Di­gi­ta­li­sie­rung in Schu­len

Ta­blets sol­len den Schul­un­ter­richt be­rei­chern. Mit ih­nen sol­len Kin­der auf mo­der­ne Me­di­en vor­be­rei­tet wer­den. Doch macht die Di­gi­ta­li­sie­rung des Un­ter­richts Kin­der wirk­lich schlau?

Südwest Presse (Ulm) - - Themen Des Tages / Politik -

Vie­le Kin­der, die die­ses Jahr ein­ge­schult wur­den, wer­den Be­ru­fe aus­üben, die es noch nicht gibt. An­de­re wer­den noch stär­ker di­gi­ta­li­siert wer­den: Bau­ar­bei­ter wer­den mit vir­tu­el­len Zwil­lin­gen ih­rer Bau­stel­len um­ge­hen müs­sen und Ärz­te mit Al­go­rith­men, die ih­re Dia­gno­se un­ter­stüt­zen.

Soll­te es nicht Auf­ga­be der Schu­len sein, Kin­der für die­se Zu­kunft vor­zu­be­rei­ten? Tat­säch­lich aber sind laut ei­ner Stu­die 30 Pro­zent al­ler Schü­ler di­gi­ta­le An­alpha­be­ten. Das kann nicht An­spruch ei­nes Lan­des sein, das wirt­schaft­lich und tech­no­lo­gisch Schritt hal­ten will mit den Bes­ten der Welt. Es geht nicht dar­um, den Schul­all­tag auf Teu­fel komm raus zu di­gi­ta­li­sie­ren. Was ana­log Sinn macht, soll ana­log blei­ben. Hand­schrift und ei­ne kor­rek­te Recht­schrei­bung sind Kul­tur­tech­ni­ken, die es zu be­wah­ren gilt. Je mehr un­ser Le­ben von Al­go­rith­men be­stimmt wird, des­to dring­li­cher müs­sen aber auch Pro­gram­mier­spra­chen Kul­tur­tech­nik wer­den.

Mög­lich­kei­ten, Un­ter­richt zu be­rei­chern und an die Le­bens­wirk­lich­keit der Schü­ler an­zu­pas­sen, gibt es vie­le: You-tu­be-lern­vi­de­os und in­ter­ak­ti­ve Lern­platt­for­men sind zwei Bei­spie­le. Und auch Leh­rer könn­ten pro­fi­tie­ren, wenn sie auf ei­ne Platt­form mit den bes­ten Un­ter­richts­ma­te­ria­li­en ih­rer Kol­le­gen zu­rück­grei­fen könn­ten.

Oh­ne Un­ter­stüt­zung sei­tens der Po­li­tik wird das nicht ge­lin­gen. Die Schu­len sind in ei­nem der­art de­so­la­ten Zu­stand, dass selbst der mil­li­ar­den­schwe­re Di­gi­tal­pakt von Bund und Län­dern nicht reicht, die­se Auf­ga­be zu be­wäl­ti­gen. Es sei denn, Lern-ta­blets sind da­für da, sich vor dem Putz zu schüt­zen, der in man­chen Schu­len von der De­cke fällt.

Schü­ler lei­den heu­te nicht un­ter ei­nem Man­gel an Di­gi­ta­li­sie­rung, son­dern un­ter ei­nem Über­maß. Man­che spre­chen so­gar von di­gi­ta­ler De­menz, weil die per­ma­nen­te Über­ga­be von Denk­vor­gän­gen an Rech­ner, Goog­le und die so­ge­nann­ten so­zia­len Netz­wer­ke das Hirn schrump­fen lässt. Selbst wenn das nicht oder nur teil­wei­se zu­trä­fe, bleibt doch die Fra­ge, was an un­se­ren Schu­len bes­ser wä­re, wenn dort ver­stärkt auf Bild­schir­me ge­blickt und über Ta­blets ge­wischt wür­de? Kom­pe­tenz­ver­mitt­lung kommt da häu­fig als Ant­wort. Kom­pe­tenz wird wie ein Zau­ber­wort ge­han­delt. Und zwar als Ge­gen­stück zum Wis­sen.

Blöd nur, dass die lie­ben Klei­nen und die Pu­ber­tie­ren­den oft nicht ein­mal rich­tig le­sen kön­nen. Ge­ra­de erst wur­de das furcht­er­re­gen­de Le­se­ver­mö­gen deut­scher Schü­ler in ei­ner Stu­die of­fen­bar. Un­ter­neh­men be­kla­gen die man­gel­haf­ten Re­chen­kennt­nis­se von Schul­ab­gän­gern, und Uni-pro­fes­so­ren, dass bei ih­ren Stu­den­ten kaum ein Mi­ni­mum an Wis­sen über Li­te­ra­tur, Kunst, Na­tur, Sta­tis­tik oder Po­li­tik vor­han­den sei. Ge­schicht­li­che Zu­sam­men­hän­ge sind vie­len jun­gen Men­schen so we­nig ver­traut, dass man sie für Au­ßer­ir­di­sche hal­ten könn­te.

Was un­se­re Her­an­wach­sen­den nicht ler­nen müs­sen, das ist die Hand­ha­bung di­gi­ta­ler Ge­rä­te. Aber wenn sie beim per­ma­nen­ten Blick auf ihr Smart­pho­ne ge­gen ei­nen Baum lau­fen, wis­sen sie wahr­schein­lich nicht ein­mal, dass es ei­ner ist. Ge­schwei­ge denn, wel­cher. Wir brau­chen ech­te Bil­dung. Wer nichts weiß, fin­det auch im In­ter­net nichts. Wenn nai­ve Di­gi­tal Na­ti­ves auf ana­lo­ge Wirk­lich­kei­ten tref­fen, kann das ganz bö­se en­den.

Pro Igor Stein­le Kor­re­spon­dent

Con­tra An­dré Bochow Kor­re­spon­dent

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