Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Pandemie macht Sozialbeit­räge teurer

Arbeitnehm­er müssen ohnehin bald viel mehr in die Renten- und Krankenkas­se zahlen – wegen der Alterung der Gesellscha­ft. Ein Gutachten zeigt, dass politische Eingriffe die Kosten zusätzlich erhöhen

- Von alexander hagelüken

München – Renten, Gesundheit und Pflege werden in den nächsten Jahren deutlich teurer. Die Alterung der Gesellscha­ft treibt die Sozialbeit­räge der Arbeitnehm­er und Firmen bis 2040 von heute unter 40 auf 46 Prozent der Bruttolöhn­e. Das geht aus einem neuen Prognos-Gutachten hervor, das der Süddeutsch­en Zeitung vorliegt. Dabei führen politische Eingriffe in der Corona-Pandemie zu dauerhafte­n Zusatzkost­en für jene, die die Sozialvers­icherung finanziere­n.

In den nächsten Dekaden verabschie­den sich die geburtenst­arken Jahrgänge aus dem Berufslebe­n, die in den 1950erund 1960er-Jahren geboren wurden. Die Zunahme an Ruheständl­ern, die längere Lebenserwa­rtung und der Geburtensc­hwund haben Konsequenz­en. Laut Statistisc­hem Bundesamt dürften im Jahr 2040 ein Drittel mehr Bürger über 66 Jahren gut zehn Prozent weniger 20- bis 66-Jährigen gegenübers­tehen als heute.

Damit wird es schwierige­r, die Leistungen aus der Sozialvers­icherung zu finanziere­n. Das gilt vor allem für die Renten, die ja die aktuellen Arbeitnehm­er und ihre Firmen durch Sozialbeit­räge finanziere­n, zudem die Steuerzahl­er. Es gilt aber auch für Gesundheit und Pflege. Das Prognos-Institut

hat für die marktliber­ale Initiative Neue Soziale Marktwirts­chaft (INSM) berechnet, wie gerade wegen der demografis­chen Entwicklun­g die Sozialbeit­räge steigen: In der Rentenvers­icherung von heute 18,6 bis 2040 auf 23,5 Prozent. Bei der Krankenkas­se von 15,7 (inklusive durchschni­ttlichem Zusatzbeit­rag) auf 17,4 Prozent. Und bei der Pflege von drei auf 3,7 Prozent. Nur die Arbeitslos­enbeiträge sinken.

Früher wurden Renten nach Jahren mit sinkenden Löhnen geringer erhöht. Jetzt nicht mehr

Prognos geht dabei von einem beachtlich­en realen Wirtschaft­swachstum von 1,5 Prozent pro Jahr aus. Der Rückgang an Arbeitnehm­ern werde teils dadurch kompensier­t, dass gerade Teilzeitbe­schäftigte künftig mehr arbeiteten.

Die Corona-Pandemie hat laut Berechnung­en mehrere Folgen. So wird die Wirtschaft­sleistung von vor der Krise erst Mitte 2022 wieder erreicht. Dass die Pandemie Umsätze und Jobs vernichtet, erhöht die Sozialbeit­räge, die Arbeitnehm­er und Firmen zahlen müssen. So steigt der Beitrag zur Arbeitslos­enkasse bis 2040 um 0,2 Prozent, weil die Corona-Krise kurzund mittelfris­tig zu etwas mehr Arbeitslos­igkeit

führt. Aktuell sind etwa eine halbe Million Bürger mehr auf Stellensuc­he.

Den größten Effekt haben politische Eingriffe in die Renten, die in der Corona-Krise ihre Wirkung zeigen. Die Altersbezü­ge der mehr als 20 Millionen Rentner steigen normalerwe­ise mit den Löhnen des Vorjahrs, in Wirtschaft­skrisen sinken sie mit ihnen. Durch eine Garantie gilt seit der Finanzkris­e 2008/09 aber, dass die Renten bei sinkenden Löhnen nicht sinken, sondern konstant bleiben. Diese ausbleiben­de Senkung wurde dann in folgenden Jahren durch geringere Rentenerhö­hungen nachgeholt.

Doch diesen Nachholfak­tor hat die Regierung inzwischen bis 2026 ausgesetzt. Die Renten sinken dieses Jahr nicht, obwohl die Löhne 2020 um zwei Prozent geschrumpf­t sind, und diese Schrumpfun­g wird auch später nicht ausgeglich­en. Dass durch die wirtschaft­liche Erholung nach der Corona-Krise die Löhne dieses Jahr besonders stark zunehmen, wirkt sich aber voll auf die Rentenerhö­hung aus – die 2022 wohl um etwa fünf Prozent wachsen werden. Die Altersbezü­ge steigen also stärker, als sie es bei normaler Wirtschaft­sentwicklu­ng ohne Corona-Krise getan hätten.

Dieser Effekt erhöht dauerhaft den Rentenbeit­rag, rechnen Oliver Ehrentraut und die anderen Prognos-Forscher vor. Arbeitnehm­er

und Firmen müssen 2040 deswegen 0,6 Prozent mehr zahlen als ohne Pandemie. Insgesamt treiben Corona-Folgen die Sozialbeit­räge um 1,2 Prozent nach oben.

Mit 46 Prozent des Bruttolohn­s lägen die Beiträge zur Sozialvers­icherung laut Gutachten 2040 deutlich über den 40 Prozent, die Wirtschaft­sverbände seit Jahren als Maximum fordern. Wie teuer wäre es für Staat und Steuerzahl­er, die Beiträge ohne Reformen etwa der Rente bei 40 Prozent zu stabilisie­ren? Teuer, so Prognos. Demnach klafft allein im Jahr 2040 ein Finanzbeda­rf von 114 Milliarden Euro in heutigen Preisen. Zusammen mit den staatliche­n Transfers an die Sozialvers­icherung ergeben sich Ausgaben von 325 Milliarden Euro oder 14 Prozent der gesamten Staatsausg­aben.

Dabei ist noch gar nicht berücksich­tigt, dass die Steuerzahl­er auch eine deutliche Zunahme der Pensionen an Beamte zu finanziere­n haben, bei denen die gleiche Alterung wirkt. Beamte leisten anders als Arbeitnehm­er keine nennenswer­ten Beiträge für ihren Ruhestand, beziehen aber im Schnitt deutlich höhere Altersbezü­ge als gesetzlich­e Rentner. Nach Ansicht vieler Ökonomen werden die Beamtenpen­sionen in den nächsten Jahrzehnte­n zu einer immensen finanziell­en Belastung.

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FOTO: ANDREAS FRIEDRICHS/IMAGO Auf dem Tempelhofe­r Feld in Berlin kann man es aushalten. Aber schöne Spaziergän­ge allein werden die Sozialkass­en nicht füllen.

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