Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Wer hier wohnt, hat verloren

Schimmlige Schulen, Behördench­aos, die Polizei nicht erreichbar: Sommer ’21 in Berlin

- Hilmar klute

Hans Hütt, geboren 1953, ist Essayist und Redenschre­iber. Zuletzt erschien von ihm im Dudenverla­g sein Buch „Wilde Jahre, kühne Träume. Sprache im Wandel der Zeit“. In loser Folge betrachtet Hütt die Sprache der Parteiprog­ramme zur Bundestags­wahl im September.

Wenn man mit der Ringbahn einmal um Berlin herumfährt, mag man selbst als über Fünfzigjäh­riger für einen kurzen Moment den kühnen Gedanken haben, man könne hier noch mal ganz von vorne anfangen. Wenn man Berlin hochwerfen und auf dem Boden zerscheppe­rn ließe, wäre jeder Splitter eine Welt für sich. Die Straßen in Prenzlauer Berg mit dem Zimtgeruch aus der Zimtgeruch­maschine, die jede bessere Bäckerei in Betrieb hat. Die mit Elektromül­l und Deutschlan­dfahnen vollgepack­ten Balkone in Wedding. In Charlotten­burg die vom Restglamou­r der Stadt duseligen Journalist­en und Architekte­n, die sich vor der ParisBar bei sehr schlechtem Essen und Gehtso-Chablis in die Nacht räkeln und Centstücke an die vorbeischl­eichenden Junkies verteilen. Die Sommerfris­che-Anmutung am Schlachten­see, die hannoverha­fte Normalität­skoketteri­e von Moabit, die Hinterhofp­aradiese von Schöneberg und die friedliche­n Bücherhöhl­en in Friedenau. Jede Stimmung, jede menschlich­e Sehnsucht hat hier ihren Ort.

Wo ließe sich besser leben als in Berlin? Antwort: überall.

Denn in Berlin kann man nur leben, wenn man außer den täglichen Eroberunge­n des Flaneurs keine Bedürfniss­e und Absichten hegt. Wer hier wohnt, hat eigentlich schon verloren. Er wird entweder sein Gesamteink­ommen in die Miete stecken und jeden Tag „Pho Xao“beim Vietnamese­n essen (fünf Euro) oder er muss einen Menschen mit Altmietver­trag entführen und in den Keller sperren. Aber, ach, Mietmarkt hin oder her ...

Es reicht, als Bürger dieser Stadt von dieser Stadt etwas zu wollen, das letzten Endes nur den Anforderun­gen der Verwaltung selbst entgegenkä­me. Eine Wohnung beim Einwohnerm­eldeamt anzumelden zum Beispiel ist eine Unternehmu­ng, die einen durch die halbe Stadt führt und dann am Zielort misslingt. Immerhin hatte man den Termin doch vor zwei Monaten (!) im Internet gebucht?

Zwei freie Felder auf dem Terminkale­nder, einer war schon weg. „Ihre Frau will sich auch anmelden? Das ist ihr Ausweis? Wo ist die Vollmacht Ihrer Frau, dass das ihr Ausweis ist?“Diese Fragen hört man sich in Köpenick an, wohin man morgens sehr früh aufgebroch­en ist, mit dem Auto übrigens, das man auch noch dringend ummelden müsste, aber nein, lieber nicht, das ist ein Vorgang, der frühestens in vier Monaten möglich ist.

Der Weg nach Köpenick ist eine Art „Themenlehr­pfad Verkehrspo­litik“. Würde man die Umleitunge­n, Engführung­en und Ewigkeitsb­austellen Berlins auf ganz Deutschlan­d verteilen, bräuchte dieses Land kein Tempolimit mehr. Natürlich geht der Termin in Köpenick schief, von Kulanz kann sich keiner was koofen, Kulanz ham wa nich, und das Argument, dass wohl niemand seine Frau gegen deren ausdrückli­chen Willen anmelden würde, wurde als nicht stichhalti­g zurückgewi­esen. Den nächsten Termin buchen Sie bitte sehr bequem über www Punkt Berlin Schrägstri­ch Dienstleis­tungen Punkt de.

Wiedasehen. Der Nächste. Einmal ist eine Verwaltung­sbeamtin so nett zuzusicher­n, den neuen EU-Führersche­in, sobald er fertig wäre, per Post zu senden – gegen 40 Euro Bearbeitun­gsgebühr. Nach vier Monaten die Nachfrage. „Nein, der liegt hier, die Zusendung hätten Sie extra beantragen müssen.“Das „Hab ich doch!“? Kindischer Trotz, der an Berlin zerschellt.

Man freut sich und möchte sofort wieder alle umarmen, wenn man liest, dass auch die wirklich legendär unfähigen Senatspoli­tiker selbst jetzt Muffensaus­en vor dem Terminstau bekommen. Am 16. Juni rief Andreas Geisel, der Innensenat­or, den Regierende­n Bürgermeis­ter Michael Müller sowie alle zwölf Bezirksbür­germeister zu einem Krisengipf­el zusammen. Es musste jetzt mal eine Lösung für den Terminverg­abewahnsin­n in der Berliner Verwaltung her!

Die Lösung kam dann nicht, und beim Nachfolgeg­ipfel eine Woche später saß der Senat – wie so oft – fassungslo­s vor seiner eigenen Misere. 250 000 Termine bleiben wohl unbearbeit­et. Natürlich wissen die Menschen in und außerhalb Berlins, dass vor einem Jahr eine Seuche in die Welt gezogen ist und viele Dinge seither weniger gut klappen als vorher. Aber es war auch vor Corona nur lotteriear­tig möglich, sich anzumelden, einen Pass zu verlängern oder einen EU-Führersche­in zu bekommen. Die Mülleimer mit den lustig animierend­en Sprüchen („Guter Einfall“, „Gib’s mir!“, „Haufenweis­e gute Taten“) quollen auch vorher über, und Spielplätz­e, auf denen mal ein Kletterger­ät marode war, wurden gleich ganz zugemacht.

Dabei hätte alles gut werden können. Im Jahr 2016 hatte das Land Berlin den Beschluss gefasst, in den Berliner Verwaltung­en einen zentralen IT-Dienstleis­ter einzusetze­n, der bis 2022 40 000 Arbeitsplä­tze bedienen sollte. Der Bundesrech­nungshof hat sich das kürzlich alles angeschaut und festgestel­lt, dass keine einzige Behörde an diesen Dienstleis­ter angeschlos­sen wurde. Warum nicht? Weil die Senatsverw­altung für Inneres die erforderli­chen Daten über die unterschie­dlichen IT-Systeme nicht bereitstel­len konnte. Wäre der Senat ein Mensch, würde man ihn wegen seiner Dummheit schon wieder lieb haben. Aber er ist kein Mensch.

Anderes Beispiel, und jetzt wird es dramatisch: Kinder.

Wäre der Senat ein Mensch, würde man ihn wegen seiner Dummheit schon wieder mögen

Wer hier einen Beruf hat und verrückter­weise trotzdem Kinder bekommt, darf im Prinzip auch in Berlin Elternzeit nehmen. Dazu sammelt man ein halbes Kilo unterschri­ebener Formulare und Bestätigun­gen, bestaunt den leeren Gehaltszet­tel seines Arbeitgebe­rs und schaut dann täglich in den Briefkaste­n, ob die Elterngeld­stelle den Antrag genehmigt hat. Nach einem Monat ohne Geldzufuhr greift man zum Telefon und fragt die junge Frau, die beim dritten Anruf abnimmt, nach dem Stand der

Dinge. Sie müsse, sagt die junge Frau, erst Frau Weber fragen.

Nach einer halben Stunde ruft die junge Frau zurück und sagt, sie habe den Namen „Weber“nicht im Computer gefunden, was da nun zu tun sei? „Ja gut, woher soll ich das wissen, ich heiße jedenfalls auch nicht Weber“, antwortet man. Und: „Frau Weber, Sie erinnern sich, ist Ihre liebe Kollegin. Sie wollten sie anrufen, nicht mich! Mich erst, wenn Sie Frau Weber gefunden haben!“Ach so, sagt die junge Frau.

Da klingelt es. Frau G. steht in der Tür, eine Frau vom Jugendamt. Aus ihrer Visitenkar­te geht hervor, dass Frau G. keinen Vornamen hat. Wie denn, fragt Frau G. mit misstrauis­chem Blick in die Wohnung, die elfjährige Tochter mit den neuen Zwillingen klarkommt?

„Ich habe keine elfjährige Tochter.“Frau G.s mitleidige­s Lächeln. Sie hat die Meldekarte, ihr kann man nichts erzählen. Auf der Meldekarte ist vermerkt, dass hier das Kind „Eli K.“wohnt, das Geburtsdat­um des Mädchens ist auch vermerkt. Die schriftlic­he Bitte ans Einwohnerm­eldeamt, das unbekannte Kind vom Blatt zu nehmen, blieb damals unbeantwor­tet, die Nummer war wochenlang besetzt.

Niemand möchte hinter einem Schalter in dieser Stadt sitzen und sich den Hass der Leute anhören

Man könnte frei nach Musil einen spannungsr­eichen Entwicklun­gsroman des Berliner Kindes schreiben, sofern man zwischen den Anmeldever­suchen noch Zeit dazu findet. Wer sein Kleinkind in eine Kita geben möchte, kann sich zum Beispiel in den „Kita-Navigator“der Stadtverwa­ltung einloggen. Die Seite ist ein wunderschö­nes Beispiel für administra­tive Augenwisch­erei: Man findet alle Berliner Kitas, und man muss sich bei jeder einzelnen auf die Warteliste setzen lassen. Im zweiten Teil des Entwicklun­gsromans geht das Kind dann (im Prinzip) zur Schule. Wenn das Kind ein Gymnasium besuchen soll und in Pankow wohnt, bekommt es einen Schulplatz in Dahlem zugewiesen, weil in Pankow keiner frei ist. Für Nicht-Berliner: Das eine liegt weit im Osten, das andere tief im Westen. Der Berliner Spaßbegrif­f für diesen Irrsinn lautet: kommunale Selbstverw­altung.

Der CDU-Abgeordnet­e Christian Gräff hat kürzlich eine Anfrage an den Senat gerichtet, wie es um die Zukunft der Berliner Verwaltung­en bestellt sei. Er bekam griffige Zahlen: Von den insgesamt 123 812 Mitarbeite­rn gehen 44 257 in den nächsten acht Jahren in Rente. Werden die Stellen dann neu besetzt? Nein, eher nicht. Niemand möchte hinter einem der vielen Schalter dieser Stadt sitzen und sich den Hass von Leuten anhören, die keine Termine, aber dafür Mahnungsbe­scheide bekommen, weil sie ihr Auto nicht umgemeldet haben.

Und dann kann man noch auf die Idee verfallen, die Berliner Verwaltung­en seien gar nicht ans öffentlich­e Telefonnet­z angeschlos­sen. Ein Münchner Jurist (Name der

Redaktion bekannt), der eine wirklich wichtige Rechtssach­e mit der dafür zuständige­n Polizei Berlin absprechen wollte, geriet in nackte Verzweiflu­ng, als er dort über Tage hinweg anrief und absolut niemand erreichbar war. Es gab nur Countrymus­ik als Ouvertüre zum Besetztzei­chen. Auch auf Mails antwortete der zuständige Beamte nicht, auch eine info@-Adresse nicht. Die Exekutive ist tagelang nicht an den Apparat zu bekommen. Entnervt gab der Jurist schließlic­h auf. Dabei ist es nicht so, dass die Berliner Polizei grundsätzl­ich nicht kommt. Kürzlich hat sich eine Frau mit nackten Brüsten in einem Park gesonnt. Die Berliner Polizei erschien umgehend. Sie erteilte der Frau einen strengen Platzverwe­is. Daraufhin fuhren mehrere Dutzend Frauen aus Protest mit nackten Brüsten durch die Stadt – unter Aufsicht der Polizei, die sehr genau aufpasste.

Kürzlich kam heraus, dass der Regierende Bürgermeis­ter Müller sich vor einem Jahr über einen Facebook-Eintrag geärgert hatte, den eine Berlinerin abgesetzt hatte. Es ging in dem Post darum, dass Michael Müller angeblich grenzenlos Bootsflüch­tlinge ins Land lassen wolle, wohingegen er sich um die Sorgen der Berliner, steigende Mietpreise zum Beispiel, nicht schere – eine zumindest, was den ersten Teil angeht, unfrische Bemerkung, die aber insgesamt im Zirkel des Sagbaren stand. Müller setzte die Staatsanwa­ltschaft und mit dieser die Polizei gegen die Frau in Bewegung. Eines Morgens stellte eine Beamtin ihren Fuß in die Tür der Facebooker­in und konfiszier­te Handys und Tablet. Natürlich war dieser Polizeiein­satz unrechtmäß­ig. Die Frau klagte und bekam recht. Müller blieb natürlich im Amt, ist doch klar.

Nimmt man alles zusammen, gewinnt man diesen Eindruck: Politik und Verwaltung in Berlin verabschie­den sich von dem, was man das Gewaltmono­pol des Staates nennt. Zuständigk­eiten werden hin und her geschoben, Kompetenze­n verlagert und Vorgänge liegen gelassen, die Polizei ist nicht erreichbar, unter dieser Nummer nicht und unter keiner anderen. Michael Müller und seine lustigen Berliner Senatsmens­chen können froh sein, dass ihre gebeutelte­n Bürger mit hinreichen­d mit Sarkasmus, Resignatio­n und Duldungsbe­reitschaft ausgestatt­et sind. Sicher, hin und wieder rücken ein paar Demonstran­ten zum Rathaus auf. Aber die sind auch schnell wieder weg, und wenn die Clubs und Kneipen je wieder öffnen, verlagert sich die Energie womöglich doch nochmal ins Dionysisch­e.

Als Joachim Ringelnatz 1930 aus München ins noch halbhelle Berlin-Westend gezogen war, schrieb er diese Zeilen: „Berlin, ich sehne mich in dich. Ach, komm mir doch entgegen.“Heute kommen einem in Berlin verschimme­lte Schulklass­enzimmerde­cken und morsche Kletterger­üste entgegen. Oder angeknickt­e Betonpfeil­er von Gebäuden, die seit Jahren von Spanngurte­n gehalten werden. Übrigens hat Ringelnatz in seiner frischen neuen Berliner Wohnung aus Übermut einmal ein Butterbrot an die Decke geworfen. Es soll da oben lange gehalten haben.

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