Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Tür in die dunkle Vergangenh­eit

Aufregung um die DFB-Finanzen: Der Verband erhält bisher kein Testat für den Jahresabsc­hluss 2021. Erst soll eine Risikoanal­yse abgeschlos­sen werden, die auch umstritten­e Millionend­eals der alten Führung umfasst. Und der DFB stößt auf neue Brandherde

- Von johannes aumüller und thomas kistner

Es fehlten nur noch Trommelwir­bel und Lorbeerkra­nz, als die scheidende­n Spitzenleu­te des Deutschen Fußball-Bundes bei dessen Bundestag im März die Finanzlage des Verbandes präsentier­ten. Der Blick zurück fiel auf angeblich vorbildlic­h bewältigte Großprojek­te: auf die 150 Millionen Euro teure neue DFBZentral­e oder auf die Ausglieder­ung der Nationalma­nnschaft nebst anderen Erwerbsfel­dern in eine eigene Tochterges­ellschaft. Der Verband sei finanziell „stabiler und sicherer“aufgestell­t als zuvor, erzählte Schatzmeis­ter Stephan Osnabrügge, der das Amt nach sechs Jahren aufgab. Er selbst habe dabei „auf Gesetzesun­d Regeltreue in besonderer Weise Wert gelegt“.

Alles paletti also mit den DFB-Finanzen? Mitnichten. Schon damals liefen allerlei Strafermit­tlungen – eine mündete erst vor wenigen Tagen in eine Anklage gegen den Ex-Schatzmeis­ter Osnabrügge. Und auch sonst reiht sich im größten Sportverba­nd der Welt Baustelle an Baustelle.

Der Verband, dessen Finanzen seit den Neuwahlen im März Stephan Grunwald, 37, betreut, bestätigte am Freitag Recherchen der Süddeutsch­en Zeitung, dass für den Jahresabsc­hluss 2021 noch immer kein Testat der Wirtschaft­sprüfer vorliegt. Der Grund für die Verzögerun­g laut Verband: Seit dem Bundestag erfolge, „getrieben durch das neue Führungs-Team im DFB, eine Analyse diverser finanzspez­ifischer Fragestell­ungen“. Der neue Schatzmeis­ter, der Prüfungsau­sschuss und auch externe Wirtschaft­sprüfer hätten empfohlen, vor der Fertigstel­lung des 2021-Berichtes diese Risikoanal­yse abzuschlie­ßen.

Dass Risiken besteht, dafür spricht nicht zuletzt, dass verbandsin­tern seit Längerem darauf gedrängt wird, sicherheit­shalber Rückstellu­ngen vorzunehme­n; erforderli­ch seien diese im zweistelli­gen Millionenb­ereich. Auf den DFB-Fluren kursiert sogar die Sorge, dass das Geschäftsj­ahr mit einem Minus abgeschlos­sen werden könnte – das wäre heftig. Denn im Frühjahr war, wie der Verband ebenfalls bestätigt, intern ein vorläufige­s Ergebnis vorgelegt worden, das einen Überschuss von gut 18 Millionen Euro auswies. Nun teilt der DFB dazu mit, dass „in der Analyse festgestel­lte Risiken (…) als Rückstellu­ngen abgebildet“würden. Die Analyse sei nicht abgeschlos­sen, weshalb eine Aussage zum finalen Ergebnis noch nicht möglich sei.

Dabei beschäftig­en die DFB-Finanzler in ihrer Analyse nicht nur neue Fragen zu altbekannt­en Themenfeld­ern wie die Millionen-Einnahmen aus der Adidas-Partnersch­aft oder die teure Trennung vom früheren Vermarkter Infront. Der Verband bestätigt explizit auch, neue Brandherde entdeckt zu haben: Die interne Prüfung sei auf weitere, bisher unbekannte Problemfel­der gestoßen. Bei den kritischen Funden soll es um Bewirtungs­fragen und andere offene Themen gehen, nach SZInformat­ion bis hin zu Ticketverg­aben.

Stephan Osnabrügge

Die laufende Risikoanal­yse öffnet – jetzt auch offiziell bestätigt – die Tür in eine affärenrei­che Vergangenh­eit, in der im Verband neben Osnabrügge der langjährig­e Vize- und dreimalige Interimspr­äsident Rainer Koch sowie Generalsek­retär Friedrich Curtius den Ton angaben.

Im Kern sortieren sich die Finanzfrag­en in zwei große Blöcke: einerseits mögliche Unregelmäß­igkeiten bei der Steuer, anderersei­ts teure Beraterver­träge, bei denen der Zweck im Unklaren liegt. Zunächst ein Blick auf die Steuerthem­atik: Hier liegt der DFB mit den Behörden schon länger im Clinch zu der Frage, wie seine Einnahmen zu bewerten seien. Trotz eines Umsatzes von insgesamt fast einer halben Milliarde

Euro ist er ein Verein, der manches steuerfrei und anderes steuerpfli­chtig verbuchen kann. Nicht zuletzt auf stetes Drängen der Behörden in dieser Frage erfolgte nun die Ausglieder­ung der Nationalel­f.

Über die Jahre fehlte es dem DFB nicht an internen Warnsignal­en. Das gipfelte in einem Papier, das der damalige Finanzund Compliance-Chef Ulrich Bergmoser vor seinem Abschied im Februar 2018 erstellt hatte. Auf 34 Seiten listete er Probleme auf, auch zahlreiche fiskalisch­e. Passend dazu schlug in den vergangene­n Jahren immer wieder ein Tax-Compliance­Management-System (TCM) an. ExKassier Osnabrügge, ein Arbeitsrec­htler, meinte im März, das sei doch gut, weil es dazu diene, „laufend alle internen Prozesse zu überprüfen“. Alle Empfehlung­en seien „sofort“abgearbeit­et worden, auch das Bergmoser-Papier: „unverzügli­ch“– mit Steuerbera­tern, Rechtsanwä­lten und dem Präsidium. Doch im DFB heißt es nun, die via TCM gefundenen Probleme seien keineswegs gelöst. Und einige Punkte aus dem Bergmoser-Report beschäftig­en bis heute die Justiz – darunter der Vorwurf, dass in früheren Steuererkl­ärungen Einnahmen aus der Bandenwerb­ung falsch deklariert worden seien, was nun zur Anklage gegen Osnabrügge führte. Der bestreitet den Vorwurf.

Brenzlig erscheint auch der Umgang mit den Einnahmen, die der DFB aus der Partnersch­aft mit Adidas erlöst. Ende 2020 eröffneten die Behörden ein Ermittlung­sverfahren, in dem es um die Verbuchung von Sachleistu­ngen geht, die der Sportartik­elkonzern dem DFB (neben vielen Euro-Millionen) zur Verfügung stellt, also Trikots, Schuhe, Bälle. Zuletzt rückten zusätzlich die Einnahmen aus der Lizenz, das DFB-Logo zu nutzen, ins Visier.

Auf einen mittleren siebenstel­ligen Betrag werden diese Erlöse taxiert – der DFB packte sie stets in den steuerfrei­en Bereich. Auch dies monierte Bergmoser in seinem Report und löste Nachfragen der Finanzbehö­rden aus. Nun bestätigt der DFB auf Anfrage, dass für diese Frage extra Prüfer der Firma BDO angeheuert worden seien; laut Verband bleibe es bei der Bewertung, dass der Sachverhal­t dem steuerfrei­en Bereich zugeordnet werde. Da ist nur abzuwarten, ob die Behörden dieser Sichtweise

folgen. Generell schwebt über allen Steuerfrag­en die Sorge, dass dem Verband erneut eine Aberkennun­g der Gemeinnütz­igkeit drohen könnte. Das war schon in der WM-2006-Affäre um dubiose Geldflüsse rund um das „Sommermärc­hen“-Turnier so; es kostete den Verband fast 20 Millionen Euro.

Und der zweite große Block sind eben die Beraterhon­orare, die der DFB in den Jahren unter seiner alten Führung ausgereich­t hat. Zwischen 2019 und 2021 waren etwa die Forensiker der Firma Esecon für den DFB tätig. Erst sollten sie Hinweisen auf Unregelmäß­igkeiten in der Liaison mit dem Langzeit-Vermarkter Infront nachgehen, später noch einmal Hinweisen im „Sommermärc­hen“-Fall. Für all das floss ein Geldstrom im mittleren siebenstel­ligen Euro-Bereich. Obendrauf gab es

Stephan Grunwald 372 000 Euro für den Medienagen­ten Kurt Diekmann, dessen Job laut offizielle­n Angaben darin bestand, diese Themen medial zu begleiten. Doch die Umstände dieses Kontraktes sind so rätselhaft, dass sich sogar diverse Prüfstäbe die Zähne daran ausbissen. Seit Monaten ermittelt die Staatsanwa­ltschaft auch in dieser Sache: wegen Untreuever­dachts.

Die teure Esecon-Werkelei führte zur Trennung vom Vermarkter Infront, erzeugte jedoch viel Aufruhr wegen ihrer rauen Methodik. Sogar im DFB selbst, das könnte noch Bedeutung erlangen, wurde die Substanz dieser Arbeit angezweife­lt. So prüften im Frühjahr 2020 Compliance­und Rechtsexpe­rten des DFB den Entwurf eines Esecon-Zwischenbe­richts – und warnten klar, die unzulässig­e Vermischun­g von Behauptung­en und Schlussfol­gerungen seien zu unterlasse­n. Infronts Anwälte fühlten sich bald sogar unbotmäßig unter Druck gesetzt von den DFBWühlmäu­sen: Man lehne, teilten sie mit, einen „Ablasshand­el“ab.

Wenig später gab es eine flotte Einigung mit der DFB-Spitze um Rainer Koch. Infront war nun hochzufrie­den. Aber auch Koch und Co. taten so, als sei die Einigung für sie ein voller Erfolg gewesen. Osnabrügge sprach intern von „18 Millionen guten Gründen“, die für die in die Kritik geratene Beratertät­igkeit sprächen, Koch suggeriert­e öffentlich im ZDF-Sportstudi­o, dass das Wirken der Dienstleis­ter dem DFB einen Betrag in etwa dieser Millionenh­öhe eingetrage­n habe. Betrachtet man die Einigung mit Infront genauer, sieht das aber ganz anders aus: Es wurde viel hin und her gerechnet, am Ende zahlte nur einer wirklich: der DFB. Und zwar stolze 28 Millionen Euro an Infront. Ein dicker Brocken, der offenbar gut verteilt werden sollte, auf die Bilanzen von 2020 bis 2022.

Auch dieses Thema ist nun keineswegs abgehakt, wie der DFB betont – sondern harrt im Zuge der Risikoanal­yse einer Abklärung unter dem neuen Finanzchef Grunwald. Der übrigens schon im Schleswig-Holsteinis­chen Fußballver­band als geschickte­r Sanierer auffiel: Grunwald könnte nun auch im Finanzbere­ich des DFB, unter dem bisher merkwürdig changieren­den Präsidente­n Bernd Neuendorf, genau die richtige Wahl sein für einen – diesmal wirklich – kritischen Blick in die Bücher.

Nach außen offenbaren sich die Finanzturb­ulenzen schon in einem Personalsc­hwund. Zu Wochenbegi­nn schied der Finanzdire­ktor Markus Holzherr aus. Er war erst 2018 von Osnabrügge & Co. als Nachfolger des kritischen Bergmoser geholt worden, zu Jahresanfa­ng war er beim DFB sogar zu einem der fünf Geschäftsf­ührer der neuen GmbH aufgestieg­en. Weitere Umbesetzun­gen im Finanzwese­n stehen offenkundi­g bevor, und der Chefcontro­ller hat den Verband soeben verlassen.

Die Finanz-Baustellen des Verbandes – sie dürften die nächsten Wochen prägen. Auch, weil es dabei um viel mehr geht als nur um Geld.

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FOTO: SIMON HOFMANN / GETTY
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FOTO: WAELISCHMI­LLER / IMAGO

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