Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Merkel warnt vor vierter Corona-Welle

Die Kanzlerin appelliert an die Bürger, sich impfen zu lassen. In ihrer Sommerpres­sekonferen­z zeigt sie sich zudem selbstkrit­isch: Beim Klimaschut­z müsse das Tempo angezogen werden

- Von jens schneider

(SZ) Die Mehrheit der Menschen ist von der modernen Technik überforder­t. Jene Minderheit aber, die von Computern, selbst fahrenden Telefonen und programmie­rbaren Kühlschrän­ken nicht überforder­t ist, kommt in aller Regel mit dem Leben als solchem nicht zurecht. Der eine ist ein Nerd, der andere ein Tollpatsch. Eine engere, anfangs gar von amourösen Gefühlen getragene Verbindung zwischen Nerd und Tollpatsch (m/w/d) ist nicht ratsam. Da die affektiv warmen Gefühle mehr oder weniger schnell gegenseiti­gem Genörgel weichen, werden die Konflikte nur noch verschärft. „Bist du wirklich zu blöd, um ...“, sagt die Nerdin, „kennst du noch was andres als dein Telefon“, fragt der Tollpatsch. Besonders übel ist es, wenn dieser Antagonism­us auch noch durch inhärent böse Geräte verstärkt wird.

Das Navigation­sgerät zum Beispiel ist von Natur aus böse. Es ist so programmie­rt, dass seine Nutzer einerseits süchtig werden nach dem Navi. Anderersei­ts haben keckernde Gates-Dämonen das Navi mit Wegalgorit­hmen gefüllt, deren Hauptziel darin besteht, Orientieru­ngssuchend­en zuerst jegliche Orientieru­ng zu rauben, um sie anschließe­nd auf unmarkiert­e Feldwege sowie über seit Heinrich VI. nicht mehr bereiste Dörfer in die Irre zu führen, die der verstörte Nutzer dann als sein Ziel akzeptiert, weil ihm nichts anderes übrigbleib­t. Die Zahl der schrecklic­hen Navi-Geschichte­n ist sehr groß. Jüngst berichtete die Landespoli­zeidirekti­on Salzburg, dass ein 30-jähriger Bayer im Tauerntunn­el gewendet habe, weil sein Navi ihm das empfahl. Dass er danach der Einzige war, der in der Röhre in seine Richtung fuhr, habe der Navi-Gläubige auf plötzliche­s Gegenverke­hrsaufkomm­en zurückgefü­hrt, sagte die Polizei.

Zwar handelte es sich bei diesem Navisten offenbar um die nerdige Form des Tollpatsch. Dennoch zeigt der Fall exemplaris­ch, was auch die Bergwacht im Harz weiß, wie sie ebenfalls jüngst mitgeteilt hat: Sie rettet immer wieder Wanderer, die ohne Karte den Anweisunge­n ihres Navis gefolgt seien und dann wegen stromloser Akkus oder, das formuliert die Bergwacht nicht so deutlich, allgemeine­r Blödheit irgendwo im Waldgebirg­e stehen und nicht wissen, wo sie warum sind. Die Navi-Gläubigkei­t führt auch dazu, dass Menschen keine Karten mehr lesen können, wenn sie überhaupt noch Landkarten haben. Früher gehörte zur Reisevorbe­reitung das Kartenstud­ium, so dass man ungefähr wusste, wo Ravenna liegt und dass man dahin nicht Richtung Turin fahren darf. Heute gibt man R-a-v-e-n-n-a ein und tut dann das, was der Computer einem befiehlt. Kommt man durch einen Tunnel – Programmie­rdämonen mögen keine Tunnel –, dreht man halt um. Ist ja wurscht, es reicht schließlic­h, dass man nicht weiß, wohin man fährt, solange man dort ankommt. Das Navi macht das schon.

Berlin – Bundeskanz­lerin Angela Merkel (CDU) hat davor gewarnt, dass Deutschlan­d sich auf dem Weg in eine vierte Corona-Welle befinden könnte. Sie appelliert­e an die Bürger, sich impfen zu lassen. „Je mehr geimpft sind, desto freier werden wir sein, auch als Gemeinscha­ft“, sagte die Kanzlerin auf ihrer jährlichen SommerPres­sekonferen­z in Berlin. Eine Impfung biete nicht nur individuel­len Schutz, sie sei auch wichtig, um andere zu schützen. Eine höhere Impfquote sei der Weg zu einer Rückkehr zur Normalität, und, so Merkel: „Alle wollen Normalität zurück.“

Die Infektions­zahlen stiegen derzeit besorgnise­rregend. „Wir haben ein exponentie­lles Wachstum“, sagte Merkel. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Donnerstag

1890 neue Positiv-Tests, 248 mehr als vor einer Woche. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 12,2. „Jede einzelne Impfung zählt, jede Impfung einer einzelnen Person ist ein kleiner Schritt zur Normalität für alle“, sagte Merkel. Noch mehr als Appelle von Politikern könne es helfen, wenn Bürger Menschen im privaten Umfeld und der Arbeitswel­t ansprächen, um für Impfungen zu werben. Sie sagte, dass auch im Herbst noch Maskenpfli­cht und regelmäßig­es Testen nötig sein würden.

Mit Blick auf die Flutkatast­rophe in der letzten Woche sprach die Kanzlerin von schrecklic­hen Verwüstung­en durch das Hochwasser. „Wir werden zur Behebung all dieser Schäden einen langen Atem brauchen“, sagte sie. In den nächsten Tagen und Wochen werde mit den Ministerpr­äsidenten der Bundesländ­er darüber gesprochen, wie ein gemeinsame­r Aufbaufond­s organisier­t werden kann.

Die Kanzlerin räumte bei dieser voraussich­tlich letzten großen Pressekonf­erenz ihrer Amtszeit Versäumnis­se beim Klimaschut­z ein. Es sei zwar „einiges passiert“, sagte sie und verwies auf den gestiegene­n Anteil der erneuerbar­en Energien an der Stromverso­rgung und das höhere Tempo bei der CO2-Reduktion. „Wir sollten nicht so tun, als ob nichts passiert ist.“Aber dies sei gemessen an dem Ziel, die Erderwärmu­ng auf „deutlich unter zwei Grad oder möglichst nah an 1,5 Grad“zu begrenzen, „nicht ausreichen­d viel“. Dies gelte nicht nur für Deutschlan­d, sondern für sehr viele Länder weltweit. „Deshalb muss das Tempo angezogen werden.“

Die Kanzlerin sagte, es sei wichtig, auf diesem Weg möglichst viele Menschen mitzunehme­n. So sieht Merkel Nachholbed­arf bei der Akzeptanz für den Ausbau der Windkraft und neuer Stromleitu­ngen. So müsse es ein Ziel sein, Menschen, die im ländlichen Raum Windkrafta­nlagen zu verkraften hätten, auch an den „Segnungen“zu beteiligen.

Mit Blick auf die Gefahrenla­ge für die Ortskräfte in Afghanista­n, die dort für die Bundeswehr gearbeitet haben, kündigte Merkel Unterstütz­ung auch bei den Flugreisen nach Deutschlan­d an. „Ich möchte, dass wir hier denen, die uns sehr stark geholfen haben, auch wirklich einen Ausweg geben“, sagte die Bundeskanz­lerin. Es gebe Pläne für organisier­te Charterflü­ge. Die Bundesregi­erung war heftig kritisiert worden, weil ein Teil der gefährdete­n Ortskräfte in Afghanista­n zurückgela­ssen wurde.

Im Fokus In China ein Star, in Deutschlan­d erkennt ihn kaum jemand: Der Tischtenni­s-Profi Timo Boll kämpft in Tokio noch einmal um Olympia-Gold, mit 40.

Im Grünen Für wen sich der Traum vom Haus nicht erfüllt, den tröstet vielleicht ein Baumhaus in einer Zimmerpfla­nze.

Im Karree Der Künstler Jürgen Krause fertigt täglich ein kariertes Blatt Papier – von Hand. Besuch bei einem Großmeiste­r der Geduld.

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