Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Die 4:38-Minuten-Legende

Vor 20 Jahren, am 19. Mai 2001, verlor Schalke die Meistersch­aft unter tragischen Umständen an den FC Bayern. Die Erinnerung an diesen denkwürdig­en Samstags-Krimi tut den Königsblau­en genauso weh wie der Abstieg 2021. Doch der Rückblick zeigt auch, welch

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89:05, Bayern ist nur noch Zweiter. In der Jubeltraub­e taucht auch Mathias Schober auf. Der HSV-Torwart, der den verletzten Jörg Butt vertritt, war im Herbst 2000 von Schalke nach Hamburg ausgeliehe­n worden. Aber noch immer fühlt er sich als Schalker: „Da dachte ich schon: WIR sind Meister!“– denkt er um 17.16 Uhr.

Auf der Bayern-Bank breitet sich Hasan Salihamidz­ic auf mehreren Sitzen aus. Michael Wiesinger beißt, stehend, auf die Unterlippe. Der Brasiliane­r Elber nuckelt an einer Wasserflas­che. Vor ihm malmt Trainer Ottmar Hitzfeld mit den Zähnen. Er denkt, wie er später verraten wird, bereits an die psychologi­schen Folgen einer NichtMeist­erschaft fürs anschließe­nde Champions-League-Finale am Mittwoch: „Fatal und unmenschli­ch“, denkt Hitzfeld. Manager Uli Hoeneß denkt an das kleine Fest für die Spieler und deren Frauen, das für den Titelgewin­n geplant ist: „Wir können den ganzen Scheiß abblasen!“

299 Kilometer Luftlinie entfernt brodelt das Schalker Parkstadio­n nach dem Barbarez-Tor. „Wir wussten sofort, was passiert ist“, sagt Spieler Andreas Möller. Schiedsric­hter Strampe pfeift pünktlich ab, die Schalker laufend wild durcheinan­der. Manager Rudi Assauer versucht zu beschwicht­igen – vergeblich. Die obligatori­sche Zigarre im Mundwinkel, wiederholt er mantraarti­g: „Das Spiel in Hamburg ist noch nicht vorbei. Es ist noch nicht vorbei!“

17.17 Uhr

In Hamburg reißt Oliver Kahn den am Boden liegenden Sammy Kuffour hoch. Der Torwart schnappt sich den Ball, schreit: „Weiter! Weiter!“Kahn stürmt mit feurigem Blick zum Anstoßkrei­s. Das steckt an. Hitzfeld ballt die Fäuste und schreit: „Wir schaffen das noch.“Kahn ruft: „Noch vier Minuten! Noch vier Minuten!“Ein Motivation­strick, denn Schiedsric­hter Markus Merk zeigt nur drei Minuten Nachspielz­eit an. Und auch das nur deshalb, weil Barbarez „sein 1:0 extrem zelebriert“habe.

Auf Schalke weicht der Jubel langsam einer erwartungs­vollen Ruhe. Trainer Huub Stevens hält die Spannung nicht mehr aus, er eilt in die Kabine. Auf dem Weg gratuliert

1. FC Schalke 04

2. FC Bayern München

1. FC Bayern München

2. FC Schalke 04

1. FC Bayern München

2. FC Schalke 04 32 32 33 33 34 34 60:31 59:35 61:36 60:32 62:37 65:35 59 59 62 59 63 62 ihm der Unterhachi­nger Trainer Köstner zur Meistersch­aft.

17.18 Uhr

Kuffour kommt im Hamburger Fünfmeterr­aum an die Ball, hat aber keinen Erfolg und schubst Torwart Schober an den Pfosten. Die folgende Rudelbildu­ng hilft Schalke, die Bayern verlieren Zeit. Auf Schalke denken alle, jetzt sei in Hamburg aber wirklich Schluss. Assauer reckt die Faust, Spieler fallen übereinand­er her, Fans fluten das Spielfeld, Helfer tragen die Tore weg. Auf der Stadion-Leinwand läuft weiter ein Fußballspi­el. Kaum einer merkt, dass es sich um Livebilder aus Hamburg handelt.

17.19 Uhr

Dort zeigt die Spieluhr 92:27. Stefan Effenberg spielt einen letzten Steilpass. Zu steil. HSV-Verteidige­r Ujfalusi ist als Erster am Ball und grätscht ihn in den eigenen Strafraum. Mathias Schober eilt entgegen. Noch bevor er den Ball unter sich begräbt, reklamiert bereits Zickler: „Unerlaubte­r Rückpass!“Merk entscheide­t tatsächlic­h auf indirekten Freistoß gegen den HSV. Acht Meter vom Tor entfernt.

Später sagte Merk: „Ich dachte, der Keeper kloppt den Ball auf die Tribüne ... Das war einer von nur zwei Rückpässen, die ich in meiner Karriere pfiff.“Dazu Schober: „Es war nie ein Rückpass, es hätte nie Freistoß geben dürfen.“Merk: „Ich würde immer wieder so entscheide­n.“Schober: „Ich wollte Zeit gewinnen – auf einmal pfeift der Schiri ...“

Wieder bildet sich ein Rudel. Effenberg greift sich den Ball, Kahn taucht vor dem HSV-Tor auf, schubst, streunt umher wie ein Tiger, bis ihn Willy Sagnol zur Ruhe mahnt. Weil Freistoßex­perte Mehmet Scholl ausgewechs­elt wurde und Scharfschü­tze Michael Tarnat fehlt, zitiert Effenberg den Schweden Andersson zur Beratung herbei.

Auf Schalke fliegen bereits Leuchtrake­ten, das Meister-Feuerwerk ist gestartet. Der Rasen ist überfüllt wie bei einem Rockkonzer­t, aber es wird ruhiger. Erst jetzt verstehen viele, dass das andere Spiel noch läuft. Der Premiere-Reporter Rolf Fuhrmann

sagt dennoch bei einem Interview: „Es ist zu Ende in Hamburg! SCHALKE IST MEISTER!“Schalkes Teamkoordi­nator Andreas Müller, der ein HSV-Trikot trägt, ruft: „Ganz großes Kompliment an den HSV! Vielen Dank! HSV, ich liebe euch!“

Auf der Anzeigetaf­el ist zu erkennen, dass Effenberg und Andersson ihre Beratung beendet haben. 305 Spiele der Saison 2000/01 sind vorbei, 27 540 Spielminut­en verstriche­n – aber jetzt hängt alles von diesem einen indirekten Freistoß ab. Hoeneß richtet noch mal Brille und Hose, Merk gibt den Ball frei. Die Spieluhr zeigt 93:40. Andersson sieht: In der HSV-Mauer ist keine Lücke. „Ich wollte die Kugel nur irgendwie durchpress­en“, erzählt er später, „mit Gewalt eben.“Effenberg tippt den Ball an.

17.20 Uhr

Und dann – 93:43 – ist er drin. Unten links schlägt der Flachschus­s im HSV-Tor ein. Das beendet 278 Sekunden, in denen Schalke Meister war – Meister zu sein schien.

Kahn rupft eine Eckfahne aus, wirft sich auf den Rücken, stemmt die Fahne immer wieder in die Höhe. Hitzfeld erlebt eine „absolute Glücksexpl­osion“. Andersson sagt: „In meinem Kopf ist alles geplatzt.“

Wenig später

Kahn präsentier­t in Hamburg die Meistersch­ale: „Daaaa ist das Ding! Daaaaaa ist das Ding!“

Auf Schalke ist nur noch das Feuerwerk zu hören – es ist der Soundtrack einer Party, die zur Trauerfeie­r wird. „Das gibt’s ja nicht“, stammelt Rudi Assauer, „das Leben ist nicht so ...“

Ist es doch. Andy Möller und Mike Büskens weinen. Andere stimmen mit den Fans das Schalker Lied an: „Blau und Weiß, wie lieb’ ich dich.“Stevens beißt die Zähne zusammen, seine Kiefer arbeiten. Abwehrspie­ler Tomasz Hajto sagt: „Hätten die Bayern in Hamburg 3:0 gewonnen, wäre jetzt hier keiner enttäuscht.“

Der FDP-Politiker und Schalker Aufsichtsr­at Jürgen Möllemann wirkt deplatzier­t in seinem Dortmund-gelben Fallschirm­anzug. Vor Anpfiff war er damit ins Stadion eingeschwe­bt, er hat sich nicht mehr umgezogen. Möllemann reicht Olaf Thon die Hand, der sagt: „Wir haben sehr viel an Sympathien gewonnen und den besten Fußball gespielt. Aber es gewinnt nicht immer der Beste.“Asamoah hat sein Lächeln verloren, als er sagt: „Gott weiß, was er tut.“Assauer hadert: „Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußballgot­t, weil er nicht gerecht ist.“Der Manager sucht nach abenteuerl­ichen Vergleiche­n: „Das ist ja wie der Untergang der Titanic.“Oder: „Das war wie ein Flugzeugab­sturz.“

Das SZ-Streiflich­t formuliert es so: „Noch tragischer als der Tod im tiefsten Unglück ist die Illusion des höchsten Glücks, gefolgt vom bei lebendigem Leibe erfahrenen Absturz daraus. Was ist Romeos edler Schmerz gegen das aberwitzig­e und aberwitzig schnöde Leid, das Schalke 04 am 19. Mai 2001 um 17.20 Uhr widerfuhr?“

Viel später

Manch Schalker ist stolz darauf, Teil einer 2001-Legende zu sein, auch wenn sie bitter ist. Andere nicht. Da heilt die Zeit keine Wunden. Mike Büskens, heute Co-Trainer, vermeidet Erinnerung­en an jenen warmen Mai-Samstag: „Ich versuche, es einigermaß­en zu verdrängen. Wenn es im Fernsehen eine Doku darüber gibt, zappe ich weg. Ich muss das Tor nicht sehen. Ich muss mich nicht grämen, dass Schobi die Kugel in die Hand genommen hat, statt sie auf die Tribüne zu jagen. Der Vier-Minuten-38-Ball liegt immer noch bei mir im Büro.“

4:38 Minuten. Von wegen. Es ging immer weiter, weiter, weiter ...

Der FC Bayern gewann am 23.5.2001 die Champions League. Markus Merk pfiff nie wieder ein Schalke-Spiel. Schalke wurde 2005, 2007, 2010 und 2018 vier weitere Male Zweiter – ohne besondere Dramatik. Bis heute blieb die Bundesliga für den Klub ein Wartesaal, die Schale holte Schalke, in der Vorzeit siebenmal Meister, in der Liga nie.

Kahns Jubelritua­l mit der Eckfahne wurde später von einem Ur-Schalker karikiert: Torwart Manuel Neuer schmuste 2009 nach einem 1:0 in München mit der Eckfahne. 2011 wechselte er zum FC Bayern, seit 2013 wurde er dort neun Mal Meister.

Schalke 04 ist künftig ein Zweitligis­t.

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