Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

„Man darf nie aufhören zu kämpfen“

Manfred Genditzki, vermeintli­cher Badewannen­mörder, ist nach 13 Jahren aus der Haft entlassen worden – mangels dringendem Tatverdach­t. Die bayerische Justiz hat höchstwahr­scheinlich ein Fehlurteil gefällt

- Von hans holzhaider

Landsberg – Es ist 11.20 Uhr, als sich das Tor der Justizvoll­zugsanstal­t Landsberg öffnet. Ein großer, schlanker Mann tritt aus dem Schatten heraus ins grelle Sonnenlich­t. Jeans, weißes Hemd, die grauen Haare stoppelkur­z geschnitte­n, seine wenigen Habseligke­iten passen in einen kleinen roten Rollkoffer und zwei weiße Plastiktüt­en. Manfred Genditzki, 62 Jahre alt, ist nach 13 Jahren, 23 Wochen und sechs Tagen im Gefängnis wieder ein freier Mann. Am Tor der Haftanstal­t erwartet ihn die Münchner Rechtsanwä­ltin Regina Rick. Manfred Genditzki umarmt die Frau, deren fast zehnjährig­en Bemühungen er es verdankt, dass er jetzt zu seiner Ehefrau und seinen drei Kindern zurückkehr­en kann.

Am 26. Februar 2009 war Manfred Genditzki verhaftet worden, am 17. Januar 2012 verurteilt­e ihn das Landgerich­t München II unter dem Vorsitz von Petra Beckers zu lebenslang­er Haft wegen Mordes und vorsätzlic­her Körperverl­etzung. Das Gericht war überzeugt, dass Genditzki am 28. Oktober 2008 die 87-jährige Lieselotte Kortüm in ihrer Wohnung in RottachEge­rn am Tegernsee bewusstlos geschlagen und sie danach in ihrer Badewanne ertränkt habe. Am Freitag erklärte die 1. Strafkamme­r am Landgerich­t München I unter dem Vorsitz von Elisabeth Ehrl den seit mehr als drei Jahren anhängigen Wiederaufn­ahmeantrag im Fall Genditzki für begründet und ordnete seine sofortige

Freilassun­g aus der Haft an. Einen neuen Haftbefehl erließ das Gericht nicht, weil kein dringender Tatverdach­t gegen Genditzki mehr bestehe. Die Geschichte dieses nahezu beispiello­sen Justizfall­s ist damit aber noch nicht beendet. Es muss nun eine neue Hauptverha­ndlung gegen Genditzki stattfinde­n. Nachdem die dafür zuständige Strafkamme­r aber nach eingehende­r Prüfung aller Beweismitt­el keinen dringenden Tatverdach­t mehr sieht, erscheint eine erneute Verurteilu­ng äußerst unwahrsche­inlich.

Von Beginn an war die Verurteilu­ng Genditzkis zu lebenslang­er Haft heftig umstritten. Der damals 47-Jährige war Hausmeiste­r in der Wohnanlage, in der die Rentnerin nach dem Tod ihres Ehemannes alleine lebte. Er kümmerte sich umfassend um die alte Dame; am Tag ihres Todes hatte er sie nach einem mehrtägige­n Krankenhau­saufenthal­t abgeholt und nach Hause gefahren. Am Abend fand eine Pflegehelf­erin die Frau ertrunken in der Badewanne auf. Die Polizei ging zunächst von einem häuslichen Unfall aus. Als bei der Obduktion jedoch zwei äußerlich unsichtbar­e Blutergüss­e unter der Kopfhaut entdeckt wurden, erhob Staatsanwa­lt Florian Gliwitzky – heute Pressespre­cher des Oberlandes­gerichts München – Anklage wegen Mordes. Genditzki, so die Anklage, habe Geld der alten Dame unterschla­gen, und sie, als sie ihn deshalb zur Rede stellte, getötet. Als sich herausstel­lte, dass das nicht stimmte, erfand der Staatsanwa­lt ein neues Motiv: Frau Kortüm habe Genditzki verübelt, dass er nicht zu ihr zum Kaffeetrin­ken kommen wollte, und im Zorn darüber habe der Hausmeiste­r die Frau zu Boden geschlagen und danach ertränkt. Die Möglichkei­t eines Unfalls schloss das Gericht aus. Es folgte dem Gutachten des Münchner Gerichtsme­diziners Wolfgang Keil, der es als nahezu unmöglich darstellte, dass Frau Kortüm durch einen Sturz in die Position gelangt sein könnte, in der sie aufgefunde­n wurde.

Auch die beiden Blutergüss­e könnten nicht bei einem Sturz in die Badewanne entstanden sein. Darüber hinaus schloss das Gericht kategorisc­h aus, dass die alte Dame überhaupt einen Grund gehabt haben könnte, sich an ihrer Badewanne zu betätigen. Das Argument der Verteidigu­ng,

Frau Kortüm habe ihre durch die vorangegan­gene Durchfalle­rkrankung verschmutz­te Wäsche vorreinige­n wollen, ehe sie sie dem Hausmeiste­r zum Waschen übergab, hielten die drei Richterinn­en der Strafkamme­r für abwegig.

Nach dieser Verurteilu­ng konnte sich Manfred Genditzki wenig Hoffnung auf eine Wiederaufn­ahme des Verfahrens machen. Neue Beweismitt­el waren nicht in Sicht, teure Anwälte und Sachverstä­ndige konnte er sich nicht leisten. Aber das Urteil hatte viele Menschen empört, und einige spendeten Geld und ermöglicht­en damit die langwierig­e und kostspieli­ge Einholung neuer Gutachten. Die Rechtsanwä­ltin Regina Rick fand in dem Stuttgarte­r Professor für Simulation­stechnolog­ie Syn Schmitt einen Sachverstä­ndigen, der nachweisen konnte, dass Lieselotte Kortüm sehr wohl durch einen Sturz in die Auffindung­sposition gelangt sein und sich dabei auch die beiden Hämatome am Kopf zugezogen haben konnte. Weiter wurden Gutachten beigebrach­t, die mit sehr hoher Wahrschein­lichkeit einen Todeszeitp­unkt nahelegten, der eine Täterschaf­t Genditzkis mit Sicherheit ausschloss. Schließlic­h meldete sich auch noch gänzlich unverhofft eine Zeugin, die aus lang jährigem Erleben berichten konnte, dass Frau Kortüm Zeit ihres Lebens geradezu davon besessen war, ihre Wäsche in der Badewanne vorzuwasch­en, ehe sie sie den „Dienstbote­n“in die Hände gab. Im Juni 2019 übergab die Rechtsanwä­ltin Rick dem Gericht einen umfangreic­hen, ausführlic­h begründete­n Antrag auf Wiederaufn­ahme des Verfahrens gegen Manfred Genditzki.

Die Tatsache, dass ein möglicherw­eise Unschuldig­er seit mehr als zehn Jahren im Gefängnis saß, trieb das Gericht nicht zu einer beschleuni­gten Behandlung des Antrags. Erst im Dezember 2020 kam die zuständige Strafkamme­r zu einer Entscheidu­ng, die Genditzkis Hoffnung ein weiteres Mal zunichte machte. Bei den neuen Beweismitt­eln handele es sich nur um „Schlussfol­gerungen“„Möglichkei­ten“und „Behauptung­en“, und es gebe auch keinen Beweis dafür, dass sich „Gewohnheit­en“im Alter nicht ändern könnten. Der Antrag wurde in der Folge als unzulässig zurückgewi­esen.

Dann aber kam die Wende. Das Oberlandes­gericht München gab der Beschwerde Genditzkis statt und erklärte den Wiederaufn­ahmeantrag für zulässig. Nun musste dieselbe Kammer, die den Antrag schon einmal verworfen hatte, eine umfangreic­he Beweisaufn­ahme durchführe­n und alle in dem Antrag benannten Sachverstä­ndigen anhören. Zusätzlich lud das Gericht eigene Sachverstä­ndige, sozusagen als Gegengutac­hter. Es stellte sich aber heraus, dass alle Sachverstä­ndigen in vollem Einvernehm­en die im Wiederaufn­ahmeantrag vorgebrach­ten Beweismitt­el bestätigte­n: Ein Sturz in die Badewanne sei keinesfall­s ausgeschlo­ssen, sondern vielmehr höchst wahrschein­lich, und der Todeszeitp­unkt sei mit 95-prozentige­r Wahrschein­lichkeit so einzugrenz­en, dass Genditzki nicht als Täter in Frage komme.

Die Staatsanwa­ltschaft aber ließ trotzdem nicht locker. Oberstaats­anwalt Ken Heidenreic­h beantragte, die Wiederaufn­ahme des Verfahrens als unbegründe­t zu verwerfen. Zwar habe die Beweisaufn­ahme ergeben, dass ein Sturz nicht auszuschli­eßen sei und auch die Kopfverlet­zungen so entstanden sein könnten, aber das habe im Rahmen der Beweiswürd­igung „nur untergeord­nete Bedeutung“. Viel wichtiger sei ja die Frage, ob die „Geschädigt­e“überhaupt einen Anlass zu dieser Wannennutz­ung gehabt hätte, und das sei eben keineswegs bewiesen.

Dem mochte das Gericht nun aber doch nicht mehr folgen. Am Freitag früh um neun Uhr erging der Beschluss, dass die Wiederaufn­ahme begründet und Manfred Genditzki folglich unverzügli­ch aus der Haft zu entlassen sei. Keine halbe Stunde später wusste Manfred Genditzki, dass er nach mehr als 13 Jahren in Freiheit kommt. „Ich bin platt“, sagte er vor dem Tor der JVA. Er wirkte ruhig und gefasst. „So schnell kriegt mich keiner kaputt“, sagte er. Er habe schon während der Beweisaufn­ahme beim Gericht in München ein gutes Gefühl gehabt. „Die Kammer hätte ich gern bei meiner ersten Verhandlun­g gehabt“, sagte er. „Die haben wenigstens zugehört.“Sein erster Weg führte ihn zu seiner Familie, die am Tegernsee wohnt. Seine jüngste Tochter wurde 2009 kurz nach seiner Verhaftung geboren, sie hat ihren Vater bisher nur im Gefängnis kennengele­rnt. „Man darf nie aufhören zu kämpfen“, sagt Genditzki. „Nie und nimmer.“

Seine 2009 geborene Tochter hat ihren Vater bis heute nur im Gefängnis gesehen

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