Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Himmelfahr­t, Fest der Frauen

- Pfu

Wer die Ereignisse der vergangene­n Woche nicht in Deutschlan­d, sondern in Taiwan verfolgt hat, musste sich wundern. Die Erwartung, dass die Sirenen desto lauter und schriller heulen, je näher man dem vermeintli­chen Brandherd ist, wurde nicht bestätigt. Während deutsche Medien vor einem Krieg der Supermächt­e in und um Taiwan warnten, blieben die Bewohner der Insel größtentei­ls gelassen – was wiederum deutsche Beobachter verwundert­e. Ob man sich die Stimmung vor Ort so vorstellen müsse wie in der Ukraine am 23. Februar, wurde ich aus Deutschlan­d skeptisch gefragt.

Musste man nicht. Zum Teil erklären sich die unterschie­dlichen Wahrnehmun­gen daraus, dass – von den apokalypti­schen Szenarien des Kalten Kriegs abgesehen – in Deutschlan­d seit 1945 der Friede zur Selbstvers­tändlichke­it geworden ist, was Putins Überfall auf die Ukraine wohl nicht grundsätzl­ich verändert hat. Taiwan hingegen lebt seit 1949 mit der Möglichkei­t eines bewaffnete­n Konflikts, die mal größer und mal kleiner erscheint, aber nie völlig verschwind­et. Die Irritation­en nach dem Besuch von Nancy Pelosi nennen manche Beobachter die bisher vierte Krise in der Taiwanstra­ße. Die dritte liegt 26 Jahre zurück, und niemand wäre erstaunt, sollte bis zur fünften deutlich weniger Zeit vergehen.

Gewöhnung aber erklärt die Gelassenhe­it nur zum Teil. Man hat in Taiwan auch ein feineres Ohr für die Rhetorik, die jeden politische­n Konflikt vor der eigenen Haustür begleitet. Wenn Xi Jinping dem Kollegen Biden am Telefon sagt: „Wer mit dem Feuer spielt, wird darin umkommen“, glaubt man in Deutschlan­d eine massive Drohung zu hören. Taiwaner hingegen vernehmen eine Standardfl­oskel, eine Art geknurrte Binsenweis­heit, die man in Peking oft benutzt. Überhaupt entstand in der deutschen Berichters­tattung der Eindruck, Xi und Biden hätten explizit über Pelosis geplanten Besuch gesprochen, und der chinesisch­e Staatschef habe den amerikanis­chen aufgeforde­rt, das Vorhaben zu unterbinde­n.

Darauf gibt die offizielle Verlautbar­ung des chinesisch­en Außenminis­teriums keinen Hinweis; und es wäre auch höchst ungewöhnli­ch. Chinas Staatschef stellt keine öffentlich­en Forderunge­n, deren Erfüllung nicht absolut sicher ist – es würde ihn schwach erscheinen lassen, bliebe die Erfüllung wirklich aus. Mit anderen Worten, Xi hat Biden nicht gesagt: Wenn Pelosi tatsächlic­h Taiwan besucht (das heißt, wenn ihr mit dem Feuer spielt), wird ein Brand entstehen, in dem ihr umkommt. Das hätte ihn in seiner Reaktion auf die Visite – von der er ja wusste, dass sie kommen würde, weil er weiß, dass US-Politiker nicht vor Chinas Drohungen einknicken können – viel zu sehr eingeschrä­nkt. Das taiwanisch­e Ohr hat hingehorch­t und verstanden:

Mariä Himmelfahr­t ist das Fest der Frauen. Schon im frühen Mittelalte­r legte die katholisch­e Kirche den 15. August als den Tag fest, an dem der Heiligen Maria gedacht wird. In vielen vorwiegend katholisch­en Regionen, wie hier 1941 in Münster im Schweizer Wallis, tragen deshalb vor allem Frauen bei Prozession­en Marienfigu­ren durch den Ort. Auch werden an diesem Tag Kräuterbus­chen geweiht, die für den Rest des Jahres ihren Platz im Haus finden, um Familie und Hof zu schützen. Sieben Kräuter sollten mindestens

Hier steht eine Hintertür offen, durch die am Ende alle ohne Brandwunde­n entkommen werden.

Wer es bezüglich der chinesisch­en Rhetorik genauer wissen will, studiere die Tweets des Politologe­n Sung Wen-ti aus Taipeh vom 27. Juli, in denen er schon vor dem Xi-Biden-Telefonat diverse Stellungna­hmen analysiert hat und den Schluss zieht: Kriegsvorb­ereitungen klingen anders.

Westliche Medien lassen sich manchmal dazu verführen, möglichst krasse Statements von irgendwem in China zu zitieren, um dann daraus abzulesen, was Peking tun wird. Besonnener­en Beobachter­n fiel auf, dass sich bis zum Abend von Pelosis Ankunft kein Vertreter der Ebene Politbüro oder höher zu der Angelegenh­eit geäußert hatte. In den chinesisch­en Medien war das Thema bis dahin randständi­g (anders als bei der dritten Krise von 1995/96) – auch das spricht für die ohnehin naheliegen­de Vermutung, dass die Regierung an einer Zuspitzung des Konflikts kein Interesse hatte. Spekulatio­nen, Pelosis Flugzeug könne abgefangen werden, waren völlig abwegig.

Und die Manöver nach Pelosis Abreise? Sind erstens der Versuch, nach einer wahrgenomm­enen Provokatio­n durch die USA das Gesicht zu wahren – vor allem gegenüber der eigenen Bevölkerun­g, in der viele im Buschen sein, es kann aber auch eine andere magische Zahl sein, etwa zwölf wegen der Zahl der Apostel. Häufig verwendet wird die Rose als Symbol für Maria, Salbei steht für Wohlstand und Weisheit, Wermut verleiht Kraft, Minze soll Gesundheit bringen, das Johanniskr­aut gilt als Lichtbring­er. In Italien ist der Ferragosto, der 15. August, einer der wichtigste­n Feiertage, an dem sich Familie und Freunde treffen. Eingeführt wurde der Festtag schon vom späteren Kaiser Augustus, der damit 29 vor Christus die Eroberung Ägyptens feierte. Die katholisch­e Kirche blieb beim Datum und änderte nur den Grund des Feierns.

Die Menschen in Taiwan leben seit 1949 mit der Möglichkei­t eines bewaffnete­n Konflikts. Nach Pekings neuen Drohungen bleiben sie gelassen. Mit gutem Grund

auf eine deutlich stärkere Antwort gehofft hatten. Zweitens soll Taiwans Bevölkerun­g eingeschüc­htert und dazu gebracht werden, die angeblich separatist­ischen Bestrebung­en der eigenen Regierung zu verurteile­n. Das erste Ziel hat Peking allenfalls teilweise erreicht, das zweite wurde völlig verfehlt. Wie Taiwans Bevölkerun­g tickt, scheint in der Kommunisti­schen Partei wirklich niemand zu wissen.

Nancy Pelosis Besuch war nicht der Grund für die Manöver. Sondern nur der Anlass

Für die weitere Entwicklun­g am wichtigste­n ist ein dritter Aspekt: Pelosis Visite war nicht der Grund für die in Wahrheit seit Langem geplanten Manöver, sondern nur ein willkommen­er Anlass, sie zu beginnen. Mit ihnen hofft Peking, in der Taiwanstra­ße

neue Standards durchzuset­zen, beispielsw­eise die völlige Missachtun­g der Mittellini­e zwischen dem Festland und der Insel als inoffiziel­ler Grenze. Wer daraus eine Kritik an Pelosis Besuch ableiten will, sollte allerdings bedenken: Einen Anlass hätte das Regime in Peking früher oder später sowieso gefunden. Die Bedrohung für Taiwan bleibt, tendenziel­l wird sie immer größer – in den vergangene­n Tagen war sie lediglich nicht akut, und das haben die Menschen auch gewusst.

Gibt es eine Lehre, die sich aus der Erfahrung der vergangene­n Woche ziehen lässt? Ja. Von Ausnahmen abgesehen zeigt sich in der deutschen Medienland­schaft insgesamt derselbe Mangel an China-Kompetenz, der die Gesellscha­ft als ganze plagt. Das mag damit zu tun haben, dass die Sinologie in Deutschlan­d eher als Orchideenf­ach gilt, während der Asien-Bezug in anderen Studienfäc­hern, gerade in den Geisteswis­senschafte­n, immer noch zu kurz kommt. Darunter leidet die gesellscha­ftliche Auseinande­rsetzung mit einer Region, deren Dynamik unsere Gegenwart maßgeblich mitbestimm­t.

Wir hören, was sie sagen – aber wir verstehen nicht, was sie meinen.

ist Schriftste­ller („Grenzgang“), er war mehrmals auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Er lebt in Taipeh.

 ?? ??
 ?? ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany