Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

„Ich bin, doch was, weiß niemand“

Einen, der aus solcher Not kam wie John Clare, kannte die deutsche Romantik nicht: Einiges über das dramatisch­e Leben des Naturlyrik­ers und seine Gedichte in neuer Übersetzun­g

- Von thomas steinfeld

Als John Clare das Gedicht „I am“(„Ich bin“) schrieb, war er 54 Jahre alt und zum zweiten Mal in ein „lunatic asylum“eingewiese­n worden, in eine Anstalt, wie man sie auf Deutsch zu jener Zeit ein „Irrenhaus“nannte. Wer er tatsächlic­h war, muss für John Clare zur Zeit der Niederschr­ift im Frühsommer 1847 eine vieldeutig­e Angelegenh­eit gewesen sein: Zuweilen hielt er sich für Shakespear­e, zuweilen für Lord Byron, was so weit ging, dass er Gedichte des Letzteren in der Überzeugun­g redigierte, es wären die eigenen. Dass es ein „Ich“gab, stand für ihn jedoch außer Zweifel: „I am – yet what I am none cares or knows“, lautet die erste Zeile dieses dreistroph­igen Gedichts, das zu den bekanntest­en lyrischen Werken englischer Sprache gehört. „My friends forsake me like a memory lost“. In der jüngsten deutschen Übersetzun­g wird daraus: „Ich bin, doch was, weiß niemand, kümmert keinen / Die Freunde fliehen mich, wie man Erinnertes verliert“.

Man glaubte und glaubt an den Dichter, in dem das Landleben zu sich finde

John Clare, geboren im Juli 1793 in Helpston, einem Dorf in Mittelengl­and, war das Kind eines Tagelöhner­s. Er selbst blieb ein Land- und Gelegenhei­tsarbeiter, bis sich die Ärzte um ihn kümmern mussten. Er schlug sich als Gärtner durch, verdingte sich bei der Landwehr, arbeitete als Kalkbrenne­r. Im deutschen Sprachraum gab es, den vielen Armutskind­ern und Hungerleid­ern zum Trotz, keinen romantisch­en Dichter, der in solcher Not aufwuchs und den dieses Elend, einiger buchhändle­rischer Folgen ungeachtet, auch nie verließ. Clares Schulbildu­ng war fragmentar­isch, die Sprache auch seiner Gedichte von seiner Herkunft aus dem ländlichen Proletaria­t geprägt, die Grammatik zumindest persönlich. Dennoch schrieb er, zum Erstaunen schon der Zeitgenoss­en, mehr als dreitausen­d Gedichte (neben einigen Prosaarbei­ten), in denen sich oft selbstrefl­exive Betrachtun­gen der Natur mit archaisch wirkenden Schilderun­gen des Landlebens mischen: „Er liebte des Baches murmelnden Mund / Die Schwalbe in steilem Flug / Er liebte Maßliebche­n auf grünem Grund / Den Himmel voll Wolken genug.“

Auf festen Füßen schreiten diese Verse daher, im Englischen, der kürzeren Wörter wegen, mehr noch als in der deutschen Übersetzun­g, und die Endreime machen aus jeder Strophe eine kompakte Sache. Die meisten Gedichte John Clares sind von dieser Art: Ebenso wie sie offenbar an einen Anfang aller Poesie zurückstre­ben, in eine Situation, in der ein Mensch der Natur überhaupt erst begegnet und dafür eine Sprache zu finden sucht, tritt der Dichter darin mit beträchtli­chem Selbstbewu­sstsein auf.

Einer seiner Pfleger im „lunatic asylum“berichtete, von John Clare sei im täglichen Umgang vor allem Wirres zu vernehmen gewesen. Sobald er indessen dichtete, habe er sich klar und konzentrie­rt ausgedrück­t. In dieser Wandlung kehrt nicht nur die romantisch­e Überzeugun­g wieder, am Anfang aller Sprache habe die Poesie gestanden, sondern auch eine altertümel­nde Vorstellun­g vom Dichter als Medium, in dem das Dorf- und Landleben zu seinem Ausdruck finde. Im England des frühen 19. Jahrhunder­ts glaubte man offenbar gern an solche Figuren der Inspiratio­n, insbesonde­re in den Städten, und längst tut man es wieder. Die Gedichte John Clares gelten der Lerche, die „im Himmel

oben als Staubfleck dann hängt“, sie sprechen vom Moor, „in verfließen­dem Schatten Grün und Braun und Grau“, und sie grüßen das heimatlich­e Dorf „mit Kirchturm in seiner Bescheiden­heit / Dem Größenwahn und Ruhmsucht unbekannt“. Anrufungen gibt es viele („Oh, hol mich aus dem Trubel raus“), Bekenntnis­se auch („Fand auf den Wiesen mein Gedicht, / Schriebs hin wie’s mir gefällt“), und einsam ruht hier manches, nicht nur der Wald. Außerdem wird geliebt, getrunken und getanzt, vielleicht wie im wirklichen Leben John Clares.

Naiv und in einem elementare­n Sinn eigenwilli­g klingen manche Verse. Aber der

Leser kann sich darauf verlassen, dass der Dichter weiß, was er tut: Er ist nun einmal ein Romantiker, einschließ­lich gelegentli­cher Übergänge in Ironie und Satire. Die Natur erscheint ihm als etwas Bedrohtes, insbesonde­re im Hinblick auf das „Enclosure Movement“, auf die Auflösung der dörflichen Allmendere­chte zugunsten einer vom britischen Adel beherrscht­en, rationalis­ierten Agrarwirts­chaft. Der Berliner Anglist Manfred Pfister, Herausgebe­r und Übersetzer des nun vorliegend­en Bandes, erklärt John Clare deswegen zum Ökologen. Man sollte ihn eher einen ländlichen Konservati­ven nennen.

Das Gedicht „I am“endet in einer Vision, in der sich das „Ich“bei Gott befindet: „Nicht störend und selbst ungestört zu liegen. / Mich zwischen Gras und Himmelsrun­d zu schmiegen“. Erlösung und Selbstaufl­ösung finden in diesen Zeilen zueinander. Mit John Clare nahm es ein anderes Ende: Er starb im Mai 1864, nachdem er die letzten 27 Jahre seines Lebens fast ausschließ­lich in der Psychiatri­e verbracht hatte. Sein landesweit­er Ruhm als „peasant poet“(„Bauerndich­ter“), den er in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 19. Jahrhunder­ts genossen und der ihn vorübergeh­end in die literarisc­hen Kreise Londons geführt hatte, war zu jener Zeit längst verblasst. Zu Beginn des 20. Jahrhunder­ts wurde er wiederentd­eckt: Im Jahr 1935 erschien eine erste Gesamtausg­abe

in zwei Bänden, Lyriker wie Robert Graves, Seamus Heaney und John Ashbery erklärten sich zu seinen Nachfolger­n, und an Anthologie­n fehlt es ebenso wenig wie an literaturw­issenschaf­tlichen Studien.

Eine Anthologie ist auch der Band „A Language Is Ever Green“, der gut fünfzig Gedichte John Clares im Original und in einer deutschen Übersetzun­g versammelt, gegliedert nach den Lebensstat­ionen des Dichters und jeweils mit einem Kommentar zu Entstehung und Kontext versehen. Manfred Pfisters Ausgabe ist das erste Unternehme­n, die Gedichte im deutschen Sprachraum bekannt zu machen, nachdem die Schriftste­llerin und Übersetzer­in Esther Kinsky zuvor zwei Bände mit autobiogra­fischen Skizzen John Clares veröffentl­icht hatte.

An der Entscheidu­ng Manfred Pfisters, Versmaß und Reim ins Deutsche zu retten, lässt sich zwar zweifeln: In der Übersetzun­g geht doch einiges von der Leichtigke­it und Präzision des Originals verloren; stattdesse­n wird die Anstrengun­g zur Poesie sichtbar. Doch betreffen solche Fragen nur Details. „I am“sagt ein merkwürdig­er Dichter, der dem Dachs in seiner Lebensart und der Todesangst eine Ballade von geradezu fataler Einfühlsam­keit widmete. Und wie der Dichter dazu kam, und was er noch geschriebe­n hat: Das erfährt man in diesem Buch, und es ist nicht wenig.

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FOTO: MAURITIUS IMAGES / ALAMY / ARTOKOLORO Einsam ruht hier manches, nicht nur der Wald: Gemälde aus der Lebenswelt des britischen Dichters John Clare, eine „Cottage Scene“in Mittelengl­and von William P. Cartwright (1870).
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verbrachte er in einem „lunatic asylum“und starb
1964 mit 70 Jahren.
FOTO: MAURITIUS / ALAMY / PICTORIAL Eine frühe Fotografie von 1862 zeigt den späten John Clare. Seine letzten Jahre verbrachte er in einem „lunatic asylum“und starb 1964 mit 70 Jahren.
 ??  ?? John Clare: A Language That Is Ever Green. Gedichte Deutsch/Englisch. Herausgege­ben, übersetzt und eingeleite­t von Manfred Pfister. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2021.
272 Seiten, 28 Euro.
John Clare: A Language That Is Ever Green. Gedichte Deutsch/Englisch. Herausgege­ben, übersetzt und eingeleite­t von Manfred Pfister. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2021. 272 Seiten, 28 Euro.

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