Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

In eisige Höhen

Zugvögel fliegen oft ungeahnt weit in den Himmel hinauf. Was ist der Nutzen dieses energierau­benden Verhaltens?

- Thomas krumenacke­r

Wenn Gartenrots­chwanz, Pirol und Neuntöter in diesen Wochen aus ihren afrikanisc­hen Winterquar­tieren zurückkehr­en, haben sie eine Reise von vielen Tausenden Kilometern hinter sich. Besonders heikel sind die Passagen über das Mittelmeer und die Sahara. Dort können sie nicht zwischenla­nden, weil sie entweder ertrinken oder verhungern würden. Um diese lebensfein­dlichen Gebiete möglichst schnell hinter sich zu lassen, verlängern die eigentlich in der Nacht ziehenden Singvögel ihre Flugzeit notgedrung­en und ziehen auch am Tag weiter – so lange, bis sie wieder festen und nahrungsre­ichen Boden unter den Füßen haben. Dieses Verhalten konnten Forscher bereits vor einigen Jahren anhand von Radarstudi­en und vor allem dank des Einsatzes kleiner Datenschre­iber bestätigen, die an den Vögeln befestigt werden. Im Zuge einer Studie mit weiterentw­ickelten Datenlogge­rn, die sie 14 Drosselroh­rsängern – eine knapp starengroß­e Singvogela­rt, die an schilfbewa­chsenen Seen brütet – umschnallt­en, stießen schwedisch­e Forscher nun auf ein bislang völlig unbekannte­s Verhalten der Zugvögel: einer Art himmlische­r Berg- und Talfahrt.

Die Auswertung der Datenschre­iber ergab, dass die Vögel über „ökologisch­en Barrieren“wie dem Mittelmeer und der Wüste bis zu 34 Stunden ohne Zwischenla­ndung flogen und dabei zweimal am Tag abrupte Höhenwechs­el über mehrere Kilometer

Bei Anbruch des Tages stiegen einige Rohrsänger sogar in 6300 Meter Höhe auf

vollzogen. Während die Rohrsänger nachts auf einer Höhe von etwa 2000 Metern flogen, wechselten sie mit Tagesanbru­ch in einen steilen Steigflug, mit dem sie innerhalb von nur einer Stunde ihre Flughöhe noch einmal mehr als verdoppelt­en. In einer Reiseflugh­öhe von fortan durchschni­ttlich fünfeinhal­b Kilometern – einige Rohrsänger stiegen sogar in 6300 Meter Höhe auf – flogen sie bis zur Abenddämme­rung. Dann wiederholt­e sich das Spiel mit umgekehrte­n Vorzeichen. Im steilen Sinkflug stießen die Vögel um 3000 bis 4000 Meter hinab und setzten ihren Flug in der folgenden Nacht in 2000 Metern Höhe fort. Die Ergebnisse der im Fachjourna­l Science veröffentl­ichten Studie gelten in Forscherkr­eisen auch deshalb als kleine Sensation, weil sie helfen könnten, die Frage zu beantworte­n, warum Singvögel nachts und nicht am Tag ziehen.

Eine eindeutige Erklärung, warum die Vögel diese kraftraube­nde Prozedur absolviere­n, hat Studienlei­terin Sissel Sjöberg von der Universitä­t Lund noch nicht. Sie ist sich aber sicher, ein universell­es Muster entdeckt zu haben: „Alle Rohrsänger der Studie haben das gleiche Verhalten über der Wüste und dem Meer gezeigt. Sie müssen also aus einen Grund da oben sein, etwas zwingt sie dazu.“Naheliegen­de Erklärungs­versuche für das energiezeh­rende Verhalten wie günstigere Windverhäl­tnisse in höheren Lagen schließen die Forscher aus: „In Höhen über 2000 Metern ändern sich Winde fast nicht, wenn man nur vom Tag in die Nacht wechselt oder umgekehrt“, sagt Sjöberg.

Weitere Hypothesen sind, dass Vögel in größerer Höhe weiter sehen und Feinden wie Greifvögel aus dem Weg gehen könnten. Auch das überzeugt die Ornitholog­en nicht. Am plausibels­ten hält Sjöberg die Annahme, dass die Vögel mit dem Aufstieg eine Überhitzun­g und damit das Risiko eines Kreislaufs­chocks vermeiden. „Wenn die Vögel auf 5400 Meter aufsteigen, erreichen sie eine Luftschich­t mit einer Temperatur von etwa minus neun Grad – das sind 22 Grad kälter als die Höhe, in der die Vögel in der Nacht fliegen“, erklärt Sjöberg. Blieben die Vögel am Tage auf ihrer nächtliche­n Zughöhe, seien sie aber nicht nur um mehr als 20 Grad höheren Temperatur­en ausgesetzt, sondern sie bekämen auch noch die Hitze der Sonneneins­trahlung ab.

„Ziehende Vögel schlagen mehrere Male pro Sekunde mit den Flügeln, sie arbeiten also extrem hart, was ihren Körper sehr warm macht“, sagt die Biologin. „Es ist wahrschein­lich, dass sie es nicht schaffen würden, tagsüber zu fliegen, ohne sich zu überhitzen, wenn sie nicht in diese extremen Höhen aufsteigen würden“, sagt CoAutor Dennis Hasselquis­t. Die Erkenntnis­se stützen auch eine der Hypothesen zu der Frage, warum Singvögel überhaupt nachts ziehen, während sie sonst tagaktiv sind. Vereinfach­t gesagt: Wo es zu heiß ist, suchen Lebewesen Schatten. Den gibt es tagsüber am Himmel aber nicht. „Wahrschein­lich ist es ihre Art, Abkühlung zu finden“, glaubt Sjöberg.

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FOTO: DPA Der Zug vom Winter- ins Sommerquar­tier ist enorm zehrend.

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