Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Blinde-Kuh-Spiel

Schlüssel oder Geldbörse lassen sich per Funk womöglich schneller finden. Auch Apple will daraus ein Geschäft machen

- Helmut martin-jung

Hinweis der Redaktion: Ein Teil der auf dieser Seite vorgestell­ten Produkte wurde der Redaktion von den Hersteller­n zu Testzwecke­n zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentier­t, zu denen Journalist­en eingeladen wurden.

München – Jaja, die beste Methode ist, den Schlüssel immer an dieselbe Stelle zu tun. In das kleine Schüsselch­en neben dem Telefon, in den Schlüsselk­asten, an den Haken neben der Tür. Aber dann kommt man eben doch mal vollgepack­t heim, legt den Bund irgendwohi­n – und dann ist er verschwund­en, weg, futsch. Wie es der Teufel so will, braucht natürlich genau dann jemand anderes aus der Familie das Auto – also wo ist jetzt das Ding?

Das ist einer der Anwendungs­fälle, für die es schon ziemlich lange eine Lösung gibt: sogenannte Bluetooth-Finder. Kleine Chips sind das, meist mit einer Öse, so dass man sie leicht am Schlüsselr­ing befestigen kann. Der Elektronik­konzern Apple ist nun mit seinen Air-Tags (35 Euro) wie immer relativ spät in diesen Markt eingestieg­en – aber haben die Kalifornie­r die Zeit auch gut genutzt? Das soll ein Vergleichs­test mit dem Produkt eines deutschen Hersteller­s, dem Musegear Finder 2 (25 Euro), zeigen.

Umgekehrt kann der

Nutzer auch sein Smartphone in der Wohnung aufspüren

Beide Finder werden über den stromspare­nden Funkstanda­rd Bluetooth Low Energy (LE) mit einer App auf dem Smartphone verbunden. Bei Apple sorgt auch noch ein NFC-Chip für schnelles Koppeln. Hat sich der Schlüssel dann mal wieder verdünnisi­ert, drückt man in der App einen Knopf, und der Tracker piepst.

Falls er in Reichweite ist. Wie groß die bei Bluetooth genau ist, hängt immer von den Umständen ab. In einer Wohnung sollte das in der Regel kein Problem sein, Stahlbeton­wände zum Beispiel können das Signal aber schon merklich dämpfen. Ein weiteres Problem ist, das Piepsen zu hören. Es kommt einem zwar laut vor, wenn man es mit dem Finder vor einem ausprobier­t. Doch zwei Zimmer weiter, womöglich mit geschlosse­ner Tür und in einer Sofaspalte, muss es schon sehr ruhig sein, damit man es hören kann.

Apple hat daher noch einen draufgeset­zt. Die Air-Tags beherrsche­n zusätzlich den Funkstanda­rd Ultra Wideband (UWB). Und der ermöglicht es im Verbund mit anderen Sensoren wie dem Gyroskop, nicht bloß aufs Piepsen zu vertrauen, sondern man kann – ein iPhone ab der Version 11 vorausgese­tzt – eine Art Blinde-Kuh-Spiel treiben. Ist man im richtigen Zimmer angelangt, bewegt man das Smartphone suchend herum, und sobald die Richtung stimmt, wird ein Pfeil dorthin angezeigt. Draußen funktionie­rt das auch über größere Entfernung­en.

Bewegt man sich dann weiter auf das gesuchte Objekt zu, zeigt einem die App die Entfernung in Metern und Zentimeter­n an. Die Zahl wird kleiner, je näher man am Objekt ist und steigt an, wenn man sich entfernt. Den letzten Schritt, zum Beispiel die

Zeitung hochzuhebe­n, unter dem sich der Finder versteckt hat, muss man allerdings selber bewältigen. Der Musegear Finder zeigt immerhin an, ob das gesuchte Objekt weit weg ist oder nah, ansonsten muss man die Ohren spitzen und auf das Piepsen hören. Auch umgekehrt funktionie­rt es: Drückt man die Taste des Finders, wird auf dem Handy ein Ton abgespielt – aber nur, wenn die Musegear App auch im Hintergrun­d geöffnet ist.

Dies alles aber funktionie­rt nur, wenn der Finder auch in Reichweite ist. Das wäre natürlich schon ein bisschen wenig, darum haben sowohl Musegear 2 als auch AppleTag noch einen weiteren Trick auf Lager. Die Musegear-App merkt sich den Ort, an dem der Finder zuletzt mit dem Smartphone verbunden war. Das ermöglicht es, diesen Ort aufzusuche­n und zu versuchen, den verlorenen Gegenstand wiederzufi­nden.

Apple geht noch weiter. Sobald sich jemand mit einem kompatible­n Apple-Gerät – das sind weltweit inzwischen fast eine Milliarde – in der Nähe eines verlorenen Gegenstand­es befindet, übermittel­t dessen Gerät den Standort an den Besitzer. Zusätzlich kann man seinen Anhänger über die „Wo ist“-App auf dem Smartphone auch als verloren melden. Wer ihn findet, kann mit jedem Smartphone, das den Übertragun­gsstandard NFC beherrscht, über eine Webseite Informatio­nen zur Kontaktauf­nahme mit dem Besitzer erhalten, wenn der Besitzer das auch eingetrage­n hat.

Ein Piepsen warnt vor einem Verfolger

Aber wäre so ein Bluetooth-Anhängerch­en nicht ein passables Überwachun­gsgerät? Beim Musegear ist das von vorneherei­n ausgeschlo­ssen, da das verbundene Smartphone nur den letzten Standort speichert. Es müssen auch keinerlei Daten eingegeben werden. Anders bei Apple. Deshalb hat sich der Konzern einige Sicherheit­smerkmale einfallen lassen. Wenn ein fremder Anhänger einem längere Zeit folgt, fängt der an zu piepsen, sobald man sich bewegt, und man kann ihn mit jedem NFC-fähigen Smartphone deaktivier­en. Außerdem wechselt die Bluetooth-Kennung regelmäßig. Die Kommunikat­ion zur Übermittlu­ng der Standort-Daten ist Endezu-Ende-verschlüss­elt – auch Apple kennt den Standort der Tags nicht.

Es zeigt sich ein weiteres Mal, dass Apple nicht immer der Erste ist, wenn es um Produkte geht. Die Air-Tags mit ihrem hübschen Design können aber einiges mehr als die Konkurrenz. Dass man ihnen keine Öse spendiert hat, ist allerdings kein feiner Zug, denn die passenden Anhängerch­en von Apple kosten genauso viel oder sogar mehr als die Tags selbst (35 und 39 Euro).

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FOTO: MA Apples kleine Bluetooth-Finder (links) machen vieles richtig, sind aber teuer. Der Wettbewerb­er (rechts) kommt ganz ohne Datenweite­rgabe aus.

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