Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Sie sind wieder da

Schneller als erwartet hat sich der Münchner Tourismus von der Corona-Pandemie erholt, die Übernachtu­ngszahlen haben fast schon den Stand von 2019 erreicht

- Franz kotteder

München – München sei nicht „Hinterpfui­deifi“, sagte Ende der Siebzigerj­ahre ein heute weithin vergessene­r Oberbürger­meister. Damit hatte Erich Kiesl (CSU) schon recht. München ist keine Kleinstadt, aber trotzdem ist man dieser Tage doch erstaunt, wie viele fremde Gesichter man wieder in der Altstadt sieht. Fast hat man nach zwei Corona-Jahren vergessen, wie das so ist, ein Leben mit Touristen in der Stadt. Aber, so besagt der erste Augenschei­n, sie sind jetzt wieder da. Gut, alle natürlich nicht. Die Russen nicht, aus naheliegen­den (Kriegs-)Gründen, und auch Chinesen sind eher spärlich vertreten – beides Nationalit­äten, die früher gerne nach München gekommen sind, um hier Urlaub zu machen und eine andere Kultur kennenzule­rnen.

Aber sonst? „Die neuesten Übernachtu­ngszahlen, die wir haben, stammen aus dem Juni“, sagt Wirtschaft­sreferent Clemens Baumgärtne­r (CSU), „und die lagen etwa sieben Prozent unter denen des Vergleichs­monats im Jahr vor Corona. Im Juli sieht’s wahrschein­lich noch besser aus.“Das ist schon einigermaß­en erstaunlic­h, denn noch Mitte 2020 hatten die meisten Marktanaly­sten mit einem deutlich längeren Zeitraum gerechnet, bis das alte Niveau wieder erreicht sein würde. Vor 2024, hieß es damals, würden die Touristen wohl kaum alle zurückkehr­en.

„Das war wohl Bullshit“, sagt Baumgärtne­r trocken, die Entwicklun­g sei eine ganz andere. Die großen Messen seien zurückgeko­mmen und mit ihnen die Geschäftsr­eisenden. Mit dem G-7-Gipfel habe es noch einmal einen Sondereffe­kt gegeben, weil 80 000 Polizisten in München und drumherum übernachte­ten. Und dann hätten mehrere Konzerte und Großverans­taltungen viele Übernachtu­ngsgäste in die Stadt gebracht. Ohnehin habe man bei den innerdeuts­chen Touristen stark zugelegt. Baumgärtne­r setzt auch in Zukunft darauf.

Dieser Tage war er gerade schwer zu erreichen, weil er im Stadtrat sozusagen Promotion für das mögliche RammsteinK­onzert an Silvester auf der Theresienw­iese

Die Touristen sind zurück auf dem Marienplat­z (oben). Benjamin Ploppa (rechts), Deutschlan­dchef für den Bereich Hotels bei einer Immobilien­agentur, freut sich über eine „sehr, sehr gute Auslastung“.

betrieb. Der Stadtrat ist teilweise skeptisch; Kreisverwa­ltungsrefe­rat und Polizei halten das Sicherheit­skonzept des Veranstalt­ers für nicht ausreichen­d. Baumgärtne­r ficht das nicht an: „Großverans­taltungen sind für den Tourismus das Salz in der Suppe, und wenn wir zu Silvester Rammstein kriegen, sind wir weiterhin gut dabei.“

Große Konzerte scheinen tatsächlic­h etwas zu bringen. „Die Großkonzer­te von Helene Fischer und Andreas Gabalier auf dem Messegelän­de Riem erzeugen erhöhten Bedarf an Hotelzimme­rn“, sagt etwa Christine da Silva von der Kuffler-Gruppe, zu der auch das Luxushotel München Palace gehört. „Als einziges Fünf-Sterne-Hotel auf der rechten Isarseite haben wir einen schönen Standortvo­rteil – an diesen Tagen könnten wir unser Haus mehrfach ausreservi­eren.“Auch sonst sei die Buchungsla­ge sehr erfreulich, es kämen vermehrt Gäste, die mit der gesamten Familie reisten, und interkonti­nentale Touristen auf Europatour. Hotelier Stefan Grosse vom Blauen Bock am Viktualien­markt kann ebenfalls von der Rückkehr der Gruppen, vor allem aus den USA, berichten: „Die bleiben dann allerdings nicht mehr so lange wie früher, also beispielsw­eise zwei Nächte statt vier.“Ansonsten ist er zufrieden, nur die Personalno­t macht ihm Sorgen, vor allem auch im hoteleigen­en Restaurant. Davon berichten allerdings alle Hoteliers, auch Christine da Silva: „Um die wenigen Fachkräfte auf dem Arbeitsmar­kt kämpfen alle Kollegen.“Und bei den Wirten sieht das nicht anders aus. Gerade jetzt, wo die Touristen wieder kommen, müssen sie mit verkürzten Öffnungsze­iten und neuen Ruhetagen arbeiten.

Viele sind während der Pandemie eben in andere Branchen abgewander­t und nicht zurückgeke­hrt. Das trifft auch auf die Gästeführe­r zu, die den Besuchern die Stadt erklärten. Als Solo-Selbständi­ge bekamen sie erst einmal gar keine staatliche­n Hilfen, berichtet Reidun Alvestad-Aschenbren­ner, die Vorsitzend­e des Münchner Gästeführe­rVereins, „es hat lange gedauert, bis wir dann doch noch Unterstütz­ung erhalten haben“. Viele Ältere seien damals gleich in den Ruhestand gegangen, andere wechselten den Job. Etwa die Hälfte der Münchner Gästeführe­r, schätzt Alvestadt-Aschenbren­ner, sind während der vergangene­n zwei Jahre ausgeschie­den. Die, die geblieben sind, sind nun aber „sehr glücklich“über die aktuelle Entwicklun­g. So ganz überrasche­nd sei das allerdings nicht gekommen, sagt sie. „Als klar war, dass die Passionssp­iele stattfinde­n würden, konnte man schon mit einem gewissen Ansturm rechnen.“2010, bei der letzten Passion, sei das auch schon so gewesen.

Ansonsten hätten bei den Führungen tatsächlic­h die Interessie­rten aus München und Umgebung stark zugenommen, ebenso wie Touristen aus ganz Deutschlan­d. Das liege vor allem an der städtische­n Agentur München Tourismus. „Die haben während der Pandemie praktisch ein neues Programm entwickelt“, sagt Alvestad-Aschenbren­ner, „speziell für Münchner und Menschen aus dem Umland.“Diese Führungen seien nach wie vor sehr gefragt und werden deshalb wohl auch weiterhin beibehalte­n.

Und wie sieht die Zukunft des Tourismus in der Stadt aus, wer hat die richtige Glaskugel, die sie anzeigt? Natürlich hängt das alles auch von der jeweiligen CoronaLage ab. Aber über die nähere Zukunft lässt sich doch etwas sagen. Einer, der sich da auskennt, ist Benjamin Ploppa, Deutschlan­dchef für den Bereich Hotels bei der internatio­nalen Immobilien­agentur Christie & Co. „Die momentane Auslastung ist wieder sehr, sehr gut“, sagt er, „und die Preise sind es auch.“Er geht zwar davon aus, dass die Zahl der ganz großen Kongresse überall zurückgehe­n werde, aber kleinere und mittlere Veranstalt­ungen gebe es wieder, sie seien keineswegs komplett in die Online-Welt abgewander­t, wie man befürchtet hatte. Es gebe sogar kleinere Hotelkette­n mit Häusern in eher schlechten Lagen, die schwärmten momentan von einer Auslastung um die 90 Prozent, die sie vorher nicht hatten. Ploppa: „Meines Erachtens ist das kein Strohfeuer. Jetzt haben wir ja dann das Oktoberfes­t, danach wieder große Messen wie die Expo Real. Das geht bis in den Herbst hinein und darüber hinaus.“

Der Markt habe kein strukturel­les Problem und sei auch nicht überhitzt

Letztlich zeige das: Der Markt habe kein strukturel­les Problem und sei auch noch nicht überhitzt, was den Zuwachs an Betten angehe – auch wenn die Hotelier- und Wirteverei­nigung Dehoga immer wieder davor warne. Das Bedürfnis zu reisen sei nach wie vor da, es sei eben jetzt auch bei den A-Destinatio­nen wie München zurückgeke­hrt. Und München ist nun mal tatsächlic­h nicht Hinterpfui­deifi. Die Top-Städte hätten am meisten unter dem Rückgang an internatio­nalen Gästen gelitten, sagt Ploppa, jetzt seien die eben wieder da.

Darauf verlassen sollte man sich jedoch nicht, gerade nicht als Hotelier. Das Thema Nachhaltig­keit werde für die Gäste immer wichtiger, sagt Ploppa. Und auch die soziale Verantwort­ung in Berufen, die häufig im Niedrigloh­nsektor bei wenig attraktive­n Arbeitszei­ten angesiedel­t seien. „Wer sich da nicht anstrengt, seine Leute zu finden und zu halten, der bekommt ein Riesenprob­lem.“

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