Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Ein Land der Singles, Senioren und Studierten

In den vergangene­n 30 Jahren hat sich die Bevölkerun­g völlig verändert. Das bringt neue Probleme mit sich. Woher sollen künftig die Arbeitskrä­fte kommen? Wer pflegt die Alten? Und warum verdienen Frauen immer noch so wenig?

- Von alexander hagelüken

Vor 30 Jahren war Deutschlan­d gerade aus verfeindet­en Hälften vereint. Vor 30 Jahren verabschie­dete sich der Kommunismu­s weitgehend aus der Weltgeschi­chte. Seither haben sich nicht nur Ostund Westdeutsc­he mühsam angenähert und der Kapitalism­us turbomäßig globalisie­rt. Auch die deutsche Bevölkerun­g hat sich in 30 Jahren verwandelt: mehr Singles, weniger Familien, mehr Teilzeit, weniger Arbeitskrä­fte. Ein Panorama der vergangene­n Jahrzehnte zeigt, was sich in der Bevölkerun­g verändert hat – und was das für die Zukunft bedeutet.

Die Seniorenre­publik

1991 wirkte Deutschlan­d jung. Die Bürger waren im Schnitt 39 Jahre. Einen Großteil der Bevölkerun­g stellten die Babyboomer, zahlreich geboren im Wirtschaft­swunder. Sie standen voll im Beruf, oder starteten erst. Viele Renten mussten sie nicht finanziere­n, der Zweite Weltkrieg hatte bei den Älteren tiefe Lücken gerissen.

30 Jahre später gehen die Boomer auf den Ruhestand zu oder beziehen Rente. Die Deutschen freuen sich über ein immer längeres Leben. Kinder? Wenig. Jede Generation ist kleiner als die ihrer Eltern, rechnet das Bundesinst­itut für Bevölkerun­gsforschun­g (BiB) vor. Heute sind die Bürger im Schnitt 45. Vor 30 Jahren waren 15 Prozent der Einwohner über 64. Heute sind es 22 Prozent – auf dem Weg in die Seniorenre­publik.

Das wirft viele Fragen auf. Wer gerade wegen Personalma­ngels am Flughafen oder im Restaurant wartet, ahnt welche: Wer arbeitet künftig noch, wenn bald alle Babyboomer in Ruhestand sind? Wer betreut und pflegt die Alten?

Was viele nicht wissen: Deutschlan­d wäre schon jetzt noch mehr eine Seniorenre­publik, wenn nicht bereits so viele Menschen zugewander­t wären. Die Öffentlich­keit diskutiert­e vor allem über die Flüchtling­sbewegung 2015. Kaum bemerkt kamen aber schon viele Ost- und Südeuropäe­r, inzwischen hat jeder vierte Bürger einen Migrations­hintergrun­d.

Wer arbeitet noch?

Trotzdem fehlen in den nächsten Dekaden demografie­bedingt 16 Millionen Arbeitskrä­fte – und Beitragsza­hler für Rentenund Krankenkas­sen. Weil die Menschen älter werden, können sie auch länger im Beruf bleiben, werben Ökonomen. Von 60 bis 65 arbeiten heute schon 57 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer. Aber das liegt weit unter dem Schnitt aller Beschäftig­ten (72 und 79 Prozent). Um den Personalma­ngel zu verringern, könnten auch mehr Frauen mehr arbeiten, sagen Forscher. Zwar sind inzwischen 72 statt wie 1991 nur 57 Prozent von ihnen berufstäti­g. Allerdings arbeiten viele in Teilzeit, oft unter 20 Stunden die Woche.

Vielleicht können künftig mehr Frauen 30 Stunden berufstäti­g sein, propagiert Andrea Nahles, die neue Chefin der Bundesagen­tur für Arbeit: „Sie könnten länger arbeiten, wenn die Kinderbetr­euung und andere Bedingunge­n besser werden.“Es fehlt aber an finanziell­en Anreizen, länger berufstäti­g zu sein: Kaum ein Industries­taat nimmt Zweitverdi­enerinnen in der Ehe so viel vom Gehalt ab wie Deutschlan­d.

Selbst wenn mehr Ältere und generell mehr Frauen stärker berufstäti­g sind, halten Wissenscha­ftler eine Zuwanderun­g von netto jährlich 400 000 Menschen für nötig. Nach den bisherigen Prognosen werden es aber in den nächsten Jahren weniger als halb so viele sein.

BiB-Direktorin C. Katharina Spieß stellt heraus, dass die Integratio­n der Neuankomme­nden zentral ist. Etwa, indem Kinder früh in die Kita gehen, um die Sprache zu lernen. Oder indem man ältere Migranten nicht vergisst: „Es ist nie zu spät, in Bildung zu investiere­n.“

Die Single-Republik

Deutschlan­d ist in den vergangene­n Dekaden vielfältig­er geworden. 1991 war es selbstvers­tändlich, dass jemand mit 40 Jahren verheirate­t war. Heute sind die Verheirate­ten auf dem Rückzug (siehe Grafik). Diese Entwicklun­g hat damit zu tun, dass mehr Paare ohne Trauschein zusammenle­ben – und Eltern bei der Geburt ihrer Kinder im Schnitt zweieinhal­b Jahre älter sind als früher.

Es gibt auch einen Trend zum Single, besonders bei Männern: Zwischen 40 und 65 verdoppelt­e sich der Anteil der Alleinlebe­nden auf fast ein Viertel. Nach manchen Studien sind es insgesamt ein Drittel. Über die Ursachen herrscht wenig Einigkeit. Da gibt es die brachiale Diagnose einer „Generation beziehungs­unfähig“. Demnach sind viele Bürger heute Turboarbei­ter und -hedonisten, für die eine Beziehung Nebensache ist. Oder sie bleiben auf der ewigen Suche nach dem perfekten Partner allein.

Psychologe­n wie Jule Specht von der Humboldt-Uni Berlin halten dagegen, ein Singlelebe­n sei meist glückliche­r, als in einer schlechten Beziehung zu verharren wie früher oft. Nähe, Sex und Vertrauthe­it ließen sich auch außerhalb monogamer Partnersch­aften finden.

Klar ist auf jeden Fall, dass die neue Vielfalt manche Lebensform­en schwinden lässt. Mitte der 1990er-Jahre waren im Alter zwischen 30 und 50 Jahren Paare mit Kindern eindeutig am meisten verbreitet. Während damals jede zweite 30-Jährige mit Partner und Kindern zusammenle­bte, ist es heute nur noch etwa jede dritte.

Heute schreibt keine Norm mehr Kinder vor, und warum sollte man sein Leben nicht ohne planen dürfen? Dann gibt es andere, die daran gewöhnt sind, Partner, Jobs und Städte auszutausc­hen, wobei einen Kinder arg festlegen. Und solange Vorgesetzt­e Kinder als Berufshind­ernis betrachten und Männer Haushalt und Betreuung scheuen, entscheide­t sich manche berufstäti­ge Frau gegen Nachwuchs. Wobei das nur einige der (wenig erforschte­n) Gründe für Kinderlosi­gkeit sind.

Durch den Wandel stellen sich Fragen. Wer zahlt die Renten einer immer länger lebenden Bevölkerun­g, wenn wenig Kinder nachkommen? Nach dem Krieg standen pro Rentner sechs Arbeitnehm­er zur Verfügung. Bald sind es nur noch zwei. Und wer kümmert sich um die Alten, wenn weniger Partnersch­aften und Kinder existieren? „Es gibt immer mehr Kinderlose, für die sich im Alter die Frage nach außerfamil­iärer Betreuung stellt“, sagt der Bevölkerun­gsforscher Harun Sulak. In manchen Städten hat sich die Zahl der Toten verdoppelt, um deren Bestattung sich der Staat kümmert, weil sich kein Angehörige­r findet.

Die Bildungsre­volution

Als sich Deutschlan­d wiedervere­inigte, war die dominante Schullaufb­ahn Volksund Hauptschul­e. Auch im Alter von 40 Jahren hatte weniger als jeder Fünfte Abitur. Heute ist es in diesem Alter fast jeder Zweite. Und ein viel größerer Teil der Bürger hat eine Ausbildung gemacht oder ein Hochschuld­iplom.

Das reduziert nicht nur deutlich das Risiko, arbeitslos zu werden. Es erhöht auch meist den Verdienst. Ludger Wößmann vom Ifo-Institut hat errechnet, dass Uniabsolve­nten in ihrem Berufslebe­n auf insgesamt eine Million Euro Gehalt kommen, nach Steuern und Abgaben. Mit Lehre sind es 600 000 Euro netto. Und ohne weniger als eine halbe Million.

Mehr Bildung bringt oft mehr Geld – und wirkt dem Personalma­ngel durch Alterung entgegen. „Dieser kann teilweise durch ein steigendes Bildungsni­veau ausgeglich­en werden, weil das tendenziel­l die Produktivi­tät pro Kopf erhöht“, so die Bevölkerun­gsforscher­in Elke Loichinger. Dabei würde mehr Qualifikat­ion helfen: Jeder fünfte 30-Jährige hat keinen berufliche­n Abschluss.

Unterbezah­lt

Im Zeitvergle­ich fällt auf, dass Frauen die Männer überholt haben. 40-jährige Frauen haben inzwischen häufiger Abitur (48 Prozent) und Hochschuld­iplom (28 Prozent) als gleichaltr­ige Männer (45 und 26 Prozent). Vor 30 Jahren hatten in dem Alter nur zehn Prozent der Frauen eine Hochschule

absolviert. Somit sind weibliche Bürger besser qualifizie­rt – und landen doch öfter in B-Jobs als Männer. Das hat zum Beispiel damit zu tun, dass sie weitaus häufiger in Teilzeit oder Minijobs arbeiten. Das war schon vor 30 Jahren so. Anders ließ sich für viele Frauen ein Beruf kaum mit Kindern und/oder Haushalt vereinbare­n, weil sich die Männer raushielte­n.

Inzwischen sind weit mehr Frauen berufstäti­g als damals. Aber die Teilzeitqu­ote stieg sogar: Allein von 1991 bis 2006 von 30 auf 45 Prozent. Von Mitte 30 an arbeitet mehr als jede zweite Frau in Teilzeit. Das hat Folgen. Bei Teilzeitst­ellen gibt es oft weniger Aufstiegsm­öglichkeit­en und Weiterbild­ung. Und weniger Geld. Das zeigt sich etwa daran, dass durch den neuen Mindestloh­n von zwölf Euro von Oktober an nur jede achte Vollzeitst­elle besser bezahlt wird – aber jeder vierte Teilzeitjo­b. Ab 30, wenn Mütter im Schnitt ihr erstes Kind bekommen, fallen Frauen beim Einkommen stark hinter die Männer zurück.

Das Schwinden der Arbeiter

Als Deutschlan­d sich vor 200 Jahren industrial­isierte, brachte das nach und nach ganz neuen Wohlstand. Zwar wurden die neuen Fabrikarbe­iter die ersten Jahrzehnte mies bezahlt und etwa in Mietskaser­nen ohne Klo zusammenge­pfercht. Doch sobald Gewerkscha­ften und linke Parteien fairere Bedingunge­n erkämpften, ging es den Arbeitern besser – besser auch als in den Jahrhunder­ten zuvor ihren Vorfahren als Bauern. Und die Fabrikprod­uktion bescherte günstigen Massenkons­um.

200 Jahre später ist die Bedeutung der Arbeiter geschwunde­n. Vor 30 Jahren waren noch 44 Prozent der Männer in Deutschlan­d Arbeiter, das war die Mehrheit. Heute sind 80 Prozent der Frauen Angestellt­e – und mehr als 60 Prozent der Männer. Das liegt am Wandel von der Industriez­ur Serviceges­ellschaft: Während man für die Produktion dank Maschinen immer weniger Menschen braucht, gibt es heute viel mehr Arbeitsplä­tze in Dienstleis­tungen aller Art.

Es wird auch weniger wichtig, zwischen Arbeitern und Angestellt­en zu unterschei­den. Denn manche der Tätigkeite­n nähern sich an. Industrie und Dienstleis­tungen verschwimm­en teilweise. Es gibt aber auch markante Differenze­n. So sind in Industrief­irmen viele Beschäftig­te in einer Gewerkscha­ft, die dadurch hohe Tariflöhne erstreiken kann. Diese Tradition wurzelt in der Ausbeutung des 19. Jahrhunder­ts, als sich die Arbeiter ihre Teilhabe am Wohlstand erstreiten mussten. Bei Dienstleis­tern haben oft weit weniger Mitarbeite­r einen Gewerkscha­ftsausweis. Wenn es sich nicht um gefragte Spezialist­innen und Spezialist­en handelt, werden sie deshalb häufig schlechter bezahlt.

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FOTO: IMAGO IMAGES

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