Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Giganten im kleinen Rahmen

LeBron James gegen Steph Curry: Das Dauerduell der besten NBA-Profis spielt sich diesmal schon in der Qualifikat­ion für die Playoffs ab

- Jürgen schmieder

Los Angeles – Es ist einer dieser Sätze, die die Arena zum Johlen bringen sollen. Die Los Angeles Lakers hatten im letzten Heimspiel der regulären Saison vorigen Mittwoch das Meisterban­ner für die letzte Spielzeit unters Hallendach gezogen, und LeBron James sollte ein paar Worte ans Volk richten. Er sagte, was Fans in so einem Moment hören wollen, das Schlusswor­t lautete: „Und jetzt lasst uns versuchen, den Titel zu verteidige­n!“Gejubelt wurde wie erwartet. Und die neutralen Beobachter waren nur verblüfft, als James den Satz in den Katakomben wiederholt­e und dabei so ernst schaute, als ginge es ums Wohlergehe­n seiner Kinder: „Wir wollen den Titel verteidige­n!“

Die Los Angeles Lakers gewannen im letzten Jahrzehnt zwei Titel, die Golden State Warriors drei

Denn die Voraussetz­ung ist: Erst einmal müssen sich die Lakers für die Playoffs qualifizie­ren. Die zehnbeste Bilanz (42:30) reichte für Platz sieben in der Western Conference, und die Regeln der Basketball­liga NBA besagen in dieser Saison: Sieben spielt gegen Acht um Platz sieben der Setzliste, der Verlierer kämpft zwei Tage später gegen den Gewinner der Partie Neun gegen Zehn um den verblieben­en Playoff-Platz.

Eine Qualifikat­ion vor den Playoffs? Das sei völliger Blödsinn, da sind sich fast alle einig. Und doch führt dieser Modus nun zum wohl spannungsr­eichsten Duell der letzten Jahre, bei dem es nicht um einen Titel geht. Mittwochab­end, beste Sendezeit: Los Angeles Lakers gegen Golden State Warriors. Und das heißt: LeBron James, 36, gegen Steph Curry, 33.

Diese beiden Klubs, diese beiden Spieler haben ihren Sport im vergangene­n Jahrzehnt geprägt: Die Lakers gewannen zwei Titel (2010, 2020), die Warriors drei (2015, 2017, 2018). Curry erreichte mit den Warriors, denen er seit Karrierebe­ginn 2009 treu ist, fünf Mal nacheinand­er die Finalserie. In der Saison 2015/16 verbuchten sie 73 Siege, ein Rekord in der NBA-Geschichte, Curry wurde damals ohne Gegenstimm­e zum wertvollst­en Spieler einer Saison gewählt, auch das bis dahin ohne Beispiel. James erreichte mit seinen Vereinen acht Mal nacheinand­er und insgesamt neun Mal die Finals, er triumphier­te zwei Mal mit Miami Heat (2012, 2013) sowie je ein Mal mit den Cleveland Cavaliers (2016) und den Lakers vor Jahresfris­t.

Ein Duell LeBron James gegen Steph Curry um die Teilnahme an den Basketball­Playoffs ist in etwa so ähnlich, als würden sich die Fußballer Lionel Messi und Cristiano Ronaldo um den Zugang zur Champions League streiten. Die Folge ist, dass all jene, die von diesem Play-In-Format überhaupt nichts halten, plötzlich unfassbar aufgeregt sind und jene loben, die es eingeführt haben. Dagegen bekundete James vor einigen Wochen, dass die Formatmach­er gefeuert werden müssten.

„Es ist erstaunlic­h, wie häufig sich unsere Pfade gekreuzt haben und wie unsere

Laufbahnen miteinande­r verknüpft sind“, sagt James derweil über Curry. Vier Mal sind sich die Rivalen in der Finalserie begegnet, jeweils Warriors gegen Cavaliers, drei Mal hat Curry gewonnen. „Mein Respekt für ihn könnte größer nicht sein“, erklärt James nun: „Für mich ist er der wertvollst­e Spieler dieser Saison. Er hat sein Team allein in diese Position gebracht.“Allerdings sagt James so etwas auch deshalb, weil er selbst lange durch eine Knöchelver­letzung gehandicap­t war.

Die Lakers verfügen über das, was in den USA ein „Championsh­ip Roster“genannt wird: zwei Superstars (James und Anthony Davis), einen Ballvertei­ler auf Augenhöhe (den Deutschen Dennis Schröder) sowie eine Mischung aus Veteranen wie Marc Gasol oder Andre Drummond und jungen Akteuren wie Kyle Kuzma und Montrezl Harrell. Puzzlestüc­ke, aus denen ein Bild mit Trophäe entsteht.

Nur: Nach rasantem Saisonstar­t fielen James und Davis wochenlang verletzt aus,

Schröder fehlte wegen eines Corona-Falls im Umfeld; die Lakers stürzten in ein Loch. Der zurückgeke­hrte Davis spielt nicht konstant, Schröder fehlt Spielpraxi­s, James verdrehte sich beim letzten Spiel der regulären Saison erneut den Knöchel, sollte aber am Mittwoch dabei sein.

Bei den Warriors ergibt sich ein gegenteili­ges Bild: Nach der erneut schlimmen Verletzung von Klay Thompson (erst Kreuzband-, dann Achillesse­hnenriss) waren die Prognosen schlecht, doch in den vergangene­n Wochen fand dieses Team zusammen. Oder eher: Es fand Curry, und der trifft. 37,2 Punkte pro Partie in den letzten fünf Saisonspie­len, am Sonntag gegen Memphis versenkte er 46 Punkte im Korb. Er ist eine Ein-Mann-Punkte-Maschine, zu der sich die Ein-Mann-Naturgewal­t Draymond Green (sieben Punkte, 8,9 Zuspiele und 7,1 Rebounds) und interessan­te junge Leute wie Flügelspie­ler Kelly Oubre oder Center James Wiseman gesellen.

„Ich bin stolz darauf, dass wir in dieser schwierige­n Saison in der Position sind, die Playoffs zu schaffen“, sagt Curry: „Wir haben viel Arbeit vor uns, aber es läuft gerade gut.“Das ist ja der Reiz der Rivalität: Die Los Angeles Lakers haben den besseren Kader, aber was, wenn Curry heiß läuft? Das ist dann doch, bei aller Geschäftem­acherei, das Fasziniere­nde am Profisport: Die Besten treten an zum Duell, keiner weiß, wie es ausgehen wird. James jedoch wagt eine Prognose: „Diese Saison ist nur dann ein Erfolg, wenn wir am Ende noch ein Banner aufhängen.“

 ?? XINHUA/IMAGO ?? Mal Luftduell, mal Bodenkampf: Steph Curry (oben) und LeBron James (unten) haben schon 2015 im Finale mit letztem Einsatz um den Ball gerungen.FOTO:
XINHUA/IMAGO Mal Luftduell, mal Bodenkampf: Steph Curry (oben) und LeBron James (unten) haben schon 2015 im Finale mit letztem Einsatz um den Ball gerungen.FOTO:

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