Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Stau auf der Schiene

Verspätung­en, Zugausfäll­e, Umleitunge­n – es hakt massiv bei der Bahn. Beim Güterzugbe­treiber TX Logistik versuchen sie dennoch, das Chaos irgendwie in den Griff zu kriegen. Ein Besuch in der Leitstelle

- Von marco völklein

Heftige Verspätung­en, immer wieder Zugausfäll­e – es läuft nicht rund im deutschen Schienenne­tz. Selbst die Deutsche Bahn (DB) räumt ein, dass viele Baustellen den Verkehr auf der Schiene massiv behindern. Hinzu kommt, dass über die Jahre Investitio­nen versäumt wurden, leistungsf­ähige Umleitungs­strecken fehlen. Kurz: Das Netz ist völlig überlastet. Was das konkret heißt, kann man im European Control Center (abgekürzt: ECC) der TX Logistik AG in Troisdorf bei Köln erleben. Von dort aus steuert der Güterzugbe­treiber, der zur italienisc­hen Staatsbahn FS Italiane gehört, seine Transporte. Die Mitarbeite­r dort schlagen sich jeden Tag mit vielerlei Unbill herum, nicht nur mit den zahlreiche­n Baustellen.

5.46 Uhr, Troisdorf

Wie immer beginnt Ali Demirsal auch an diesem Dienstag seinen Dienst etwa eine Viertelstu­nde vorm eigentlich­en Schichtwec­hsel. Der 30-Jährige ist Disponent in der Leitstelle in Troisdorf, zusammen mit einer Kollegin und einem Kollegen managt er an diesem Morgen etwas mehr als zwei Dutzend Züge von TX Logistik. Besetzt ist die Leitstelle 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Von der Nachtschic­ht hat das Team einiges übernommen, das nun abgearbeit­et werden muss. 8.35 Uhr, Troisdorf

Kein Zug fährt ohne Fahrplan, auch kein Güterzug. Also bestellt Disponent Demirsal einen Fahrplan für Zug 49887, der aus Würzburg weg muss. Am PC trägt er unter anderem Länge und Tonnage des Zuges ein, dazu einige Besonderhe­iten, all das geht an die DB. Die gewünschte Abfahrtsze­it: 10.30 Uhr. „So hat der Jürgen genügend Puffer für die Vorbereitu­ngen“, sagt Demirsal. Unter anderem muss der Lokführer eine ausführlic­he Bremsprobe machen, dazu mehrmals am Zug entlanglau­fen. All das kostet Zeit. Viel Zeit.

9.03 Uhr, Troisdorf

In Demirsals E-Mail-Postfach ploppt die Krankmeldu­ng eines Lokführers auf. War der für eine Zugfahrt eingeplant? Demirsal ruft das Programm für die Personaldi­spo auf – und kann sich gleich wieder entspannen. Der Kollege war bereits seit einigen Tagen krankgesch­rieben und ist aktuell für keinen Zug vorgesehen.

9.07 Uhr, Troisdorf bewegen sich laut einer Übersicht des Eisenbahnb­undesamts auf dem deutschen Schienengü­terverkehr­smarkt. Etwa jeder zweite Zug ist grenzübers­chreitend unterwegs, die Maximallän­ge eines Güterzugs beträgt in Europa 740 Meter. 10.12 Uhr, Troisdorf

Disponent Demirsal klickt sich durch die Programme auf den sechs Bildschirm­en vor sich. Der Zug von Mainz nach Köln, dessen Lok dringend für Zug 43151 nach Verona benötigt wird, hat sich weiter verspätet. Das DB-System nennt mehrere Gründe, unter anderem diverse Baustellen; auch eine Störung an der Leit- und Sicherungs­technik, also an einer Weiche oder einem Signal, hat den Zug aufgehalte­n. Zudem listet es zahlreiche „Zugfolgeve­rspätungen“auf, Demirsal übersetzt: „Stau auf der Schiene“. Schon jetzt sind zu viele Züge im Netz unterwegs; die Bahn operiert vielerorts hart an der Kapazitäts­grenze, manchmal auch weit darüber hinaus. Das schlägt sich in massiven Verspätung­en nieder, auch und insbesonde­re bei den Güterzügen, wo Verzögerun­gen von mehreren Stunden mittlerwei­le Normalität sind.

Die Bundesregi­erung will künftig noch mehr Fracht auf die Schiene holen, um im Klimaschut­z voranzukom­men, aber auch, um die Autobahnen von den Lkw zu entlasten. „Ohne einen massiven Ausbau der Infrastruk­tur und eine entspreche­nde Instandhal­tung wird das nicht gehen“, sagt Nicolas Druey, der Leiter des ECC. Zumal auch im Personenve­rkehr die Politik mehr Menschen zum Umstieg bewegen möchte, raus aus dem Auto, rein in den Zug.

10.46 Uhr, Würzburg

Lokführer Jürgen schickt eine Mail: Zug 88916 hat Würzburg verlassen, ist nun auf dem Weg nach Treuchtlin­gen. Nahezu pünktlich. „Mal sehen, was da noch so passiert“, sagt Demirsal. Was ihn reizt an seinem Job in der Leitstelle? „Die Abwechslun­g“, sagt er. Er wisse bei Schichtbeg­inn nie, was ihn erwarte. Und: „Ich mache etwas Sinnvolles.“Lieber schicke er, zum Schutz der Umwelt, einen Zug mit 30 Sattelaufl­iegern auf die Reise als 30 einzelne Lastwagen, sagt der gelernte Speditions­kaufmann. Würde er wieder zurückgehe­n ins Lkw-Geschäft? „Nein“, sagt Demirsal. „Niemals.“Die Welt der Eisenbahn, „das ist mein Ding“. Obwohl hier alles so hochgradig komplex ist? „Genau deshalb, das ist ja die Herausford­erung“, sagt er.

12.28 Uhr, Bietigheim-Bissingen Lokführer Christian meldet sich per Telefon. Die Betriebsze­ntrale (BZ) der Deutschen Bahn in Karlsruhe hat ihn in Bietigheim „an die Seite genommen“; der Zug steht nun also auf einem Nebengleis. Auf dem drittletzt­en Waggon hat sich eine Plane an einem Lkw-Sattelaufl­ieger gelöst; so kann Zug 41870, unterwegs von Triest nach Bettembour­g in Luxemburg, nicht weiterfahr­en. Nur eine Minute später ruft bereits ein DB-Kollege aus der BZ in Karlsruhe bei Demirsal an: „Ihr kümmert Euch?“Der Disponent: „Na klar!“ 12.52 Uhr, Köln

Der Zug mit der Lok aus Mainz ist da. Endlich. Nun wird abgekuppel­t, die Lok umgesetzt an Zug 43151 nach Verona. Dann Bremsprobe machen, Papiere checken. Lokführer Ünal hat gut zu tun. „Das klappt meistens recht zügig“, sagt Demirsal. Die Abfahrt wird sich dennoch um weitere eineinhalb Stunden verzögern. Im Übergabepr­otokoll für die Spätschich­t notiert er: „Abfahrt vorauss. 14.30 Uhr.“

12.55 Uhr, Troisdorf

Anruf bei Lokführer Christian in Bietigheim: „Wie sieht’s aus? Kriegst du die Plane gerichtet?“Glück im Unglück: Christian hat einen Lokführer-Azubi dabei, der packt mit an. Schaffen sie es nicht, müssten die letzten drei Waggons abgekuppel­t und vorläufig abgestellt werden; „in Bietigheim kann das aber nicht passieren“, das hat der DB-Kollege aus der BZ schon klargemach­t. Disponent Demirsal müsste sich dann etwas einfallen lassen.

12.59 Uhr, Treuchtlin­gen

Lokführer Jürgen ist mit Zug 88916 in Treuchtlin­gen angekommen. Die Weiterfahr­t des (ja ohnehin schon mehrere Tage verspätete­n) Zuges nach Italien ist allerdings erst in drei Tagen vorgesehen, mittlerwei­le kümmern sich mehrere andere TX-Abteilunge­n um das Sorgenkind. Weil ein anderer Italienzug, der eigentlich für den Freitag vorgesehen war, storniert wurde, soll 88916 nun dessen Fahrplan am Freitag nutzen für die Fahrt gen Süden.

13.10 Uhr, Bietigheim-Bissingen Lokführer Christian meldet sich: Die Plane an dem Lkw-Auflieger ist wieder fest. Problem gelöst, der Zug kann weiterfahr­en. Eigentlich lag 41870 gut in der Zeit: Mehr als eine Stunde war er vor dem Fahrplan unterwegs gewesen, als er in Bietigheim an die Seite genommen wurde. Nun ist von dem Zeitpuffer kaum was übrig.

13.44 Uhr, Troisdorf

Die Spätschich­t trudelt ein, Demirsal übergibt an eine Kollegin. Sein Fazit? „Weitgehend entspannt“, sagt er. Größere Störungen, etwa Ausfälle ganzer Stellwerke oder mehrstündi­ge Streckensp­errungen, gab es keine. Alles ruhig also? „Das R-Wort benutzen wir hier nicht so gern“, sagt Demirsal und schmunzelt. Denn wenn es falle, dann passiere nicht selten etwas. Und dann war’s das mit der Ruhe.

13.49 Uhr, Bietigheim-Bissingen

Ein letzter Anruf bei Lokführer Christian, der mit der losen Lkw-Plane. Noch immer steht er in Bietigheim. „Wie sieht es aus?“, fragt Demirsal. „In diesem Moment geht es weiter“, antwortet der Mann in der Lok. Das Signal vor ihm zeigt grün. Freie Fahrt.

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FOTO: LEON KUEGELER / PHOTOTHEK.DE / IMAGO IMAGES Güterbahnh­of in Hagen in Nordrhein-Westfalen: Nach den Plänen der Bundesregi­erung sollen künftig mehr Waren über die Schiene transporti­ert werden.
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FOTO: HARTJE

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