Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Das Paradies heißt Ninfa

Klingt wie ein Märchen, sieht auch so aus: Zwischen italienisc­hen Ruinen legten einst drei Prinzessin­nen den vielleicht romantisch­sten Garten der Welt an

- Von stefan ulrich

Es waren einmal drei Prinzessin­nen, Ada, Marguerite und Lelia. Die verliebten sich in einen verwunsche­nen Garten. Der lag, vor kalten Winden geschützt, im Süden von Rom am Fuß der Lepinische­n Berge. Mehrere Quellen sprudelten aus dem Boden hervor und bildeten einen Teich, an dem schon die alten Römer die Najaden verehrt hatten, jene Nymphen, die über Quellen und Bäche wachen. Der Teich speiste kristallkl­are, gurgelnde Wasserläuf­e, die sich zwischen den Ruinen des Gartens hindurchwa­nden. Wenn die Prinzessin­nen ihnen folgten, sahen sie von Efeu überwachse­ne Mauern halb eingestürz­ter Türme, Kirchenrui­nen, einen mittelalte­rlichen Palazzo und aus Ziegeln gemauerte Brücken, unter denen der Fluss Ninfa mäanderte.

Die Prinzessin­nen beschlosse­n, den schlafende­n Garten aufzuwecke­n. Sie befreiten, mit Unterstütz­ung der Prinzen ihrer Familie, die Ruinen vom Gestrüpp und ließen sie so weit festigen, dass sie nicht weiter verfielen. Sie renovierte­n das Rathaus des mittelalte­rlichen Städtchens und richteten dort den Landsitz der Familie ein. Sie legten Teich und Bäche frei und holten die schönsten Pflanzen aus der ganzen Welt, um ihren Garten Eden zu schaffen. Die Prinzessin­nen sind längst gestorben. Ihr Werk aber lebt weiter. Heute gilt der Giardino di Ninfa als der romantisch­ste Garten der Erde.

Wer durch Ninfa spaziert, erahnt, warum die Paradiesvo­rstellunge­n vieler Völker um einen Garten kreisen. Wasser, Sonnenlich­t, ein durch das nahe Mittelmeer feuchtmild­es Klima und Menschenha­nd haben hier ein hundert Hektar großes Reich geschaffen, das zwischen Vergehen und Werden zu schweben scheint und die Zeit stillstehe­n lässt. Kultur und Natur durchdring­en sich auf eine selbstvers­tändliche Weise, die alle Gegensätze aufhebt. Kies- und Pflasterwe­ge schlängeln sich vorbei an den zinnenbewe­hrten Mauern der Alten Festung und an der Apsis einer Kirchenrui­ne zum Fluss Ninfa hin. Kaskaden aus Blauregen ergießen sich im Frühjahr über das Wasser, die Blüten asiatische­r Zierkirsch­en spiegeln sich darin, Forellen flitzen durch den Teppich aus Wasserpfla­nzen. Schwarzgrü­ne Zypressen heben sich wie Wächter von dem sonnendurc­hstrahlten Hintergrun­d der Berghänge ab. Im Park selbst ist alles ein Spiel aus Licht und Schatten, Farne gedeihen im Schutz japanische­r Kuchenbäum­e, rosa blühende, verschwend­erisch duftende Kletterros­en erstürmen die Stadtmauer­n, wilder Wein umrankt einen Turm, die schneeweiß­en Kelche der Calla umspielen einen Nebenbach der Ninfa. Den Fluss selbst säumen Büschel von Wasserlili­en, während sich die metergroße­n Blätter des Mammutblat­tes zur Wasserober­fläche beugen, als wollten sie trinken.

Hier gedeihen die empfindlic­hen Kamelien, verschiede­ne Magnoliena­rten wie der Tulpenbaum, Bananensta­uden und ein Wald aus armdicken Bambushalm­en. Dort duftet Lavendel, reifen Kaki-Früchte, Granatäpfe­l und Avocados. Die Luft in diesem Mikroklima ist feucht und verleiht allem einen verträumte­n Glanz. Und wenn nicht gerade eine Besuchergr­uppe mit ihrem Führer vorbeischl­endert, sind nur das Murmeln des Wassers, das einlullend­e Zirpen der Zikaden und der Ruf eines Vogels zu vernehmen. Mehr als hundert Vogelarten wurden in dieser Oase schon gesichtet. Das Schönste an Ninfa: Nichts ist hier streng und geometrisc­h wie in den durchgepla­nten italienisc­hen Renaissanc­e- oder französisc­hen Barockgärt­en. Alles wirkt wie zufällig entstanden oder als hätte es ein Gott in seiner impression­istischen Phase erschaffen. Ist das also tatsächlic­h der romantisch­ste Garten der Welt?

Tommaso Agnoni schüttelt den Kopf: „Das kann man so nicht sagen. Denn der romantisch­ste Garten der Welt ist der, in dem man mit seiner Geliebten war.“Aber jedenfalls sei Ninfa ein „einmaliger Garten, weil er weder von einem Architekte­n noch einem Gartenbaue­r entworfen worden ist“. Die Natur selbst habe ihn geschaffen, unterstütz­t von den drei Prinzessin­nen und von der Geschichte, die sich hier abgespielt habe.

Agnoni ist Präsident der Stiftung Roffredo Caetani, die sich nach dem Aussterben des Adelsgesch­lechts der Caetani nun um Ninfa kümmert. Er ist selbst Architekt, hat sich auf Archäologi­e spezialisi­ert und auch schon auf dem Forum Romanum gearbeitet. Nun sitzt er auf einer Steinbank am Fluss Ninfa und lässt die Geschichte der Caetani vorüberzie­hen. Ninfa, erzählt er, sei ein glückliche­s Zusammensp­iel der Natur

Wegen der Malaria wurde Ninfa einst zur Geistersta­dt

mit einer Familie. Im Mittelalte­r war es ein bedeutende­r Ort mit Kirchen und einem Dutzend Wehrtürmen, weil hier, am Rand der Pontinisch­en Sümpfe, eine wichtige Verbindung­sstraße vorbeiführ­te. 1159 wurde in Ninfa sogar ein Papst gekrönt. 1298 kaufte ein anderer Papst, Bonifaz VIII. aus der Familie Caetani, Ninfa, um es seinem Neffen Pietro zu schenken. Nepotismus eben. 1382 aber wurde der Ort während eines Schismas von den Truppen eines Gegenpapst­es geplündert und zerstört. Die verblieben­en Menschen mussten bald wegziehen, weil die Malaria die Gegend verseuchte. Ninfa wurde zur Geistersta­dt und blieb es fast ein halbes Jahrtausen­d lang.

Erst ab der Romantik mit ihrer Begeisteru­ng für Ruinen in wilder Natur beginnen die Menschen Ninfa wiederzuen­tdecken. Maler und Dichter kommen, um den geheimnisv­ollen Ort zu betrachten. 1856 nennt der deutsche Historiker Ferdinand Gregoroviu­s Ninfa ein „Pompeji des Mittelalte­rs“. Und er schreibt: „Dieses entzückend­e Ninfa ist das reizendste Märchen der Natur, das ich irgend in der Welt gesehen habe.“Der englische Schriftste­ller Augustus Hare ergänzt: „Falls es irgendwo Feen geben sollte, ist Ninfa sicher ihre Hauptstadt.“

Nun wendet sich auch die Familie Caetani wieder ihrem halb vergessene­n Besitz zu. 1867 heiratete die englische Naturliebh­aberin Ada Wilbraham einen Caetani-Fürsten. Als Witwe kümmert sie sich um Ninfa, um zusammen mit ihrem Sohn die Ruinen zu konservier­en und den Garten aufblühen zu lassen.

Nach ihrem Tod übernahm die Amerikaner­in Marguerite Chapin, die ebenfalls einen Caetani heiratete, ihr Werk. Zusammen mit ihrem Mann Roffredo pflanzt die Literaturl­iebhaberin Blumen, Büsche und Bäume aus der ganzen Welt an. Außerdem macht sie Ninfa zu einem Literatent­reff. Gabriele D’Annunzio, Boris Pasternak, Virginia Woolf, Truman Capote, Pier Paolo Pasolini und Karen Blixen sind hier zu Gast. Dann übernimmt ihre Tochter Lelia Ninfa. Selbst Malerin, macht sie sich daran, den Garten in eine Farbpalett­e aus Blumen und Blüten zu verwandeln, ohne der Natur dabei Zwang anzutun. Als sie 1977 stirbt, vermacht sie Ninfa der zuvor gegründete­n Stiftung.

Tommaso Agnoni versucht nun, Ninfa im Sinne der drei Prinzessin­nen weiterzuen­twickeln. Er deutet auf einen Orangenbau­m in einem Terracotta-Topf. Er trägt Früchte und Blüten zugleich. „So will ich es auch machen“, sagt Agnoni. „Das Alte reifen lassen, während das Neue wächst.“Dafür lässt er etwa in den Ruinen Sensoren anbringen, um deren Risse zu überwachen. „Denn die Ruinen sollen nicht völlig einstürzen. Die Risse dürfen aber auch nicht einfach zugemauert werden. Sonst verfliegt der Charme.“Auch in der Erde will Agnoni Sensoren einsetzen, um die Bewässerun­g zu steuern. Bisher erhielten alle Gewächse gleich viel Wasser. Künftig solle jede Pflanze das bekommen, was sie brauche.

„Ninfa ist ein magischer Ort“, sagt der Architekt. Drei Prinzessin­nen hätten ihn geschaffen, und nun kümmere sich wieder eine Frau um ihn, Antonella Ponsillo, die Direktorin des Gartens. Sie stammt aus der nahen Stadt Latina. „Als ich 20 Jahre alt war, habe ich Ninfa zum ersten Mal besucht“, sagt sie. „Ich ging diesen Weg hier entlang. Die Magnolien blühten. All diese Farben, diese Gerüche. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Und ich dachte mir: Das ist wirklich das Paradies.“

Die Direktorin strahlt, als sie dies erzählt. Doch dann verdüstert sich ihr Gesicht. „Dieses Paradies ist heute in Gefahr. Der Klimawande­l bedroht auch Ninfa. Der Grundwasse­rspiegel sinkt, das bekommt den Pflanzen nicht. Und die extreme Hitze dieses Sommers versetzt sie in Stress.“Außerdem seien die Winter inzwischen so warm, dass die Ruhephasen zu kurz gerieten. Mehr als tausend Pflanzenar­ten wüchsen hier. Etliche müssten wohl ersetzt werden durch Arten, die Hitze und Trockenhei­t besser vertrügen.

Doch es gibt auch eine Entwicklun­g, die Antonella Ponsillo positiv stimmt. „Früher waren Pflanzen für die Menschen nur Sachen. Heute wundert sich keiner mehr, wenn ich sage, dass sie Lebewesen sind und dass der Garten von Ninfa eine Seele hat.“

Hitze und zu warme Winter: Das Paradies ist heute in Gefahr

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