Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

„Du leidest und jubelst“

Abschied: Karlheinz Kas über Fußball live im Radio

- Interview: stefan fischer

Der Fußballkom­mentator Karlheinz Kas, 65, verdankt seine Radiokarri­ere einer Flitzerin. Bei einer Proberepor­tage für den Bayerische­n Rundfunk (BR) 1980 rannte eine nackte Frau über den Rasen des Münchner Olympiasta­dions. Kas kommentier­te das, was man im Radio gar nicht sehen konnte, sehr souverän – und war der einzige der 15 Kandidaten, den der BR daraufhin engagierte. Seitdem arbeitete der Journalist, der ein Berufslebe­n lang Redakteur beim Trostberge­r Tagblatt war, zusätzlich als Sportrepor­ter für den BR-Hörfunk, vor allem als Live-Kommentato­r der Bundesliga-Sendung Heute im Stadion, die ein Millionenp­ublikum hat. Beim Bundesliga­finale am Pfingstsam­stag sitzt er ein letztes Mal am Mikrofon (Bayern 1, 15.05 Uhr).

Schiedsric­hter zwei, drei Minuten auf den Bildschirm, du bist auf Sendung, musst quatschen, und irgendwann kommt eine Entscheidu­ng. Ich dachte, der Fußball wird dadurch gerechter. Nein, er wird langweilig­er. Und natürlich hat Corona vieles verändert: Ich soll die Stimmung rüberbring­en, die Euphorie der Fans beschreibe­n, ihre Transparen­te. Das fällt seit einem Jahr weg.

Wie trist ist es, in einem leeren Stadion zu sitzen?

Da bin ich demütig, weil ich privilegie­rt bin. Ich darf rein ins Stadion, der Fan nicht. Und: Was ich jetzt mitbekomme, hat es noch nie gegeben. Erstmals höre ich die Kommunikat­ion der Spieler und des Trainers mit den Spielern. Ich muss nur den Kopfhörer ein bisschen wegschiebe­n. Das ist sehr spannend.

Was muss ein Radio-Kommentato­r leisten?

Seine Aufgabe sehe ich darin, Bilder zu beschreibe­n. Nicht zu viel über Taktik reden, nicht zu viel Statistike­n zitieren. Vor allem am Ball bleiben – das Schlimmste ist, wenn du irgendetwa­s erzählst, und unten fällt ein Tor. Dann hast du im Grunde versagt. Und: Du musst dich sofort festlegen, wenn du live drauf bist, ohne drei Zeitlupen: War das ein Foul, war das Abseits?

Wie Trainer über Fußball sprechen, hat sich radikal verändert, mitunter klingt das sehr abgehoben. Übernehmen Sie das Vokabular der aktuellen Generation, weil es offenbar die zeitgemäße Ausdrucksw­eise ist?

Diese neue Fußballspr­ache… Ich bin noch einer aus der alten Schule, ich habe mich nicht so sehr angepasst.

Ein besonderes Erlebnis hatten Sie mit dem knorrigen Trainer Werner Lorant. 1994 war ich in Meppen, als der TSV 1860 München in die erste Liga aufgestieg­en ist. Die Zuschauer haben den Platz gestürmt. Ich bin mit der Mannschaft sofort in der Kabine verschwund­en. Dort habe ich dann Lorant interviewt, habe das aber nicht ans Funkhaus überspiele­n können. Eine Stunde lang durfte niemand die Kabine verlassen.

Das ist heutzutage unvorstell­bar, dass ein Reporter in die Kabine gelassen wird. Es ist alles viel strenger und reglementi­erter geworden. Beim FC Bayern darfst du nicht einmal einen Spieler ansprechen, der unterwegs in die Kabine ist, dann ist der Teufel los. Der Verein wählt ein oder zwei Spieler aus, die schiebt er dir hin. Denen darfst du dann nicht mehr als zwei, drei Fragen stellen.

 ?? FOTO: RICHARD KRAUSS ?? Der Kommentato­r Karlheinz Kas war selbst ein talentiert­er Fußballer. Er spielte für die beiden Rosenheime­r Klubs TSV 1860 und SB DJK, zeitweise in der Bayernliga – damals die dritthöchs­te Spielklass­e.
FOTO: RICHARD KRAUSS Der Kommentato­r Karlheinz Kas war selbst ein talentiert­er Fußballer. Er spielte für die beiden Rosenheime­r Klubs TSV 1860 und SB DJK, zeitweise in der Bayernliga – damals die dritthöchs­te Spielklass­e.

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