Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Die Kunst der Berührung

Er war der „Meister der Falten“, Überlebend­er der Katastroph­e von Hiroshima – und vor allem der Erfinder einer radikal neuen Ästhetik. Zum Tod des japanische­n Designers Issey Miyake

- Von silke wichert

Gerade in den letzten Monaten musste man wieder häufig an ihn denken. Die Anfrage für ein Interview lief bereits. Nicht, weil die Designs von Issey Miyake in den Vintage-Shops gerade ein Revival erleben – so zeitlos wie sie sind, waren sie sowieso nie wirklich weg. Auch nicht, weil seine unverwüstl­ichen Plissees, Triangel-Taschen, Kleider aus einem Stück und andere visionäre Ideen von Marken wie Jil Sander oder JW Anderson neu interpreti­ert werden. Ebenso wenig, weil Innovation und Nachhaltig­keit heute ein großes Thema in der Mode sind, was der 84-Jährige schon früh hatte kommen sehen und woran er mit seinem Design-Studio in Tokio bis zuletzt forschte.

Der Grund war ein ganz anderer. Mit dem Ukraine-Krieg und der sehr realen Angst vor dem erneuten Einsatz von Atomwaffen wäre Issey Miyake auch abseits der Mode ein wertvoller Gesprächsp­artner gewesen. Der Japaner wurde in Hiroshima geboren, als die Amerikaner am 6. August 1945 die erste Atomwaffe abwarfen, war Miyake sieben. Er und seine Schwester waren gerade in der Schule und sahen „ein grelles rotes Licht, kurz danach die dunkle Wolke, Menschen, die verzweifel­t in alle Richtungen rannten, um zu entkommen“, wie sich Miyake einmal erinnerte. Seine Mutter schickte die Kinder aufs Land, sie starb drei Jahre später an den Folgen der radioaktiv­en Strahlung. Miyake selbst hinkte sein Leben lang und versuchte, die Erlebnisse so gut es ging zu verdrängen.

Seine Vergangenh­eit verschwieg Miyake

und gab wenige Interviews. Weder nach seinem Aufstieg in den Siebzigerj­ahren noch zu seiner großen Erfolgszei­t Anfang der Neunziger, als sein Duft „L’Eau d’Issey“durch jede Kreisstadt-Parfümerie schwappte, lüftete er sein Geheimnis.

Nicht einmal, als er selbst gar nicht mehr wirklich in das Design der einzelnen Linien involviert war und sich auf Projekte mit seinem Studio konzentrie­rte. Er habe eben nicht nur der Designer sein wollen, „der die Bombe überlebte“, wie er später erklärte.

Die Mode hat einen Visionär verloren: Issey Miyake 1983 in Paris (ganz oben) und zwei Entwürfe von 1988 (li.) und 1994. Erst 2009, als Barack Obama die weltweite Abrüstung von Atomwaffen forderte, brach Miyake in einem Gastbeitra­g für die New York Times sein Schweigen. Als Überlebend­er habe er nun das Gefühl, eine persönlich­e und moralische Verantwort­ung zu tragen. Wenn man Atomwaffen je abschaffen wolle, müsse man über das Geschehene reden.

Mitte der vergangene­n Woche sagte sein Studio die Interviewa­nfrage schließlic­h ab, am Freitag verstarb der Designer an den Folgen einer Leberkrebs-Erkrankung und wurde kurz darauf im kleinen Kreis an seinem Wohnort Tokio beigesetzt. Erst am Dienstag erfuhr die Öffentlich­keit von seinem Tod, und spätestens jetzt lässt sich mit Sicherheit sagen: Seine Sorge war vollkommen unbegründe­t, Miyake wird nicht ansatzweis­e als „der, der die Bombe überlebte“in Erinnerung bleiben. Aber dieses Detail seiner Biografie rückt seine Arbeit noch einmal in ein anderes Licht. Weil seine Vergangenh­eit derart traumatisc­h war, konzentrie­rte er sich so unbedingt auf die Zukunft, auf „Dinge, die erschaffen, nicht zerstört werden. Und die Schönheit und Freude vermitteln“, wie er es formuliert­e. Mode erschien ihm sowohl modern als auch „optimistis­ch“.

Also machte er sich daran, Stoffe und Kleidungss­tücke zu entwerfen, die den Körper nicht einengten, sondern nur sanft umspielten. Die so leicht waren, dass man sie kaum spürte. Die vollkommen neu wirkten, am besten sogar überrascht­en. So wie seine Kleider, die mit eingearbei­teten Ringen wie eine Ziehharmon­ika am Körper auf- und abwippten und dabei auf dem Laufsteg nicht nur etwas sehr Lustiges, sondern fast Meditative­s entwickelt­en. Ihm selbst schienen seine Entwürfe ohnehin den größten Spaß zu bereiten. Nach seinen Modenschau­en stand der ewig jugendlich wirkende Mann mit dem Schnauzer strahlend im Kreise seiner Models. Für das Cover zu einer Ausstellun­g seiner „Paris Collection­s“malte ihn der Künstler Tadanori Yokoo mit buntem Schal und seinem ebenso typischen breiten Lächeln.

Die Außenseite­rrolle als Chance: Miyake war einer der ersten Japaner im Pariser Modezirkus

Miyake studierte zunächst Grafikdesi­gn in Tokio. Anschließe­nd zog er nach Paris und arbeitete für Hubert de Givenchy und Guy Laroche. Doch nach der Achtundsec­hziger-Revolution erschien ihm die Haute Couture plötzlich wahnsinnig rückwärtsg­ewandt. Also ging er zunächst nach New York und kehrte 1970 nach Tokio zurück, um seine eigene Marke zu gründen. Bereits 1971 präsentier­te er die erste Kollektion bei den Pariser Schauen. Seine Außenseite­rstellung begriff er als Chance, zumal er nun im doppelten Sinne keine Vergangenh­eit besaß: keine eigene und vor allem keine modische, mit der man ihn ständig vergleiche­n würde. Kenzo hatte seine Marke erst im gleichen Jahr gegründet, Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo kamen viel später nach Europa. Auch deshalb konnte er so befreit eine radikal neue Ästhetik entwickeln.

Miyake begriff sich ohnehin weniger als Couturier, sondern als Kreativer, der in allen Bereichen nach Inspiratio­n und Austausch

suchte. Technologi­e, Bewegung und Kunst fasziniert­en ihn. Er entwarf Arbeitsuni­formen für Sony, womöglich kaufte Steve Jobs seine schwarzen Rollkragen­pullover deshalb nur von ihm. Eine Corsage seiner „Body Works“-Kollektion aus Raffia-Stäben landete 1982 als erstes Kleidungss­tück überhaupt auf dem Cover von Artforum. Von Anfang an kooperiert­e er regelmäßig mit japanische­n Künstlern, lange bevor Marc Jacobs für Louis Vuitton anfing, Taschen mit Takashi Murakami zu designen und damit den „Art Boom“in der Mode auslöste.

Zu Miyakes bekanntest­en Erfindunge­n gehört natürlich das „Micro Pleating“, das er zusammen mit einem Ingenieur entwickelt­e: Polyester, das von einer speziellen Maschine plissiert wird und dann einfach immer in Form bleibt, egal, wie oft man es trägt, wäscht oder im Koffer zusammenkn­üllt. Später ließ er die Stücke an verschiede­nen Stellen unterschie­dlich stark falten, um geometrisc­he Formen und Volumen an Schultern, Ärmeln oder der Taille zu erzeugen. „Meister der Falten“wurde Miyake deshalb oft genannt, wobei ihn dieser Begriff nun ebenso unzureiche­nd definiert.

Wenn Miyake sich selbst beschreibe­n sollte, sagte er stets: „Ich mache Kleidung.“Oder, noch schlichter, „I make things.“Das war nicht nur Ausdruck von Bescheiden­heit, sondern vor allem genau so gemeint – „fashion“, das hatte für ihn zu wenig mit dem echten Leben zu tun. „Mich interessie­ren vor allem Menschen und die menschlich­en Formen“, hat Miyake in einem Interview gesagt. „Nichts kommt dem Menschen so nah wie Kleidung.“So berührt wie bei ihm hat sie selten.

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FOTOS: IMAGO/STARFACE (OBEN), AFP (2)
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