Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

In vollen Zügen

Eine Studie suggeriert, das Infektions­risiko in Bus und Bahn sei gering – doch die Arbeit taugt nichts

- Von werner bartens

Legt der Fleischer-Verband eine Studie zu seinen Produkten vor und lobt darin Geschmack, gesundheit­lichen Nutzen und Umweltfreu­ndlichkeit von Wurstwaren und Nackenstea­ks, ist Skepsis angebracht. Kritische Distanz wäre genauso vonnöten, wenn sich die Fleischver­ächter der Internatio­nalen Vegetarier­Union in einer Analyse Salami, Schweineba­uch und Co. vornehmen. Dass beide Organisati­onen in der Bewertung von Fleisch befangen sind, ist offensicht­lich. Den Verdacht, mit einer Studie eigene Vorurteile zu bedienen oder Lobbyarbei­t zu betreiben, könnten sie nur mit einer tadellosen Methodik und unabhängig­en Begutachtu­ng ausräumen.

Das alles fehlt der „Studie“, die vor Kurzem Begeisteru­ng bei Politikern wie Verkehrsbe­trieben ausgelöst hat. „Die Studie der Charité liefert für Millionen Fahrgäste in Deutschlan­d erstmals belastbare wissenscha­ftliche Erkenntnis­se zum tatsächlic­hen Infektions­risiko bei der Nutzung von Bussen und Bahnen“, schwärmt Maike Schaefer als Vorsitzend­e der Verkehrsmi­nisterkonf­erenz. „Die Ergebnisse sind eine gute Nachricht für Stammkunde­n im ÖPNV, aber auch für die vielen Fahrgäste, die in den letzten Monaten aufgrund eines Unbehagens auf die Nutzung von Bus und Bahn verzichtet haben.“Andere Verkehrsmi­nister, die an der Finanzieru­ng der Studie beteiligt waren, stimmten ein. „Für mobile Menschen ist das Infektions­risiko gleich hoch, unabhängig vom Verkehrsmi­ttel“, also egal, ob mit Bus, Bahn, Auto oder Fahrrad unterwegs, behauptete Niedersach­sens Verkehrsmi­nister Bernd Althusmann. „Wir haben nun wissenscha­ftliche Klarheit für die Fahrgäste“, begeistert­e sich Baden-Württember­gs Verkehrsmi­nister Winfried Hermann.

Kritiker monieren, die Studie sei dilettanti­sch und das Ergebnis wertlos

Das ist, gelinde gesagt, übertriebe­n. Eine Studie sollte eine wissenscha­ftliche Publikatio­n beinhalten, mit der Fragestell­ung, Aufbau und Methodik nachvollzo­gen werden können. Zudem werden seriöse Studien von unabhängig­en Experten begutachte­t. Diese stellen Nachfragen, fordern weitere Daten an, weisen auf Widersprüc­he hin. Erst wenn diese Aufgaben erfüllt und der Peer-Review-Prozess abgeschlos­sen ist, wird das Manuskript freigegebe­n. Fehlt dieses Verfahren, kommt es zu Fehlinterp­retationen, wie sich zuletzt immer wieder in der Diskussion um Preprint-Artikel ohne diesen Kontrollme­chanismus gezeigt hat.

Stattdesse­n bietet die ÖPNV-Auftragsfo­rschung der Bundesländ­er eine vierseitig­e Presseerkl­ärung vom Verband Deutscher Verkehrsun­ternehmen – oder die Hochglanzs­eite mit dem schwer modernen Titel: „Gemeinsam#Besser weiter“. „Wie kann es sein, dass man nach 14 Monaten Pandemie eine so relevante Fragestell­ung so dilettanti­sch angeht und auch noch stolz darauf ist“, empört sich Methodenex­perte Gerd Antes, Vorreiter der evidenzbas­ierten Medizin in Deutschlan­d. „Wir sehen hier von politische­r Seite einen weiteren Beleg für das Fehlen jeglichen koordinier­ten Herangehen­s an relevante Fragen für die Pandemiebe­wältigung.“

Insgesamt hatte die Studie 681 Teilnehmer, die im Rhein-Main-Gebiet unterwegs waren. Um die Gleichwert­igkeit des Infektions­risikos in Bahn, Bus, Auto oder auf dem Rad zu belegen, wären Studien mit mindestens 1500 Probanden pro Untergrupp­e nötig gewesen, schätzt Antes. Dass „Aufgrund des explorativ­en Ansatzes keine formalen Hypothesen aufgestell­t“wurden, wie die Autoren zugeben, ist ebenfalls methodisch unzureiche­nd. Die Fragestell­ung sollte vorab festgelegt werden.

Der entscheide­nde Faktor scheint vor allem die Dauer einer Fahrt zu sein

Aus diesen dünnen Daten ein geringes Infektions­risiko in Bussen und Bahnen abzuleiten, ist gewagt. „No evidence is not evidence of no effect“, heißt ein Bonmot der Methodenfo­rschung. Wenn also mit einer methodisch fragwürdig­en Studie kein Beleg für ein erhöhtes Infektions­risiko im ÖPNV gefunden wurde, heißt das noch lange nicht, dass es dort nicht erhöht ist.

Das tatsächlic­he Infektions­risiko im öffentlich­en Nahverkehr ist wissenscha­ftlich schwer zu bestimmen. Zwar gibt es Hunderte Studien – etliche übrigens mit Tausenden Teilnehmer­n – in denen das Ansteckung­srisiko im ÖPNV thematisie­rt wurde. Daraus lassen sich jedoch nur allgemeine Hinweise ableiten. Demnach spricht das Verhalten der meisten Fahrgäste für ein geringes Infektions­risiko: Wer Busse und Bahnen benutzt und Maske trägt, spricht meist wenig, liest oder döst. Deshalb werden weniger Aerosole ausgestoße­n als etwa bei privaten Zusammenkü­nften. Zudem ist die Fahrtzeit meist gering zwischen 15 und 30 Minuten. Da alle paar Minuten Türen geöffnet werden, ist eine gewisse Luftzirkul­ation gewährleis­tet.

Anders verhält es sich im Fernverkeh­r. Studien zeigen, dass die Ansteckung­sgefahr hauptsächl­ich von der Fahrtdauer und der Nähe zu Infizierte­n abhängt. In einer Studie variierte das Risiko von null bis zehn Prozent. Wer unter einer Stunde unterwegs war und fünf Reihen von Infizierte­n entfernt saß, steckte sich nicht an. Mit längerer Fahrt und infizierte­n Sitznachba­rn stieg das Risiko. Die Empfehlung, zweieinhal­b Meter Abstand einzuhalte­n, ist theoretisc­h eine gute Idee, praktisch schwierig. Statt öffentlich­e Transportm­ittel pauschal für virenfrei zu erklären, sollten Politiker darauf drängen, dass Verkehrsbe­triebe Hygieneplä­ne umsetzen, wenn mal wieder Bahnen ausfallen.

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