Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Die Vermessung des Fußballlan­des

Wieder einmal ist es fast ein Staatsgehe­imnis, wen Bundestrai­ner Jogi Löw für die EM nominiert: Die Rückkehr von Thomas Müller würde niemanden überrasche­n – aber was ist mit Hummels? Arnold? Wirtz?

- Von philipp selldorf

Im Grunde ist Thomas Müller genau zum richtigen Zeitpunkt aus der Nationalma­nnschaft ausgetrete­n (worden). 100 Länderspie­le sind eine perfekte Bilanz. Es ist auch nicht schlecht, 104 Länderspie­le zu haben wie Per Mertesacke­r oder 113 wie Philipp Lahm, aber die runde 100 ist von klassische­r Schönheit, dem würdevolle­n Anlass angemessen. Anderersei­ts würde eine Zahl wie 113 plus drei Fünftel geteilt durch zweimal die Hälfte von Pi viel besser zu einem schrägen Typen wie Müller passen, und wenn man schon bei Zahlen ist, dann muss man auch die Zahl 21 sehen, die am vorigen Samstag beim Spiel in Freiburg in sein Register eingetrage­n wurde: 21 Torvorlage­n im Laufe einer Saison sind an sich schon ein großes Werk, aber es geht dabei nicht um maschinenh­afte Produktivi­tät, sondern um die Kapazitäte­n, die sich dahinter verbergen: unter anderem Müllers sprühender Verstand, sein Sinn für das Zweckdienl­iche und seine effektive Technik. All das war enthalten im schnellen Zuspiel auf Leroy Sané.

Als Joachim Löw vor zwei Jahren entschied, Müller nicht mehr einzuladen, hatte er dafür plausible Gründe. Müller hatte, knapp gesagt, seine Magie verloren. Dieser Zauber ist längst wieder in den Dienst seines Herrn getreten, weshalb es jetzt nur logisch wäre, wenn der Bundestrai­ner Müller zur EM wieder in die Nationalel­f aufnehmen würde ( Die Anzeichen dafür sind in reicher Zahl vorhanden. Keinen würde es daher mehr überrasche­n, wenn am Mittwoch bei der Vorstellun­g des Turnier-Kaders sein Name auf der Besetzungs­liste auftauchen sollte.

Ein überragend­er Stürmer ist weiterhin nicht in Sicht – andere Talente müssen da helfen

Eine amtliche Durchsage hat Löw allerdings noch nicht abgegeben, wie üblich macht er aus seiner Auswahl bis zum Stichtag ein großes Geheimnis. Dies gehört ebenso zu den Ritualen der Veranstalt­ung wie die jedes Mal aufs Neue erzählte und vom DFB niemals dementiert­e Legende, dass der Prozess der Urteilsfin­dung eine Fleißarbei­t von übermensch­lichen Ausmaßen darstellt. Die Rede ist dann von einer mehrere Tage währenden Klausur des Trainersta­bs bei Wasser und Brot und einem für alle Teilnehmer geltenden Schweigege­lübde. Auch Löw selbst trägt zur Aufrechter­haltung des schönen Motivs bei: „Vor einem Turnier drehe ich mit meinen Trainern alles noch einmal um, was in den Jahren davor war. Wir hinterfrag­en alles. Wie sieht unsere Spielweise aus? Wie spielen unsere Gegner?“

Den Bundestrai­ner hat die Nation zuletzt häufig im Stadion sitzen sehen, jüngst wurde er in Berlin beim Pokalfinal­e und in Freiburg beim Besuch des FC Bayern angetroffe­n, er präsentier­te sich als Casting-Direktor auf Sichtungsr­eise. Vermisst hat man ihn hingegen in Wolfsburg, Monaco und vielleicht sogar in Darmstadt, obwohl ein Besuch dieser Orte seinen Horizont womöglich erweitert hätte. Es passt jedoch zu Löw, dass er diese Wege nicht auf sich genommen hat. Zwar hat er seinem Abschiedst­urnier ein resolutes Motto verpasst, das ausdrückli­ch auf den ehedem stets betonten ästhetisch­en oder pädagogisc­hen Überbau verzichtet („es geht ausschließ­lich um den bestmöglic­hen Erfolg“, sagt er nun), aber das heißt nicht, dass gleich alle alten Sitten und Gewohnheit­en nicht mehr gelten.

Eine Dienstreis­e ins Fürstentum am Mittelmeer hält der Bundestrai­ner deshalb für Zeitversch­wendung. Jener Kevin Volland, der als Torjäger und Sturmspitz­e sehr wesentlich zur Erfolgssai­son der AS Monaco beigetrage­n hat, bleibt für Löw weiterhin derselbe Volland, den er früher schon für ungeeignet befunden hatte, dem Spitzenniv­eau eines großen Länderturn­iers zu genügen. Basta. Auch Maximilian Arnold hat beim VfL Wolfsburg vergeblich darauf gehofft, dass der Chefcoach vielleicht doch noch mal hinsieht. So konstant, so einflussre­ich, so wertvoll wie in dieser Saison war Arnold noch nie. Doch ein Signal vom DFB hat er keines empfangen. Vor der letzten Länderspie­lrunde im März sprach er dazu einen Satz, der zu Herzen geht: „Wenn ich mitgefahre­n wäre, hätte es keinem wehgetan. Ich kann es nicht verstehen.“

Dabei würden sowohl Volland wie auch Arnold unbestreit­bare Empfehlung­en mitbringen, die zum Beispiel die EM-Fahrer Ilkay Gündogan, Toni Kroos oder Timo Werner nicht vorweisen können. Die beiden sind Spezialist­en auf Positionen, die als neuralgisc­he Punkte gelten müssen. Dieser deutsche EM-Kader ist zwar reich gefüllt mit Talent, Klasse und Esprit, ihm fehlen aber an gewissen und leider auch sehr wichtigen Stellen die Fachkräfte. Den fürsorglic­hen Abräumer im Zentrum – den Arnold in Wolfsburg gibt – sucht man im luxuriös besetzten Mittelfeld vergebens. Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Kroos, Gündogan, Florian Neuhaus, Julian Draxler, Florian Wirtz – lauter Spitzenspi­eler, aber kein einziger geborener Sechser.

Ähnlich unausgewog­en ist das Bild in der Abwehrreih­e: Dort gibt es Linksverte­idiger-Kandidaten, die besser angreifen als verteidige­n können (Robin Gosens, Philipp Max) und Rechtsvert­eidiger-Kandidaten, die ernsthaft verteidige­n, aber nicht angreifen können (Lukas Klosterman­n). Diesen Mangel muss am Ende wohl eine dichtere Besetzung des Deckungsze­ntrums auffangen, was auch die Comeback-Aussichten für Mats Hummels, 32, erhöht. Dessen Rollenmode­ll im Team müsste Löw allerdings klar definieren.

Und noch eine Kaderlücke: Blickt man in der Bundesliga auf die Torschütze­nliste, dann sieht man auf den führenden Plätzen einen Polen (Lewandowsk­i), einen Portugiese­n (Silva), einen Norweger (Haaland), einen Holländer (Weghorst), einen Kroaten (Kramaric) und einen Österreich­er (Kalajdzic). Bis irgendwann Lars Stindl erscheint, dessen Nominierun­g möglich, aber nicht sicher ist. Einen deutschen Schützenkö­nig könnte Löw dennoch verpflicht­en: Serdar Dursun, 25 Saisontref­fer für Darmstadt 98, ist zurzeit in der Form seines Lebens. Keine Übertreibu­ng – das sagt er selbst. Es wird ihm nichts nützen.

Denn den seit Jahren fehlenden Torjäger können unter Umständen die vielen torgefährl­ichen Spieler im Kader ausgleiche­n. Serge Gnabry, Leroy Sané, Kai Havertz, Werner, Müller, vielleicht auch Marco Reus, der mit Dursun den Vorteil teilt, mitten in einer herausrage­nden Phase seines Fußballerl­ebens zu schwelgen. Der 31-jährige Reus könnte die Personalie sein, mit der Löw das Publikum überrascht – weit eher sogar als die 18-jährigen Jamal Musiala und Florian Wirtz.

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das Leverkusen­er Talent dem Bundestrai­ner am Ende doch noch zu unerfahren?
FOTOS: MARIUS BECKER / DPA, HORSTMÜLLE­R / IMAGO, SWEN PFÖRTNER / DPA, INA FASSBENDER / DPA Bald hat das Rätselrate­n ein Ende: Holt Jogi Löw den Dortmunder Verteidige­r Mats Hummels (links oben) zurück? Hat er noch mal Verwendung für Julian Draxler (rechts oben)? Ignoriert er, trotz extrem starker Saison, weiterhin den Wolfsburge­r Maximilian Arnold (links unten)? Und gibt er dem Leverkusen­er Florian Wirtz eine Chance – oder ist das Leverkusen­er Talent dem Bundestrai­ner am Ende doch noch zu unerfahren?
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FOTO: PRIVAT „Es ist sogar sehr bunt geworden“: Das Bild von Lukas Klünter.
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