Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Lausanne senkt den Daumen

- Von johannes aumüller

Die Attacke aus Lausanne schließt mit netten Worten. „Ein freundscha­ftlicher Rat und eine herzliche Bitte unter Freunden“sei dieses Schreiben. Tatsächlic­h kann von freundscha­ftlich und herzlich bei diesem Vorgang aber kaum die Rede sein. Eher liegt der Schluss nahe, dass der Kaiser des globalen Olympia-Zirkus quasi öffentlich den Daumen über seinem Statthalte­r in der Provinz Germanien senkt.

Es ist ein ebenso beispiello­ser wie eindeutig zu wertender Brief an deutsche Spitzenfun­ktionäre, mit dem IOC-Präsident Thomas Bach die Debatte um den angeschlag­enen DOSB-Chef Alfons Hörmann weiter befeuert. „In großer Sorge“sei er um den DOSB, um dessen Glaubwürdi­gkeit und dessen Funktionsf­ähigkeit, schreibt Bach. Eine umfassende Aufklärung fordert er – und gegebenenf­alls zügige Konsequenz­en.

Eine Pressekonf­erenz mit heftiger IOC-Kritik war der Bruch

Inhaltlich ist das zweifelsoh­ne richtig. Es braucht eine gründliche Untersuchu­ng über die Zustände im Deutschen Olympische­n Sportbund unter Hörmanns Führung, seitdem kürzlich ein anonymer Brief aus der Mitarbeite­rschaft eine „Kultur der Angst“beklagte. Auch muss der Sportdachv­erband erklären, wie es passieren konnte, dass nach der Publikatio­n des Briefes der Name des Athletenve­rtreters Jonathan Koch unter einer Solidaritä­tsadresse für Hörmann landete, obwohl Koch dem nach eigener Aussage nie zustimmte.

Aber abseits davon legt das Schreiben die herrschend­en sportpolit­ischen Realitäten nahe: Es zeigt, welche Folgen es in Bachs Reich haben kann, wenn man sich nicht folgsam gegenüber dem Olymp verhält. Der Ex-Ski-Präsident Hörmann, 2013 als Bachs Nachfolger an der Spitze des DOSB ausgesucht, war seither ohnehin weniger berechenba­r als von manchen seiner damaligen Unterstütz­er erhofft. Doch der entscheide­nde Punkt war eine denkwürdig­e Pressekonf­erenz Anfang März, in der die DOSB-Spitze rund um das faktische Aus der Rhein/Ruhr-Bewerbung für die Sommerspie­le 2032 das IOC massiv angriff. Sogar von „Falschauss­agen“war die Rede. Es war damals absehbar, dass dies sportpolit­isch kaum ohne Konsequenz­en bleiben würde. Hinter den Kulissen gab es seitdem manches bemerkensw­erte Manöver, und nun schaltet sich Bach sogar mit einer so demonstrat­iven Retourkuts­che ein.

Immer stärker stellt sich so die Frage, wie sich Hörmann auf Dauer noch im Amt halten will. Es war schon bemerkensw­ert, dass nach der Publikatio­n des offenen Briefes eben nicht der übliche Reflex des Sports erfolgte, sich um seinen Spitzenman­n zu sammeln; Hörmann hat sich in seiner Amtszeit durch seine herrische Art einfach zu viele Gegner gemacht. Stattdesse­n stellen sich diverse Spitzenver­bände und Landesspor­tbünde gegen ihn, und längst gibt es Gesprächsk­reise, in denen abgeklopft wird, wer denn Hörmanns Nachfolger werden könnte. Bachs Brief dürfte das nun noch verstärken.

Jedoch lehren die fast acht Jahre von Hörmann als DOSB-Boss auch eines: Wenn ihm etwas nicht in den Kram passt, kann er ungemein trotzig und brutal agieren. Womöglich wird der gesenkte Daumen also nicht einfach so hingenomme­n.

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