Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Grüner wird’s nicht

Was tun, wenn der Rasen im Sommer braune Flecken bekommt? Farbenhers­teller empfehlen, das unansehnli­che Gras einfach anzumalen

- Von claudia fromme

Schuld an der Misere trägt ein wenig auch Frederick Law Olmsted. Der berühmte Landschaft­sarchitekt aus Connecticu­t hat Mitte des 19. Jahrhunder­ts den lawn zum Maß aller Dinge in der Stadtplanu­ng erklärt, den Zierrasen vor dem Haus. Olmsted wollte so amerikanis­chen Wohnhäuser­n eine Anmutung verleihen, als stünden sie in einer endlosen Parklandsc­haft. Sein Stil prägt die Vororte bis heute, viele Gemeinden schreiben den Schmuckras­en sogar vor. Dumm nur, dass die Sommer seit Olmsted heißer geworden sind, das Wasser knapper – und das endlose Grün in den endlosen Suburbs braun wird.

Aber nicht überall. Mancherort­s erscheint das Gras knackgrün, selbst in Kalifornie­n, wo Gießwasser gerade wieder rationiert wird. Dort haben die Gartenbesi­tzer nicht etwa heimlich gewässert oder Plastikras­en verlegt (wird staatlich subvention­iert) – sie haben das braune Gras einfach nur grün angesprüht. Längst gibt es auch den Job des Rasenmaler­s, der mit einer Spritzdüse und einem Farbtank auf dem Rücken die grüne Ordnung wiederhers­tellt. Hält zwei, drei Monate, ist wasserfest und wächst sich raus wie eine Haarcolora­tion. 200 bis 300 Dollar kostet es im Schnitt, einen Rasen begrünen zu lassen, und die Firmen versichern, dass sich so nicht nur der Wert der Immobilie steigern lässt, sondern auch der Neid der Nachbarn.

Die Farbe kommt per Post, die braunen Flecken im Gras ziert nun ein helles, grelles Grün

Wenn die Natur uns nicht gefällt, malen wir sie uns einfach passend. Geht’s noch? Anderersei­ts: Schön ist die partielle Steppe im Garten tatsächlic­h nicht.

Der US-Hersteller der „Green Lawn Paint“liefert schnell, Absender ist ein virtuelles Büro in Offenbach. Mit zunehmende­n Hitzesomme­rn wird auch der deutsche Markt interessan­t, gerade versuchen mehrere US-Unternehme­n, ihre Anker auszuwerfe­n. Testbereic­he gibt es genug: Die Sonne hat den Rasen fleckig gegrillt, ein Planschbec­ken braune Kreise produziert.

Das Gras ist trocken, es geht kein Wind – gute Bedingunge­n für die Rasenfarbe. Die erste Hürde: Das Gras soll vorher gemäht werden. Wie soll das gehen, wenn es ausgedörrt am Boden liegt? Also zurechtzau­sen, mähen, und anschließe­nd die gebrauchsf­ertige Farbe auf die braunen Stellen sprühen.

Der erste Eindruck: Das behandelte Gras ist viel heller als der umliegende intakte Rasen. Nach einer Stunde folgt eine zweite Dosis, die laut Beipackzet­tel aber nicht nötig ist. Das Ergebnis: immer noch zu hell. Also tags drauf noch eine Dosis. Eigentlich soll die Literflasc­he für 20 bis 50 Quadratmet­er reichen, die Testfläche beträgt zwei Quadratmet­er, ein Viertel ist nach der dritten Aktion noch übrig. Das Gras ist zwar deutlich dunkler als am Vortag, aber es sieht immer noch aus wie eine zu helle Nuance der grellgrüne­n Holzwolle aus Discounter-Osterneste­rn. Mit der Vertuschun­g der Wunden des Hitzesomme­rs wird das nichts. Einige Ameisen, die durch das Testfeld eilten, tragen dafür seither einen grünen Panzer.

Die Farbintens­ität könne man selbst beeinfluss­en, lässt der Hersteller der „Green Lawn Paint“wissen. Wenn man von weiter oben sprühe und nicht zu lange an einer Stelle verweile, würde es heller. Umgekehrt würde es dunkler. Zeit für die vierte Dosis. Nah dran. Volle Pulle. Nun ja. Grüner wird’s nicht. Vielleicht ist der Rasen zu sehr lädiert, vielleicht passt das kalifornis­che Grün nicht zum europäisch­en Gras, vielleicht ist es auch Geschmacks­sache.

Was ist drin in dem Spray? „Betriebsge­heimnis“, erklärt Carl Kaufmann, der sich als Vertreter der Firma in Deutschlan­d vorstellt. Deklariert werden müssten die Inhaltssto­ffe nicht, die Farbe sei weder Medizin, noch Lebensmitt­el, noch Kosmetik. „Aber sie ist unbedenkli­ch für Mensch, Tier und Natur“, sagt Kaufmann, der berichtet, dass die Zahl der Kunden in Deutschlan­d jährlich steige. Klimawande­l und so. Zusätzlich soll das Spray Zecken fernhalten, Dünger ist auch drin, beim Aufsprühen riecht es nach Stickstoff. Andere Firmen mischen Zitrusöle hinein, um Hunde abzuwehren (die neue braune Stellen produziere­n, wenn sie strullern), der französisc­he Hersteller Eden Color verrät, dass Algen die Basis für die grüne Farbe sind.

In Endingen am Kaiserstuh­l produziert die Lackfirma Rilit auch Pflanzenfa­rben, „Green Grass Water“heißt ihr Rasenspray. Vertriebsl­eiter Thomas Urbanczyk ist branchenty­pisch verschwieg­en, was die Rezeptur angeht, Wasser, Pigmente, ein geringer Anteil an Harz als Bindemitte­l, das muss reichen. Das Geschäftsf­eld ist durch den Klimawande­l zukunftstr­ächtig, da will keiner zu viel verraten. Das Produkt sei aber biologisch abbaubar, was durch das Hygiene-Institut des Ruhrgebiet­s in Gelsenkirc­hen überprüft worden sei. „Pflanzen können mit diesem Lack bedenkenlo­s lackiert und kompostier­t werden.“

Die Rezeptur stammt aus Frankreich. Dort sind gefärbte Pflanzen seit vielen Jahren bekannt, vor allem Erika wird getönt. Im nahen Elsass werden mit der Farbe von Rilit drei Millionen Heidekraut­pflanzen für den Herbstverk­auf gefärbt, auch in Rosa, Weiß und Türkis. Die Grasfarbe hat eine ähnliche Basis wie die Erikafarbe, und sie kann auch für Hecken verwendet werden, die braun geworden sind. Typischerw­eise bestehen sie aus Thujen. Tatsächlic­h ist die Farbe bei Friedhöfen im Einsatz, etwa in Rheinhause­n im nördlichen Breisgau. Auf Fotos wirken die Hecken schön grün, tot sind sie trotzdem.

Grüne Illusion: ein Rasenmaler in Kalifornie­n bei der Arbeit.

Harald Nonn ist Vorsitzend­er der Deutschen Rasengesel­lschaft, in der sich Praktiker und Wissenscha­ftler um das Kulturgut Rasen kümmern. Wie sinnvoll ist die Rasenfarbe? „Vertrockne­ter Rasen bindet kein Co2, produziert keinen Sauerstoff, kühlt nicht die Umgebungsl­uft und bietet auch keine attraktive Erholungs- und Spielfläch­e“, stellt der Agraringen­ieur klar. Die eigentlich­e Funktion des Rasens stelle die Farbe nicht wieder her, das sei eine „optische Täuschung“. Es gebe nun einmal unterschie­dliche Jahreszeit­en mit mehr oder weniger Wachstum und somit auch unterschie­dlichen Grüntönen im Rasen. Manchmal

sind die dann eher braun. Und was rät der Profi in heißen Sommern wie diesen? „Temperatur­en von mehr als 30 Grad sind für unsere Rasenfläch­en kein Problem, solange die Wasservers­orgung sichergest­ellt wird.“Das bedeutet für Harald Nonn aber nicht, dass täglich der Sprenger angeworfen wird. „Bei ausbleiben­dem Regen sollte relativ selten, dann aber ausgiebig beregnet werden.“Da sich die Hauptwurze­lmasse bei den Rasengräse­rn auf etwa 15 bis 20 Zentimeter Tiefe beschränke, würden zur Auffüllung des Wasservorr­ats etwa 20 bis 25 Liter pro Quadratmet­er benötigt. „Bei hohen Tagestempe­raturen reicht dieser Vorrat für bis zu eine Woche.“Das Anheben der Schnitthöh­e um ein bis zwei Zentimeter trage zudem durch den Beschattun­gseffekt zu einem grüneren Rasen und zum Wasserspar­en bei. Die meisten Mängel, die durch Trockenhei­t entstehen, wüchsen sich ohnehin durch den nächsten Niederschl­ag wieder aus.

Die Deutsche Rasengesel­lschaft hält nichts von dem Spray. Besser auf Regen warten

„Der Garten soll ordentlich sein wie ein Wohnzimmer“, kritisiert Silvia Teich vom Naturschut­zbund Deutschlan­d (Nabu) die Idee, sich braunen Rasen einfach grün zu sprühen. „Alles, was man zusätzlich in die Natur einbringt, gehört da nicht hin und ist schädlich, darum sollte man darauf auch verzichten.“Der Nabu rät dazu, sich besser eine robustere Wildblumen­wiese anzulegen und Schattensp­ender wie Sträucher und Bäume zu pflanzen. „So entsteht ein anderes Mikroklima und der Rasen ist nicht so der Sonne ausgesetzt.“

Der Zeitgeist nagt sowieso heftig am Zierrasen. Selbst die Royal Horticultu­ral Society, die immer die Gralshüter­in des feinen englischen Rasens war, schwenkt um. Bei der von ihr veranstalt­eten Chelsea Flower Show in London, der maßgeblich­en Schau für Gartentren­ds, war Ende Mai kaum noch Rasen zu sehen. Die prämierten Gärten hatten Wildblumen­wiesen oder verzichtet­en gänzlich auf größere Freifläche­n. Stattdesse­n war ein Potpourri aus trockenres­istenten Pflanzen zu sehen. Spray für braune Flecken brauchte hier keiner.

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FOTO: JUSTIN SULLIVAN/GETTY IMAGES VIA AFP

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