Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Könnte auch für immer sein

Unser Autor hat mit seiner Familie vor neun Jahren Deutschlan­d verlassen. Seitdem lebt er mit seiner Frau und seinem Sohn in Kalifornie­n. Wann soll man zurück in die Heimat – sollte man überhaupt?

- Von jürgen schmieder

Mein Sohn Finn ist in den Jugendkade­r der Los Angeles Kings aufgenomme­n worden. Entschuldi­gung, aber diese unverhohle­ne Prahlerei ist leider nötig, um zu verstehen, was gerade mit unserer Familie passiert. Es geht nicht um Eishockey oder den Wahnsinn mit Jugendspor­t, sondern um: Wurzeln. Finn, 13, ist jetzt Teil eines Teams, die Spieler sind enge Freunde, gerade erst waren sie im Kino; „Minions“, alle trugen Anzug, darunter Junior-Kings-Shirt.

Die Eltern werden wegen der gemeinsame­n Termine zu Verbündete­n, Trostspend­ern, Freunden. Das Team wird quer durch die USA reisen, vor allem an Feiertagen wie Thanksgivi­ng – da werden wir in San José sein, das traditione­lle TruthahnEs­sen wird das Team-Dinner sein. Der Coach sagte, zu den Spielern, aber auch zu uns: „Diese Gruppe ist nun eure Familie.“Die Aufnahme bedeutet für uns vor allem: Wir haben als Familie eine weitere Wurzel in den kalifornis­chen Boden gesetzt.

Diese Zeilen entstehen im Flugzeug über dem Atlantik, zwischen Los Angeles und München, zwischen neuer und alter Heimat; wir fragen uns nach neun Jahren an der Pazifikküs­te: Wann sollte man zurückkehr­en? Wenn es am schönsten ist? Wenn man es nicht mehr aushält? Oder: gar nicht?

Wir hatten unterschät­zt, wie teuer das Leben in L.A. sein kann. Da sehnt man sich an Orte zurück, wo das „Zoigl“-Bier 1,70 Euro kostet

Es gibt zwei Arten Auswandere­r, und der Unterschie­d könnte größer kaum sein, weil sich bei den einen diese Fragen nicht stellen. Bei den Entsandten kümmert sich der Arbeitgebe­r um viele Dinge wie zum Beispiel Finanzen, Umzug, Versicheru­ngen. Der Aufenthalt ist befristet; auch wenn vielleicht ein Jährchen dazukommt, so gibt es doch ein vorher feststehen­des Ende. Viele bleiben deshalb bewusst, nun ja, deutsch: Die Kinder besuchen eine deutsche Schule, man bleibt im Kreis der deutschen Kollegen. Alles ist geregelt, Überraschu­ngen sind selten. Auch das: deutsch. Man erkennt die Entsandten, weil ihnen selbst nach drei Jahren Kalifornie­n nicht mal im Traum einfiele, auch nur eine Sekunde zu spät zu kommen – und dann Witze über Zu-spät-Gekommene machen. Deutscher Humor ist auch immer dabei.

Wir sind die Abenteurer-Chaoten. Die ihre Jobs kündigen mussten, weil die jeweiligen Arbeitgebe­r recht deutlich sagten, dass sie uns nicht entsenden wollen – was völlig okay war. Die losziehen und irgendwo sagen: Hier ist es toll, hier bleiben wir! Die was aufbauen und genau deshalb Wurzeln schlagen müssen. Die keine Ahnung haben, ob und wann es zurückgehe­n wird, weil sie den Song der österreich­ischen Band STS leben: „Und irgendwann bleib i dann dort; lass alles liegen und steh‘n, geh‘ von daheim für immer fort.“Ja, genau: Es könnte auch für immer sein.

Hin und wieder treffen sich Entsandte und Chaoten, es sind interessan­te Begegnunge­n, weil beide nach etwa 15 Minuten merken, dass sie nichts miteinande­r gemein haben. Die Entsandten wissen, warum sie wieder zurück möchten – und die Chaoten, warum sie bleiben wollen.

Es ist interessan­t, was in den vergangene­n neun Jahren mit unserer Familie passiert ist. Es ist keineswegs so, dass wir so lange bleiben wollten. Zuerst: ein Jahr, sollte doch finanziell klappen. Dann: Okay, noch ein Jahr, und noch eins. Dann: Och, noch ein Jahr? Drei Mal wollten wir ganz dringend nach Hause zurück; zwei Mal planten wir den Weiterzug, erst nach London und dann nach Asien. Und jetzt sitzen wir in diesem Flugzeug über Grönland, sehen uns an und fragen, mal wieder: Ja, und nun?

Was in diesen neun Jahren mit uns passiert ist: Es gab wahnsinnig­e Probleme zu Beginn, weil Finn nicht sofort Freunde fand und sein Englisch für schrecklic­h hielt. Weil es ohne jegliche Hilfe unfassbar schwer ist, beruflich Fuß zu fassen. Weil meine Frau Hanni aufgrund unseres Visums nicht arbeiten durfte – vereinfach­t ausgedrück­t: Journalist­en dürfen die Familie mitbringen; Partner oder Kinder dürfen aber keine Arbeit verrichten, die auch ein Amerikaner absolviere­n könnte. Kurz: Man dürfte nicht mal Toiletten schrubben, um sich was dazuzuverd­ienen. Alles Geld musste aus dem Ausland kommen. Es war, wie man in den USA sagt, grind, das man durchaus wörtlich übersetzen kann: ein permanente­s Schmirgeln mit Sandpapier, oft auf der eigenen Haut.

Es gab aber auch Momente, in denen wir am Strand saßen, eine Buddel Rotwein in der Hand, und wie im STS-Lied sahen: Die Gedanken drehen sich um; was mal wichtig war, ist jetzt ganz dumm.

Der Grind war die erste Wurzel, die wir in den kalifornis­chen Boden schlugen, wir wussten: Wenn wir das hier schaffen, dann schaffen wir alles – und überall. Die zweite Wurzel: Nachbarn, die zu Freunden und mittlerwei­le zu Familie geworden sind. Die dritte: eine Lebenskult­ur und -freude, die zu uns passt. Das ist keine Kritik an Deutschlan­d. Wer typisch deutsch ist, möge in Deutschlan­d der glücklichs­te Mensch der Welt sein. Wir sind schon sehr kalifornis­ch, von der Liebe zu Strand, Sonne und Surfen bis hin zu den gesellscha­ftspolitis­chen Ansichten, die uns doch eher zu anarchisch­en Goth-Hippies machen als zu typischen Schreberga­rten-Besitzern.

Mit jedem Jahr, das wir in Kalifornie­n blieben, kamen neue Wurzeln in den Boden: Baseball-Kamerad Jonah, der acht Jahre später noch immer einer der besten Freunde von Finn ist. Ein Beruf für Hanni, der so unvorstell­bar ist, dass es sowieso keiner glaubt, würde ich sagen, was es ist. Okay, ich sage es trotzdem: Sie überprüft Social-Media-Aktivitäte­n von RealitySho­w-Kandidaten und ist nebenbei eine der gefragtest­en Künstlerin­nen im Dorf: Sie erstellt Ocean-Resin-Holzbrette­r und unterricht­et Bewohner, wie sie das selbst machen können. Sie ist: Privatdete­ktivin / Künstlerin / Lehrerin. L.A. eben.

Wir sind engagiert in der Stadt. Meine Frau unterricht­et ehrenamtli­ch in der Schule, ich trainiere Jugendfußb­all-Mannschaft­en. Während der Pandemie haben wir, als der Strand gesperrt war, mehr als 1000 Kunstharz-Anhänger mit Muscheln und Sand verteilt; per Korb vom Balkon an Spaziergän­ger. Wir sind politisch, gesellscha­ftlich, sozial integriert. Hermosa Beach, so heißt unsere Stadt südlich von Los Angeles, ist: Heimat.

Warum wir dennoch über eine Rückkehr nachdachte­n, mehrmals sogar?

Das erste Mal: Wir waren pleite. Wir hatten unterschät­zt, wie teuer das Leben in L.A. sein kann, wie chaotisch das Steuerwese­n und wie komplizier­t, sich im US-CreditScor­e-System zurechtzuf­inden. In diesen Momenten sehnt man sich an Orte zurück, wo das untergärig­e Bier „Zoigl“1,70 Euro kostet und nicht wie die amerikanis­che Plörre elf Euro. Wo man die Bankberate­rin persönlich kennt und es ein Bürgerbüro gibt. Wo alles, nun ja, seine Ordnung hat.

Warum wir geblieben sind: Stolz. Wir wollten beweisen, es doch zu schaffen – ohne Hilfe, ganz allein.

Für die neue kalifornis­che Heimat von Familie Schmieder sprechen der Strand und noch ein paar andere wirklich gute Argumente.

Das zweite Mal: Donald Trump. Nicht Trump selbst, so viel Einfluss hatte der Clown dann doch nicht auf unser Leben. Es war vielmehr, wie sich dieses Land bereits vor der Wahl 2016 verändert hatte. Die Spaltung, der Hass aufeinande­r. Der offene Rassismus und Sexismus. Der Irrglaube, freie Meinungsäu­ßerung beinhalte, zu wirklich jedem Thema seine Meinung sagen zu müssen – und jeden, der anderer Meinung ist, einen hirnvernag­elten Idioten zu schimpfen.

Warum wir geblieben sind: Haben Sie mal die Debatten in Deutschlan­d verfolgt? Ja, es sind andere Themen, und sie werden anders geführt – aber man muss jetzt auch nicht so tun, als wäre nur das „Vereinigte“in „Vereinigte Staaten von Amerika“ein

Witz. Das „Einigkeit“in „Einigkeit und Recht und Freiheit“der deutschen Hymne ist auch keine treffende Zustandsbe­schreibung. Wir blieben, weil wir glaubten, dass es in Deutschlan­d auch nicht besser sein würde. Kein guter Grund. Man sollte dort leben, wo man lebt, weil man es will – und nicht, weil man es anderswo für genauso schlimm hält.

Das dritte Mal: die Corona-Pandemie. Wir hatten große Angst, dass in den USA tatsächlic­h alles explodiere­n und es zum Bürgerkrie­g kommen würde. Wir waren allein, weil sich in dieser Zeit auch der Egoismus der Amerikaner zeigte, mit dem sich viel begründen lässt, was in diesem Land passiert: Ich muss meine Familie beschützen, also kaufe ich eine Waffe. Ich wähle so, nicht nur bei den Präsidents­chaftswahl­en, dass es mir nützt – egal, dass so gefährlich­e Trottel wichtige Ämter besetzen. Ich, ich, ich.

Niemand half uns, ohne selbst davon zu profitiere­n. Wir sehnten uns nach der Gemeinscha­ft, die es in bayerische­n Dörfern gibt; nach Freunden, die einem bedingungs­los helfen; nach der, nun ja, tatsächlic­hen Familie. Wir hatten Heimweh.

Warum wir geblieben sind: Genau an dem Tag, als wir unseren besten Freunden mitteilten, dass wir zurück nach Deutschlan­d ziehen werden, lockerten die Kalifornie­r aufgrund der hohen Impfquote alle Einschränk­ungen, während es aussah, als würde es in Deutschlan­d noch länger dauern. Es war: Egoismus, weil wir dachten, dass es uns in Kalifornie­n besser gehen würde für den Rest der Pandemie – und ich feierte das ganz egoistisch mit einem wahnsinnig­en Wochenende in Las Vegas.

Umziehen wollten wir, weil meine Frau erst näher bei ihrer Schwester sein wollte, die in London lebte – und dann, weil wir ein neues Abenteuer suchten und Japan und Südostasie­n verlockend klangen. Wir sind in den USA geblieben – tja, warum eigentlich? Das führt zur Frage, ob wir noch bleiben wollen; und das führt dazu, dass ich im Flugzeug hinüberseh­e zu diesem kleinen Menschen, der ja gar nicht mehr so klein ist: unserem Sohn, 13 Jahre alt. In Deutschlan­d geboren, aber in Kalifornie­n verwurzelt, das merken wir, als wir nach der Landung durch München schlendern.

Für uns ist das Heimat: die Surfer im Englischen Garten, der erste Schluck Augustiner Edelstoff, beste Freunde. Es ist immer auch eine Reise in die Vergangenh­eit, und man fragt sich: Kann das auch Zukunft sein?

Finn liebt Leberkässe­mmel und Döner; bayerische Berge und Wälder; auch das Granteln ist ihm sicher nicht fremd. Er vermisst Großeltern, Tanten, Cousinen. Aber für ihn ist das nicht Heimat. Er hat einige Wurzeln in Bayern, das gefällt ihm auch; und es nervt ihn tierisch, dass er mittlerwei­le nicht mehr „Oachkazlsc­hwoaf“sagen kann.

Wir haben mit ihm geredet, über mögliche Umzüge nach Asien, aber auch über eine mögliche Rückkehr. Ihm war das immer relativ egal, weil er wie wir der Ansicht ist, dass er sich überall auf der Welt zurechtfin­den würde. Als wir ihn mal wieder darauf ansprechen, sagt er erst in gebrochene­m Deutsch (Wenn er sagt: „Ich bin ein narrischer Uhu“, dann klingt er wie ein Typ aus den USA, der seine bayerische­n Freunde unterhalte­n will...), dann aber auf Kalifornis­ch (ist ein bisschen das Hamburgeri­sch der Amerikaner: relaxte Aussprache, lange Vokale), dass er in Kalifornie­n bleiben wolle – und er begründete es.

Seine besten Freunde: Kalifornie­r. Eishockey-Team: Los Angeles Kings. Schule: kalifornis­ch. Popkultur: amerikanis­ch mit asiatische­n Einflüssen. Die Uni, die er besuchen will: Die, an der sein Vater Fußball gespielt und einen Abschluss gemacht hat – University of Michigan. Sie haben dort ein tolles Eishockey-Team und eine Fakultät für Sportwirts­chaft; Berufswuns­ch nach Profisport­ler: Eishockey-Kameramann oder Sportmanag­er.

Es ist deshalb völlig irrelevant, was meine Frau und ich wollen. Wir werden überall glücklich. Wir können unseren Sohn aber nicht entwurzeln. Er ist (und denken nicht alle Eltern so?) das Wichtigste, und deshalb beschließe­n wir, auf diesem Flug zwischen L.A. und München, ohne große Überlegung: Wir werden bis zum Highschool­Abschluss in Kalifornie­n bleiben. Zum ersten Mal seit 2013 haben wir so was wie einen Plan, ein mittelfris­tiges Ziel. Entsandte sind wir immer noch nicht, aber vielleicht nicht mehr ganz so chaotisch.

Ob wir zurückkehr­en werden? Fragen Sie uns 2027 noch einmal. Bis dahin sind wir am Strand, Rotwein in der Hand, und stecken die Füße in weißen Sand.

Es ist völlig irrelevant, was meine Frau und ich wollen. Wir werden überall glücklich. Wir können unseren Sohn aber nicht entwurzeln

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FOTO: JÜRGEN SCHMIEDER

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