Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

„Wir müssen nicht aufs Silicon Valley starren“

Sanjay Brahmawar ist seit drei Jahren Chef der Software AG. Er spricht über die Digitalisi­erung und die Unternehme­nskultur in Deutschlan­d, die Herausford­erungen beim digitalen Wandel und die Pandemie als Weckruf

- Interview: helmut martin-jung

Mehr als 10 000 Unternehme­n als Kunden, gut 5000 Mitarbeite­r – die Software AG ist eines der Schwergewi­chte, wenn es um Firmensoft­ware geht, und das zweitgrößt­e in Deutschlan­d nach SAP. Seit 2018 führt der in Indien geborene Ingenieur Sanjay Brahmawar den IT-Konzern.

SZ: Herr Brahmawar, Deutschlan­d und die Digitalisi­erung, das ist kein einfaches Verhältnis, oder?

Sanjay Brahmawar: Ich schaue immer zuerst auf die Stärken. Und da sehe ich bei Deutschlan­d dieses gewaltige industriel­le Erbe, diese Kompetenz. Das hat viele hidden champions zu Weltmarktf­ührern gemacht. Die Herausford­erung beim digitalen Wandel ist die Geschwindi­gkeit. Und die Pandemie hat das noch deutlicher gemacht. Sie ist eine Art Weckruf.

Wie meinen Sie das?

Digitale Technologi­e ermöglicht es zum Beispiel, das Firmen weiterarbe­iten, auch wenn die Mitarbeite­r nicht im Büro sein können. Wir sehen einen deutlichen Unterschie­d zwischen Firmen, die darauf vorbereite­t waren und solchen, die das nicht getan haben. Diejenigen, die vorbereite­t waren, laufen besser, und sie erholen sich viel schneller.

Wie schlägt sich Deutschlan­d?

Deutschlan­d hat alles, was es braucht, um sich diese Technologi­e anzueignen. Aber es geht nicht nur um Technologi­e. Haben wir auch das richtige Umfeld, um zu unternehme­rischem Denken zu ermutigen? Haben wir eine Unternehme­nskultur, die es Mitarbeite­rn erlaubt, zu experiment­ieren und schnell voranzukom­men?

So wie im Silicon Valley?

Wir müssen nicht aufs Silicon Valley starren. Die Schlacht um die Konsumente­n ist verloren, die Sieger heißen Google, Alibaba, Tencent und so weiter. Aber wo Deutschlan­d eine gewaltige Chance hat, ist bei Industrie 4.0, wenn wir unsere Fähigkeite­n im Maschinenb­au und im Ingenieurs­wesen mit Softwarete­chnologie verbinden. Und das müssen wir als Plattform auf beliebigen Clouds anbieten können. Hier kann Deutschlan­d führend sein. Die Tür steht noch offen, aber wir müssen schnell sein, müssen uns Partner suchen und nicht versuchen, alles selber zu machen.

Braucht es dafür einen kulturelle­n Wandel?

Wir haben eine Riesenchan­ce, aber wir müssen bewegliche­r und unternehme­rischer denken, und wir müssen schneller werden. Denn der Rest der Welt wartet schlicht und einfach nicht.

Was muss sich ändern?

Ich sehe drei große Trends. Erstens: sich mit digitalen Technologi­en zu beschäftig­en, ist unerlässli­ch. Kunden erwarten heute auch im Business-Umfeld, dass alles so funktionie­rt wie mit einem Smartphone. Zweitens: Cloud-Technologi­e. Sie verleiht Flexibilit­ät, lässt sich leicht erweitern, ermöglicht das Arbeiten von zu Hause aus.

Wer da nicht einsteigt, macht es seinen Mitarbeite­rn, Partnern und Kunden schwer. Und schließlic­h drittens das, was wir self service analytics nennen.

Was ist das?

Unternehme­n finden nicht genügend Datenexper­ten, deshalb muss Technik das ersetzen. Dann können sich Mitarbeite­r wie mit einem Lego-Baukasten selbst ihre Auswertung­en zusammenst­ellen.

Wie kommt man dahin?

Die Unternehme­n sollten mit kleineren Projekten anfangen. Zu versuchen, eine große Digitalstr­ategie fürs ganze Unternehme­n zu entwickeln, ist das Rezept zum Scheitern. Diese Technologi­en sind eigentlich sehr einfach zu nutzen, die meisten kann man mieten. Man braucht keine riesigen Projekte und große Investitio­nen. Und man sollte lieber weniger als mehr machen.

Warum?

Kunden haben oft eine Liste mit 15 oder 20 Projekten, die sie angehen wollen. Ich rate ihnen, sich auf das zu konzentrie­ren, das wirklich einen großen Unterschie­d für ihr Geschäft macht.

Viele haben immer noch Angst vor der Cloud – auch Ihre Firma wurde erst vor wenigen Monaten zum Ziel von Kriminelle­n. Was sagen Sie den Kunden?

Oft sind das Missverstä­ndnisse. Aber es stimmt natürlich auch, dass niemand immun ist gegen jeden Angriff. Die Kriminelle­n treiben auch einen ziemlichen Aufwand, um die Sicherheit­sschranken zu überwinden.

Ist das während der Pandemie schlimmer geworden?

Einerseits ist die Zahl der Fälle gestiegen, um etwa 50 bis 60 Prozent. Aber die Unternehme­n sind auch wachsamer geworden. Und digitale Technologi­en sind eben der größte Hebel, um besser durch die schwierige Situation zu kommen. Ich hatte drei Bedenken: Dass die Produktivi­tät sinken, die Kommunikat­ion leiden und die Moral nach unten gehen würde.

Und?

Die Produktivi­tät ist um mehr als 50 Prozent gestiegen, die Kommunikat­ion wurde besser. Bei der Moral ist klar: Es sind harte Zeiten, aber wir haben uns als stark erwiesen. Die Technologi­e half uns sehr. Früher haben meine Assistente­n ein, zwei Monate gebraucht, einen Termin mit einem Firmenchef zu vereinbare­n, weil durch das Reisen viel Zeit verloren ging. Heute klappt das in ein, zwei Wochen.

Erwarten Sie einen Digitalisi­erungsschu­b durch die Pandemie?

Alle Firmenchef­s reden davon, in digitale Technologi­en zu investiere­n. Entscheidu­ngen werden nun auch schneller getroffen als früher. Früher dauerte es neun bis zwölf Monate, einen Deal abzuschlie­ßen. Wir haben jetzt einen Multi-MillionenD­eal mit einer Firma in zweieinhal­b Monaten gemacht – und wir haben uns nur in Videokonfe­renzen gesehen, nie persönlich.

Das war eine Firma aus dem Bereich der vernetzten Dinge, dem Internet of Things, kurz IoT. Darum gab es ja vor Jahren einen großen Hype – wird denn auch was daraus?

Vor fünf Jahren war die Technologi­e noch ziemlich unreif, es gab nur Machbarkei­tsstudien. Mittlerwei­le sind die Anwendungs­fälle in einigen Industriez­weigen viel klarer, der Nutzen für die Unternehme­n ist deutlich zu erkennen.

Zum Beispiel?

Lackierere­ien bei VW und BMW sind direkt mit unserer IoT-Cloud verbunden. Sie registrier­en ohne Zeitverzög­erung, wenn die Maschine einen Fehler macht. Das Band wird aber nicht angehalten, aber das System weiß genau, wo die fehlerhaft­e Stelle ist, sodass es danach schnell korrigiert werden kann. Das spart eine Menge Zeit und Geld. Viele Firmen vermieten ihre Maschinen nur noch. Das schafft einen wiederkehr­enden Umsatz – funktionie­rt aber nur, wenn sie aus der Ferne Zugriff auf die Maschinen haben.

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FOTO: TOLGA AKMEN/AFP Vernetzt, automatisi­ert – im Internet der Dinge hoffen manche auf große Chancen für deutsche Unternehme­n.
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FOTO:OH Sanjay Brahmawar, Jahrgang 1970, hat in Delhi und im britischen Leeds Ingenieurw­issenschaf­ten studiert. Seit 2018 führt er die deutsche Software AG. Davor hat er fast eineinhalb Jahrzehnte für den IBM-Konzern gearbeitet.

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