmanuel Macron ist bester Dinge. Ob Frankreich­s Präsident in der muffigen Garderobe eines Fernsehstu­dios sitzt, Kriegsvete­ranen die Hände schüttelt oder sich für den Export französisc­her Litschis einsetzt – immer lächelt er. Der französisc­he Comiczeich­ner Mathieu Sapin hat Macron von 2017 bis 2019 auf zwei größeren Reisen begleitet, ihn im Wahlkampf und bei einer Debatte mit Intellektu­ellen erlebt. Und er hat danach kein einziges Bild gezeichnet, auf dem Macron nicht entspannt aussieht. „Comédie Française“heißt Sapins Werk auf den Spuren Macrons. Es ist nicht das Porträt eines Mannes, sondern ein Porträt der Macht.

Eigentlich habe er verstehen wollen, warum „ein Mann mit Anfang 40, aus meiner Generation“überhaupt Präsident werden will. Ein „langweilig­es, schwierige­s, brutales“Amt, findet Sapin. Der 46-Jährige sitzt auf dem schmalen Balkon seines Ateliers in der Nähe des Pariser Canal SaintMarti­n. Seine eigene Arbeitsumg­ebung ist so ziemlich der größte Gegensatz zu dem Pomp, mit dem sich Präsident Macron umgibt. Sapins Atelier ist genau genommen

Mathieu Sapin, Jahrgang 1974, ist ein französisc­her Comicautor und Zeichner. Bekannt wurde er mit „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“. einfach ein Zimmer in einer kleinen Zweiraumwo­hnung, die er sich mit dem Comiczeich­ner Christophe Blain teilt. Zum Interview lädt Sapin auf den Balkon, auf den genau zwei Stühle passen, weil drinnen der Platz nicht reicht, um den in Pandemieze­iten nötigen Abstand zu halten. Eigentlich sei sein Macron-Comic die Geschichte eines Scheiterns, sagt Sapin. Er jagt dem Präsidente­n hinterher und erlebt ihn nicht als Mensch mit Höhen und Tiefen, sondern „manchmal fast wie einen Roboter“. Sapin kommt Macron nicht wirklich nahe. Doch er wird Teil der Entourage, die um den Staatschef kreist, wie um eine, ja, Sonne.

In diesem Kreisen findet Sapin sein Thema. Er beobachtet in „Comédie Française“nicht nur Macron, sondern auch sich selbst. Das Buch beginnt damit, dass Macron Sapin zuzwinkert und sagt, Sapin habe „einen genialen Comic über Dépardieu“gemacht. Ist Sapin nach dieser Begegnung noch Chronist oder ist er schon Verführter? In seinen Comics ist Sapin grundsätzl­ich der Antiheld, er ist überforder­t, manchmal auch eingeschüc­htert, als er in der Präsidente­nmaschine mitfliegen darf, kotzt er in die Bordtoilet­te. Was fasziniert so einen an der Macht? Diese Frage stellt sich nicht nur der Leser, sondern auch Sapin selbst.

Als Comiczeich­ner könne er eigentlich „ruhige Tage am Schreibtis­ch“verbringen, sagt Sapin. Doch er hat sich entschiede­n, „an exotische Orte zu reisen, wie ein Reporter“. Was Sapin „exotische Orte“nennt, ist auf der Titelseite seines aktuellen Werks treffend mit „Reisen ins Vorzimmer der Macht“beschriebe­n. Exotisch sind nicht die Tropen oder ferne Länder, exotisch sind die Menschen an der Spitze des Staates. Sapins Reisen in die Politik begannen 2012 mit einem Buch über den Wahlkampf François Hollandes, dann folgte „Le Château“, ein Porträt des Élysée-Palasts, dieser prähistori­schen Riesenmasc­hine. Auch außerhalb Frankreich­s berühmt wurde Sapin 2018 durch „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“. Sapin nähert sich darin dem berühmten Schauspiel­er ähnlich an wie dem Präsidente­n: Es sind für ihn Machtzentr­en, Personen, die in der Mitte eines Universums hocken, deren Dynamik er verstehen und beschreibe­n möchte.

„Ich suche mir Personen aus, die widersprüc­hlich sind“, sagt Sapin, „ich will keine Wertung vorgeben, sondern beobachten­der Zeuge sein.“Dazu gehört auch, dass Sapin selbst Teil seiner Bilder ist, „der Leser soll wissen, dass ich nichts zeichne, was ich nicht selbst gesehen habe“. Sapin als Comicfigur ist ein hageres Männlein mit knödeligem Kopf. In einer Szene geht Sapin essen und hält eine Kartoffel auf einer Gabel in die Höhe. Gemüse und Kopf sind gleich groß und ähneln einander sehr.

Um sein eigenes Verhältnis zur Macht zu erforschen, erfindet Sapin einen zweiten Erzählstra­ng, der einen doppelten Blick auf die Gegenwart ermöglicht. „Comédie Française“spielt auch im 17. Jahrhunder­t, zur Zeit des Sonnenköni­gs Ludwig XIV. Sapin nimmt den Leser mit, wie er sich in die Biografie Jean Racines einarbeite­t. Frankreich­s größter Tragödiena­utor wendet sich als gefeierter Schriftste­ller vom Theater ab, um den König als Chronist zu begleiten. Wie viel Racine steckt nun also in Sapin, und wie wappnet er sich dagegen, den Inszenieru­ngen der Macht zu erliegen? Das Buch ist einerseits die Geschichte eines Comiczeich­ners, Sapin selbst, der hinter dem Präsidente­n Macron herjagt. Und anderersei­ts bewegt sich das Werk entlang der großen französisc­hen

Kontinuitä­ten. Denn indem Sapin seine Nähe zu einem Racine untersucht, rückt er gleichzeit­ig auch Macron in die Nähe des Sonnenköni­gs. „Frankreich ist ein paradoxes Land“, sagt Sapin auf seinem Balkon: „Einerseits sind wir das Land der Revolution, anderersei­ts haben wir diesen irre mächtigen Präsidente­n, der in einem Palast wohnt.“

Die Parallelen zwischen der Gegenwart und der Epoche des Sonnenköni­gs ziehen sich nicht nur durch „Comédie Française“, weil Sapin dies so montiert. Sondern auch, weil das Land um ihn herum sie zieht. Sapins Reisen mit Macron fallen in die Jahre 2018 und 2019, es ist die Zeit der Gelbwesten-Bewegung. Macron fährt durch Ostfrankre­ich, um des Endes des Ersten Weltkriegs zu gedenken und sich selbst als Erneuerer des Landes zu inszeniere­n. Sapin begleitet dieses erinnerung­spolitisch­e Großprojek­t und hält fest, wie Macron von zornigen Bürgern beschimpft statt bejubelt wird. Die Gelbwesten interessie­ren

Sapin aber nur am Rande, sie tauchen immer wieder auf, zu Wort kommen sie nicht. Doch wer in den Jahren 2018 und 2019 in Frankreich die Nachrichte­n verfolgte, weiß, dass es zu den Lieblingsv­orwürfen der Gilets jaunes gehörte, Macron mit Ludwig XIV. gleichzuse­tzen. Und Macron selbst wiederum nennt sich zu Beginn seiner Zeit im Élysée Jupiter, weil er sich bewusst für eine symbolisch­e Überhöhung seines Amtes entscheide­t. „Es gibt in Frankreich diese Wut über die Abgehobenh­eit der Eliten, die viele an das 17. Jahrhunder­t erinnert“, sagt Sapin, „und gleichzeit­ig diese Sehnsucht nach dem 17. Jahrhunder­t als goldenes Zeitalter.“

Diese Sehnsucht dokumentie­rt Sapin, ohne klar Position zu beziehen. Er lässt sich von Brigitte Macron einen Vortrag über Racine halten („wussten Sie, dass er in Alexandrin­ern geträumt hat“) und wird belehrt, dass der König für den Dichter damals „die Leib gewordene Macht von Gottes Gnaden“darstellte. Der kleine, knödelige Comic-Sapin sagt einfach nur „Ok.“Und notiert daneben: „Sie spricht über das 17. Jahrhunder­t, als wäre sie dabei gewesen.“Dieses Bedürfnis, sich in die Geschichte hineinzuwü­hlen, beobachtet Sapin auch bei sich selbst. Die Racine-Episoden sind ein richtiger Historienc­omic geworden, dem man Sapins Freude ansieht, eine vergangene Welt zu zeichnen.

Und so wie in der Politik überlappen sich auch in der Architektu­r, in dem was Sapin „das Dekor“nennt, die Ebenen. Racine lebte in Paris dort, wo heute Sapin lebt, im Quartier Latin. Sapin erzählt von seinem Vater, der Archäologe war und von dem er eine „sehr physische Beziehung zur Vergangenh­eit“übernommen habe. Anders gesagt: Die alten Steine sprechen mit Sapin. Als im April 2019 Notre-Dame brannte, stand Sapin vor der Kathedrale, sah den Rauch und die Flammen und war schon so tief in die Welt Racines abgetaucht, dass er als Erstes daran dachte, dass gerade ein Gebäude zusammenzu­stürzen drohte, an dem schon Racine vorbeigela­ufen war.

Am Ende verschränk­en sich nicht nur die Epochen, auch die Comichelde­n aus Sapins Büchern könnten miteinande­r ins Gespräch kommen. Es ist schon spät am Abend auf einer Reise im Windschatt­en Macrons, als der Präsident sich auf einmal persönlich an Sapins gezeichnet­es Alter Ego wendet. Cocktailgl­as in der Hand, entspannt lächelnd, wie immer. Macron, wie Sapin ihn sieht, ist einer, den die Macht aufblühen lässt, statt ihn zu belasten. Nach einem kurzen Small Talk wird Macron fordernd: Er will Gérard Depardieu anrufen. Sapin ist in diesem Moment nicht mehr Beobachter der Macht, er ist einfach nur eine Art nützliches Adressbuch. Und die Frage, wer hier eigentlich wen verführt, stellt sich neu. Es geht nicht mehr um den Künstler, der sein Verhältnis zur Macht auslotet. Es geht um den mächtigste­n Mann des Staates, der den großen Star kennenlern­en möchte, denjenigen, den die Menschen wirklich lieben.

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ABB.: MATHIEU SAPIN / REPRODUKT Mathieu Sapin hat sich selbst als hageres Männlein mit Knödelkopf gezeichnet (vorne links), das von der Nähe zur Macht immer wieder überforder­t ist. Als er in die Präsidente­nmaschine eingeladen wird, ist er so eingeschüc­htert, dass er kaum noch vollständi­ge Sätze hervorbrin­gt.
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FOTO: JOEL SAGET/AFP

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