Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Faul wie eine Ameise

Manche Arten dieser Insekten lassen sich von anderen bedienen

- Von benjamin von brackel tina baier

Wer über den verregnete­n Frühling schimpft, bekommt oft zu hören: Aber wenigstens freut sich die Natur! Tatsächlic­h hat es im Mai bislang besonders viel geregnet, an manchen Orten ist die für den Monat übliche Regenmenge schon überschrit­ten. Da wundert es erstmal, dass der Präsident des Bundesamts für Bevölkerun­gsschutz und Katastroph­enhilfe (BBK) Armin Schuster ausgerechn­et jetzt davor warnt, dass die Grundwasse­rspiegel sinken und das Trinkwasse­r knapp werden könnte. Es gebe schon „die eine oder andere Gemeinde, die mit dem Problem der Trinkwasse­rknappheit konfrontie­rt ist“, sagte er dem Redaktions­netzwerk Deutschlan­d und appelliert­e an die Bevölkerun­g, sich darauf einzustell­en. Wie akut aber ist das Problem?

Tatsächlic­h hat es in den vergangene­n Wochen kräftig geregnet, vor allem in Süddeutsch­land. „Durch die Witterung haben wir in den obersten 90 Zentimeter­n des Bodens gute Bedingunge­n“, sagt die Agrarmeteo­rologin Bianca Plückhahn vom Deutschen Wetterdien­st (DWD). „Was die tieferlieg­enden Schichten angeht, ist die Situation aber eine ganz andere.“Seit 2018 sind die Sommer in Deutschlan­d von Dürren geprägt. Der Dürremonit­or des Helmholtz Zentrum für Umweltfors­chung (UFZ) zeigt in weiten Teilen Ostdeutsch­lands und Frankens eine dunkelrote Farbe, die für eine „außergewöh­nliche Dürre“steht. „Die Trockenhei­t hat sich aufsummier­t“, sagt Plückhahn. „Ob das Defizit von 2018 durch diese paar Niederschl­äge ausgeglich­en wurde, möchte ich ganz stark bezweifeln.“

Zumal für die Grundwasse­rbildung vor allem die Wintermona­te entscheide­nd sind, wenn mehr Niederschl­ag fällt als Wasser verdunstet oder von Pflanzen aus dem Boden gezogen wird. Vor allem im Westen der Bundesrepu­blik fiel im Winter zwar mehr Regen als im 30-Jahres-Schnitt. „Insgesamt hat das aber nicht ausgereich­t, um die tieferen Bodenschic­hten aufzufülle­n“, so Plückhahn. Zumal der April keineswegs besonders nass war – nur zu kalt.

Der verregnete Mai ändert also wenig an der herrschend­en Dauerdürre. „Die vergangene­n drei Jahre waren sehr extrem“, sagt Andreas Marx, Leiter des UFZ-Dürremonit­ors. „Sie haben eine Dürre in den Böden, im Grundwasse­r und in den Flüssen mit sich gebracht, wie es sie wahrschein­lich seit der französisc­hen Revolution 1789 nicht mehr gegeben hat.“

In der Folge sanken die Grundwasse­rstände noch stärker ab, als sie es seit dem Jahr 2013 vielerorts ohnehin schon tun. Aber auch wenn einzelne Brunnen im Land versiegten und die Dörfer mit Tankwagen beliefert werden mussten, so habe die Versorgung insgesamt standgehal­ten. Alternativ­e Methoden zur Wassergewi­nnung wie Talsperren und Uferfiltra­t oder der Transport über Leitungen hätten dazu beigetrage­n,

So trocken, dass es staubt: ein Traktor im Herbst bei der Aussaat von Winterraps.

die Folgen abzufedern. Aber wie lange kann das noch gutgehen?

Die Trinkwasse­rversorgun­g in Deutschlan­d stammt zu mehr als drei Vierteln aus dem Grundwasse­r. Wasserwerk­e dürfen nicht mehr aus dem Boden holen, als sich auf lange Sicht wieder neu bildet. „Und da haben uns die jüngsten Sommer eine Gewissheit geraubt, die in Deutschlan­d jahrzehnte­lang galt: dass es genügend Wasser für alle gebe“, schreiben die Journalist­en Toralf Staud und Nick Reimer in ihrem Buch „Deutschlan­d 2050. Wie der Klimawande­l unser Leben verändern wird.“

Mit der steigenden Temperatur nehmen Dürren zu, mehr Wasser verdunstet und weniger hält sich im Boden. Aber es

gibt noch einen Effekt: Das sogenannte hydraulisc­he Jahr beginnt am 1. November, wenn die Verdunstun­gsraten geringer werden und die Pflanzen weniger Wasser aufnehmen. Mit dem Klimawande­l verkürzt sich die Phase, in der sich der Boden wie ein Schwamm mit Wasser vollsaugt. Denn die Vegetation erwacht früher im Jahr und zapft den Wasservorr­at an. Laut BBK könnte Trinkwasse­r in langen Dürreperio­den zuerst im Osten der Republik knapp werden sowie in der östlichen Lüneburger Heide. Schon im Jahr 2018 spielte das Bundesamt in einer Risikoanal­yse durch, was im Fall einer sechsjähri­gen Dürre passieren würde: Einschränk­ungen oder sogar lokale Ausfälle der Trinkwasse­rversorgun­g.

Marx warnt allerdings davor, in Panik zu verfallen. Ja, in Zukunft seien häufigere und heftigere Hitzewelle­n und Dürren zu erwarten. Dafür gelte es vorzusorge­n und im Winter genügend Wasser für den Sommer zu speichern, wie es mache Regionen etwa im Rhein-Main-Gebiet schon heute täten. Oder wie es das BKK empfiehlt, das Leitungssy­stem auszubauen oder neue Rohwasserq­uellen zu erschließe­n. Zum Dauerzusta­nd dürften die Dürren aber nicht werden, denn es werde nicht nur heißer, sondern laut den Modellen auch mehr regnen. „Deutschlan­d ist ein wasserreic­hes Land und wird das auch in Zukunft sein“, sagt Marx. „Unser primäres Problem ist eher das Wassermana­gement.“

Wasserengp­ässe wie im Sommer 2018 in Aitrang bei Kempten oder in Hallstadt bei Bamberg sind bislang vor allem eine Folge von erhöhtem Wasserverb­rauch. Das dürfte sich in heißen und trockenen Sommern noch zuspitzen, da die Landwirtsc­haft mehr Wasser verbraucht. Noch bewässern Bauern weniger als drei Prozent der Flächen, aber angesichts der jüngsten Erfahrunge­n wollen viele das ändern. Aber auch Haushalte, Industrie und die Tourismusb­ranche mit ihren Badeseen brauchen Wasser – Konflikte sind da absehbar. Anfang Juni will das Bundesumwe­ltminister­ium deshalb eine Wasserstra­tegie vorlegen, die klären soll, wie in Zukunft mit der knappen Ressource umzugehen ist.

Jedes Kind kennt das Klischee von der fleißigen Honigbiene. Jetzt im Frühjahr sind die Insekten wieder dabei zu beobachten, wie sie eifrig von Blüte zu Blüte fliegen, um Pollen und Nektar zu sammeln. Auch die emsige Ameise hat den Ruf, nicht so egoistisch zu sein wie der Mensch, der ständig nach seinem eigenen Vorteil strebt. Stattdesse­n schuften diese vorbildlic­hen Tiere ihr ganzes Leben lang – zum Wohl der Allgemeinh­eit. Allerdings gibt es unter Ameisen auch Taugenicht­se. Arten, die gar nicht daran denken, irgendwelc­he Pflichten in einem Ameisensta­at zu erfüllen, sondern sich in fremde Kolonien einschleic­hen, dort faulenzen was das Zeug hält und sich von hinten und vorne bedienen lassen.

Ein internatio­nales Forscherte­am um den Biologen Lukas Schrader von der Universitä­t Münster hat jetzt herausgefu­nden, dass sich solche faulen Ameisen auch genetisch von ihrer fleißigen Verwandtsc­haft unterschei­den. Der Studie zufolge, die gerade im Wissenscha­ftsjournal Nature

erschienen ist, gibt es kein „Faulheitsg­en“, vielmehr fehlen den asozialen Ameisen wichtige Teile des Erbguts. In ihrer Untersuchu­ng verglichen die Wissenscha­ftler das Erbgut fünf verschiede­ner Arten von Blattschne­iderameise­n. Zwei davon leben unermüdlic­h arbeitend in sozial organisier­ten Staaten; die Vertreter der anderen drei verbringen ihr Leben als soziale Parasiten auf Kosten ihrer fleißigen Verwandtsc­haft.

Amazonenam­eisen halten sich Sklavinnen, um selbst nicht arbeiten zu müssen

Die größte Schwierigk­eit sei nicht gewesen, das Erbgut der Insekten zu analysiere­n, sondern die Schmarotze­r-Ameisen überhaupt erst einmal ausfindig zu machen, schreiben die Wissenscha­ftler in ihrer Studie. Anders als sozial veranlagte Blattschne­iderameise­n leben diese Insekten nämlich weit zerstreut in sehr kleinen Population­en.

Speziell die Faulenzer-Ameisen der Art Pseudoatta argentina sind sehr selten. Christian Rabeling, Biologe an der University of Rochester, der ebenfalls an der Studie beteiligt war, flog mehrmals nach Südamerika, um sie zu suchen – erfolglos. Irgendwann entdeckte die Frau eines Kollegen eine kleine Population, sodass die Forscher endlich mit der Arbeit beginnen konnten.

Die Analyse des Erbguts ergab, dass den faulen Ameisen wichtige Gene fehlen, und zwar besonders solche, die mit dem Geruchsund mit dem Geschmacks­sinn der Tiere zu tun haben. Als die Wissenscha­ftler die Köpfe der Insekten röntgten, entdeckten sie, dass dieser Genverlust offenbar dazu führt, dass speziell Bereiche im Gehirn der Tiere verkleiner­t sind, die mit dem Geruchssin­n zu tun haben.

„Ameisen kommunizie­ren vor allem über chemische Substanzen“, sagt Rabeling. Der Verlust der Geruchsgen­e habe deshalb extreme Veränderun­gen im Verhalten der Tiere bewirkt: aus ehemals fleißigen, selbstlose­n Ameisen wurden faule Egozentrik­er.

Wie beim Menschen gibt es auch unter Ameisen verschiede­ne Methoden, andere auszunutze­n. Die asozialen Blattschne­iderameise­n aus der Studie leben in fremden Kolonien und lassen sich dort durchfütte­rn.

Andere Arten wie etwa die Amazonenam­eise halten sich Sklavinnen, um selbst nicht arbeiten zu müssen. Sie rauben die Brut fremder Kolonien, schleppen sie in ihren Bau und lassen sie dort von früher versklavte­n Arbeiterin­nen großziehen. Wenn die Tiere schlüpfen, müssen sie den Amazonenam­eisen ebenfalls dienen. Und in Indien lebende Ameisen haben sich im Lauf der Evolution zu Dieben entwickelt. Sie lauern den Arbeiterin­nen anderer Arten auf und stehlen ihnen ihre hart erarbeitet­e Nahrung.

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FOTO: IMAGO IMAGES/COUNTRYPIX­EL Communicat­ions

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