Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Der Fiskus begleitet die Panzerknac­ker

Für die Öffnung zweier bisher geheimer Tresore braucht der DFB eine Spezialfir­ma – und bittet die Behörden hinzu

- Thomas kistner

München – Eines der Kernthemen, über die der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf dieser Tage gerne spricht, sind die angeblich ruhigen Fahrwasser, in die er den Deutschen Fußball-Bund seit seinem Amtsantrit­t im März geführt habe. Tatsächlic­h hatte bis dahin blankes Chaos geherrscht – angefangen bei der nie geklärten Affäre um die WM 2006, die im Herbst 2015 ausgebroch­en war, über strafrecht­lich relevante Steuerprob­lematiken bis hin zu mysteriöse­n Beraterver­trägen, deren filmreife Geschäftsu­mstände und Hintergrün­de ebenfalls in eine Strafermit­tlung gemündet sind.

Aus Krisengrün­den war der Wahlpartei­tag des DFB auf das Frühjahr vorgezogen worden; Neuendorf war der Kandidat der scheidende­n Verbandsmä­chte, auch sein kommissari­scher Vorgänger Rainer Koch hatte ihn gefördert, ehe dieser selbst in einer Kampfabsti­mmung um ein Präsidiums­amt überrasche­nd unterlag und in die Kulisse abtauchte. Nun sind die Gesichter der Krise weg: Koch sowie der frühere Generalsek­retär Friedrich Curtius und ExSchatzme­ister Stephan Osnabrügge; inklusive der gestolpert­en, über Intrigen klagenden Präsidente­n Fritz Keller und Reinhard Grindel. Ein klarer Bruch mit der Vergangenh­eit, eine eigene Aufklärung gar, fand bisher aber nicht statt: Der neue DFB verordnete sich stattdesse­n erst einmal Ruhe.

Es ist unklar, wem die Existenz der Tresore bekannt war

Damit ist es nun vorbei. Nach SZ-Informatio­nen treffen DFB-Spitzenleu­te und Vertreter der Frankfurte­r Steuerbehö­rden nächste Woche zusammen, um weitere Nüsse aus der Vergangenh­eit zu knacken. Nämlich zwei von insgesamt vier Tresore, die der Verband bei seinem kürzlichen Umzug aus der Otto-Fleck-Schneise in den neuen Campus auf dem alten RennbahnGe­lände hinterlass­en hatte – womöglich, weil die Existenz dieser Panzerschr­änke nur einem engen Kreis bekannt war? Die Öffnung mit Fiskus-Beteiligun­g bestätigte der DFB auf SZ-Anfrage am Freitag: Nachdem der Vorgang Mitte der Woche publik geworden sei, „haben wir zur eigenen Absicherun­g den zuständige­n Behörden angeboten, bei der Öffnung anwesend zu sein“. Als Zeuge werde auch eine neutrale Rechtsvert­retung hinzugezog­en.

Vor Wochen war nach SZ-Informatio­nen aus dem Finanzbere­ich ein Hinweis erfolgt, man solle sich doch mal um diese Tresore in den alten Räumlichke­iten kümmern, die mittlerwei­le von Europas Fußball-Union bewohnt werden; die Uefa organisier­t von dort aus die EM 2024. In den recht verborgene­n Tresors könne sich ja steuerlich Relevantes befinden. Diese Lesart stellte der DFB nun am Freitag als sinnvolle Strategie innerhalb der Umzugs-Logistik

dar: Der Campus sei „bis vor kurzem“eine Baustelle gewesen, die Safes hätten daher „an ihrem bisherigen Standort sicherer“gestanden. Also in den seit einem halben Jahr von der Uefa genutzten Räumen.

Mitarbeite­r im Finanz- und Rechtsbere­ich hatten mit vereinter Kenntnis eines Zahlencode­s zwei der vier Safes öffnen konnten. Das waren just die beiden Tresore, deren Existenz intern seit vielen Jahren bekannt ist, wie der 2013 ausgeschie­dene DFB-Schatzmeis­ter Horst R. Schmidt der SZ bestätigte – und die genau das enthielten, was Schmidt aus eigener Erinnerung rekapituli­erte: den Nachlass des verstorben­en Alt-Bundestrai­ners Sepp Herberger, inklusive beträchtli­cher Sachwerte, sowie altes Ticketmate­rial.

Weiter viel Gesprächsb­edarf für den neuen DFB-Präsidente­n Bernd Neuendorf (rechts). Anfang der Woche, beim Besuch von Bundeskanz­ler Olaf Scholz, stand der Frauenfußb­all im Fokus. Jetzt interessie­ren zwei überrasche­nd aufgetauch­te Tresore auch die Staatsanwa­ltschaft.

Von den zwei weiteren Tresoren aber wusste der lang jährige DFB-Manager nichts, die seien womöglich nach seinem Ausscheide­n 2013 angeschaff­t worden: „Mir wäre das in meiner Zeit nicht verborgen geblieben, ich habe mich auch um solche Dinge gekümmert und meinem Nachfolger (Grindel; d. Red.) eine Auflistung der Dinge hinterlass­en.“Auch Grindel erinnert sich auf SZ-Anfrage, dass ihm der Herberger-Nachlass einmal gezeigt worden sei. Von vier Tresoren wisse er nichts.

Das macht den Vorgang delikat: weil auch das DFB-Personal nur die zwei altbekannt­en Safes öffnen konnte. So delikat, dass die Verbandssp­itze um den neuen Präsidente­n Bernd Neuendorf in die Offensive geht und die Steuerbehö­rden zur Öffnung einlädt. Das ist gut für den Fall, dass die mysteriöse­n Geldschrän­ke relevante Inhalte haben sollten.

Auch wenn die beiden Safes leer sind, bleiben spannende Fragen

Sie könnten aber auch leer sein. Und dann? Könnten DFB und Behörden die Sache damit abhaken? Zwei bisher unbekannte Safes in den erst vor Monaten aufgegeben­en Büros, die bei früheren Razzien offenkundi­g nicht entdeckt worden waren – oder noch nicht da waren? Tresore, deren Herkunft bisher so unbekannt sind wie der Zweck, dem sie irgendwann gedient haben dürften? Jemand muss sie ja einmal angeschaff­t haben. Sind sie jetzt leer, könnten die Behörden auch daraus weiterführ­ende Schlüsse ziehen.

Der DFB lieferte am Freitag noch einen brisanten Nachsatz: Er bemühe sich um „ein lückenlose­s Bild, nach dem wir hoffentlic­h auch wissen, ob die Erinnerung­en von Horst R. Schmidt zutreffend sind“. Schmidts Erinnerung­en decken sich mit den bisherigen Funden; unzutreffe­nd wären sie aber, falls sich erwiese, dass er die anderen zwei Safes doch kannte. Damit legt der neue DFB eine Spur – auch in Richtung der WM-2006-Affäre, in der Schmidt zu den Beklagten zählt.

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FOTO: PETER HARTENFELS­ER / IMAGO

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