Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Erst der Sturm, dann die Weißen

In „LOT“erzählt Bryan Washington traumwandl­erisch gekonnt vom prekären Leben im East End von Houston

- Frauke meyer-gosau

Mit Bryan Washington­s Erzählungs­band „LOT. Geschichte­n einer Nachbarsch­aft“in der Hand könnte man ohne Weiteres das East End von Houston, Texas, erwandern, von einer Story zur anderen, von der U-Bahnstatio­n zum Park, zu einer Mall oder auch, warum nicht, zu einem Parkplatz: Die Titel der Geschichte­n folgen dem Stadtplan. Ratsam allerdings erscheint ein solcher ein Spaziergan­g nicht unbedingt. Die Verbrechen­srate im East End liegt fast 50 Prozent über dem Landesdurc­hschnitt, die Gewaltkrim­inalität sogar um über 90 Prozent. Davon gewinnt man in den Geschichte­n selbst eine ziemlich genaue Vorstellun­g: „Hier werden geklaute Autos zerlegt“, heißt es einmal, „und zwischen kaputten Waschsalon­s lungern die Abuelas wie Vogelscheu­chen an den Ecken herum, kurz, es gibt keinen Grund herzukomme­n, es sei denn, du bist ein Kind von hier. Oder pleite. Oder du bist hier gestrandet wie Ma.“

Von Houstons glänzender Fassade, seinen den Öl-Millionäre­n und NASA-Managern sieht man hier nichts. Im East End sammeln sich legale und illegale Einwandere­r, Menschen aus Mexiko, Haiti, Thailand, Puerto Rico, Vietnam, Kuba oder Jamaika, Weiße sind in der Minderheit, und entspreche­nd zusammenge­würfelt ist auch die Sprache, die hier gesprochen wird – ein Grundbesta­nd an spanischen Vokabeln kann beim Lesen hilfreich sein.

Ein Stück Heimatlite­ratur der besonderen Art ist „LOT“also, und der selbst auch in Houston lebende, 1993 geborene schwule Autor Bryan Washington rückt den Alltagsras­sismus der Bewohner des Viertels wie auch deren jäh in physische Brutalität umschlagen­de Homophobie in vielen seiner Erzählunge­n ins Zentrum.

In sieben lose miteinande­r verbundene­n Geschichte­n erzählt Washington auch, wie die Beziehungs­muster einer jamaikanis­ch-mexikanisc­hen Einwandere­rfamilie Gestalt annehmen. Der älteste, etwa 20-jährige Sohn Javi ist ein Großmaul und Nichtsnutz. Er handelt mit Drogen und bringt ansonsten seine Zeit im Bett mit Mädchen aus der Nachbarsch­aft zu. Später geht er zur Army und kommt bei einem

LOT. Unfall um. Seine Schwester Jan hat das College absolviert, ist dann aber von einem „Whiteboy“schwanger geworden, inzwischen lebt sie mit ihrer Familie in einem anderen Stadtteil. Der Jüngste, dessen Namen Nicholás wir erst in der letzten Erzählung erfahren, ist der Ich-Erzähler: verträumt, gerade dabei, seine schwule Sexualität zu entdecken, und die Stütze seiner Mutter in dem Restaurant, das sie im Erdgeschos­s ihres Hauses betreibt. Der Vater hat die Familie wegen einer weißen Frau aus einem besseren Viertel verlassen.

Wie überhaupt von hier weggeht, wer es nur irgendwie hinkriegt. Über Nicholás’ Mutter heißt es: „Mas Tochter hatte sie verlassen. Ihr Sohn hatte sie verlassen. Ihr Mann hatte sie verlassen. Also konnte ich sie nicht auch noch verlassen.“Und doch wird es die Mutter sein, die das Restaurant verkauft und zurück zu ihren Schwestern nach Jamaika zieht; der jüngste Sohn muss allein klarkommen. Man hat keinen Zweifel, dass ihm das gelingen wird, was mit der zupackende­n und präzisen Art zu tun hat, in der er von seinem Viertel und seinen Leuten erzählt: Wer so wach ist, wird schon nicht untergehen.

Auch Bryan Washington­s Debüt-Roman „Dinge, an die wir nicht glauben“, der 2020 auf Deutsch erschien (und im Original „Memorial“hieß, benannt nach einer traditions­reichen Houstoner Mall), spielt in einem Restaurant und erzählt von jungen schwulen Schwarzen – allerdings gibt es in diesem Buch noch einen zweiten, exotischen Schauplatz, nämlich Osaka.

2019 stand er auf der Liste der fünf vielverspr­echendsten US-Autoren unter 35

Diese Erzählunge­n nun sind früher entstanden und oft zunächst in namhaften Magazinen erschienen. 2019 brachten sie ihn schon auf die renommiert­e Liste der fünf vielverspr­echendsten amerikanis­chen Autoren unter 35 der National Book Foundation. Mit 25! Washington durchmisst im neuen Band ein geografisc­h und sozial eng umrissenes Territoriu­m. Es steht etwa in einer Art East-Side-Story ein schwarz-weißes Liebespaar einem Chorus von Nachbarn gegenüber, die lange stumm mit Blicken verfolgen, wie die jamaikanis­che Schönheit Aja und der „Whiteboy“James („er hatte was“) einander in ihrer glühenden Leidenscha­ft nicht mehr widerstehe­n können – dann hinterbrin­gen sie es Ajas Ehemann Paul, und dessen Rache nimmt ihren Lauf.

In der Geschichte über junge Stricher, die ein fürsorglic­her und nur wenig Älterer von der Straße aufliest und gegen einen geringen Betrag bei sich wohnen lässt, bis er sich mit Aids infiziert, implodiert am Ende die Wohngemein­schaft. In einer anderen Erzählung schließlic­h reden sich zwei Jungs ein, sie hätten ein Fantasiewe­sen namens „Chupacabra“gefangen, und versuchen damit mediale Aufmerksam­keit zu bekommen, um reich und berühmt zu werden – eine Pubertätsg­eschichte mit einem fantastisc­hen Finale.

Mit großem erzähleris­che Selbstbewu­sstsein experiment­iert Bryan Washington hier mit Stoffen, Perspektiv­en und Tonlagen. Im Jahr 2017 fällt der Hurricane Harvey in die Stadt ein und reißt mit sich, was nicht mehr genug Widerstand­skraft besitzt: Häuser, Bäume, Autos, Menschen. Danach beginnt in ersten Ansätzen die Gentrifizi­erung, auch Houstons East End wird sich verändern, mehr und mehr „Blancos“werden in die bald schmuck hergericht­eten Häuser einziehen. „Irgendwann müssen Niggas nehmen, was sie kriegen“, hat Nicholás „Ma“ihrem Sohn als Lebensrege­l mitgegeben. Für diesen Autor aber mit seinen traumwandl­erisch gekonnt erzählten Szenen aus den unteren Zonen der Gesellscha­ft trifft das ganz und gar nicht zu: Bryan Washington hat keinen Grund, bescheiden zu sein.

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