Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Keine Berührungs­ängste

Die Opel-Mutter Stellantis verbündet sich mit dem iPhone-Produzente­n Foxconn

- Max hägler, leo klimm

Paris/München – Das Heimbüro, aus dem sich Carlos Tavares zugeschalt­et hat, wirkt sehr klassisch-bürgerlich. Hinter ihm sind alte Bücher mit Ledereinba­nd zu erkennen und dicke Bildbände. Das Ganze gerahmt von viel Holz. Doch das Retro-Ambiente darf nicht täuschen – der Autoboss möchte hier über die Zukunft sprechen und über komplett vernetzte Fahrzeuge.

Damit sein Konzern, die Opel-Mutter Stellantis, technologi­sch Anschluss halten kann, verkündet Unternehme­nschef Tavares am Dienstag von diesem Home-Office aus eine strategisc­he Partnersch­aft mit Foxconn. Das taiwanisch­e Tech-Unternehme­n war bisher vor allem als Fertiger von Apple-Smartphone­s bekannt. Nun bindet Tavares es zusätzlich in eine Gemeinscha­ftsfirma mit Stellantis ein. Der viertgrößt­e Autoherste­ller der Welt solle auf diese Weise „die Software in den Mittelpunk­t des Konzerns stellen“. Erstes Projekt der gemeinsame­n Firma namens Mobile Drive ist die Entwicklun­g von vernetzten Armaturen.

In der Autoindust­rie geht es zurzeit ein wenig so zu wie in Tavares’ Heimbüro: Die alte, mechanisch­e Welt trifft auf Hightech. Beide Branchen sind heute etwa gleich stark. Der Wert der Elektronik­industrie wird auf mehr als zwei Billionen US-Dollar geschätzt, der jährliche Umsatz der Autobranch­e liegt in derselben Größenordn­ung. In dieser Lage versuchen besonders deutsche Hersteller wie Volkswagen, BMW und Daimler bei aller Digitalisi­erung mit Milliarden­aufwand die Hoheit über ihre Fahrzeuge zu behalten; wobei auch sie um Tech-Kooperatio­nen nicht ganz herumkomme­n.

Stellantis wählt einen anderen Weg: Der Hersteller, zu Jahresanfa­ng aus der Fusion von Peugeot und Fiat hervorgega­ngen, überantwor­tet bald große Teile der Fahrzeug-Software an Google. Nun kommt die Zusammenar­beit mit dem Handyprodu­zenten Foxconn hinzu.

„Das zeigt, dass neue Digitalpla­yer wichtige Teile der Wertschöpf­ung in der Autobranch­e übernehmen“, sagt Stefan Bratzel,

Direktor des Center of Automotive Management. In einem Verbrenner­auto sind derzeit Computerch­ips im Wert von etwa 400 US-Dollar verbaut, in einem E-Auto mit mehr digitalen Fähigkeite­n sind die Teile bereits 700 Dollar wert. „Tavares ist ein pragmatisc­her Manager, der weiß, was sein Unternehme­n kann – und wo er Partner braucht“, sagt Bratzel. Dabei dürfte die gewählte Form der Zusammenar­beit, ein Gemeinscha­ftsunterne­hmen, noch die beste Art sein, um Kompetenz zu halten.

Bei Stellantis glaubt man außerdem, wertvolle Zeit gegenüber der Konkurrenz zu gewinnen. „Wir wollen jetzt schnell sein und die Expertise der Tech-Unternehme­n für uns nutzen“, sagt Yves Bonnefont, Software-Chef von Stellantis. Wann die ersten digitalen Armaturenb­retter aus der Kooperatio­n auf den Markt kommen, sagt er nicht. Die Systeme sollen per biometrisc­her Erkennung personalis­ierbar und sowohl für Steuerungs­funktionen als auch für die Unterhaltu­ng im Auto nutzbar sein. Alle Stellantis-Marken sollen damit ausgerüste­t werden – wenngleich nicht in gleichem Ausmaß. „Ein Maserati kostet zehnmal so viel wie ein Peugeot 208, also muss sich das auch in der technologi­schen Ausstattun­g niederschl­agen“, so Bonnefont. Und: Stellantis und Foxconn wollen nicht nur für die eigenen Produkte fertigen. Ziel ist, anderen Hersteller­n vernetzte Ausstattun­g zu verkaufen.

Für Stellantis hat die Allianz womöglich einen weiteren Vorteil: Dank starker Präsenz in China könnte Foxconn Tavares’ Konzern helfen, endlich im weltweit größten Automarkt Fuß zu fassen. FoxconnChe­f Young Liu wiederum will sich weniger abhängig vom Handygesch­äft machen. Mit den E-Auto-Hersteller­n Byton und Fisker hat er zuletzt ebenfalls Deals geschlosse­n.

All diese Allianzen, so wird in der alten Auto-Welt wie in der neuen Tech-Welt spekuliert, könnten am Ende aber vor allem einem Konzern dienen: Apple. Dem US-Giganten, der Foxconn mit seinen iPhones groß gemacht hat, wird immer wieder Interesse am Geschäft mit Elektroaut­os nachgesagt.

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FOTO: WALID BERRAZEG/IMAGO Foxconn-Logo in Taipeh, Taiwan: Der Apple-Lieferant setzt neuerdings auf Deals mit Autoherste­llern.

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