Der Kör­per trau­ert mit

Un­ter­su­chung Wo­von hängt es ab, wie gut oder schlecht je­mand ei­nen To­des­fall ver­kraf­tet? For­scher der Psy­cho­so­ma­tik wol­len Ant­wor­ten fin­den. Von Iris Hum­pen­öder

Südwest Presse (Ulm) - - Ratgeber Gesundheit -

Plötz­lich ist al­les an­ders. Mit dem Tod ei­nes na­he­ste­hen­den Men­schen kom­men Wel­len von Schmerz, Fas­sungs­lo­sig­keit, Sehn­sucht, Ver­bit­te­rung, Läh­mung, Wut. Wer trau­ert, durch­lebt emo­tio­na­le und kör­per­li­che Aus­nah­me­zu­stän­de wie Un­ru­he, Schlaf­stö­run­gen, Ge­reizt­heit. Trau­ern ist ei­ne na­tür­li­che Ant­wort auf ei­nen be­deu­ten­den, per­ma­nen­ten Ver­lust. Kom­pli­zier­te Trau­er da­ge­gen ist ein Zu­stand in­ten­si­ver, un­er­bitt­li­cher Trau­rig­keit. Rund sie­ben Pro­zent der Trau­ern­den ent­wi­ckeln die­se Form – be­son­ders nach dem Ver­lust des Part­ners oder Kin­des. Am häu­figs­ten sind da­bei Frau­en über 60 Jah­re be­trof­fen.

Stu­di­en wei­sen dar­auf hin, dass die Sterb­lich­keit Trau­ern­der in den ers­ten Wo­chen nach dem schmerz­li­chen Ver­lust deut­lich er­höht ist. Wie aber hän­gen die kör­per­li­che Re­ak­ti­on auf ein Trau­e­rer­eig­nis mit der per­sön­li­chen see­li­schen Be­las­tung und der in­di­vi­du­el­len ge­ne­ti­schen Au­s­prä­gung zu­sam­men? Ant­wor­ten dar­auf soll ei­ne Stu­die der Kli­nik für Psy­cho­so­ma­ti­sche Me­di­zin und Psy­cho­the­ra­pie am Uni­k­li­ni­kum Ulm ge­ben, für die das Team um Vin­cent Gold­berg und Dr. Marc Jarc­zok 84 Teil­neh­mer sucht.

Wie lan­ge je­mand trau­ert, hängt von vie­len Fak­to­ren ab: Frau­en trau­ern mög­li­cher­wei­se leich­ter als Män­ner, die nicht ge­lernt ha­ben, ih­re Ge­füh­le zu­zu­las­sen. Auch spie­len frü­he Er­fah­run­gen ei­ne Rol­le: Viel­leicht hat der Trau­ern­de schon als Kind ei­nen schwe­ren Ver­lust ver­kraf­ten müs­sen? Oder die Be­zie­hung zu dem To­ten war kon­flikt­be­haf­tet, und nun kom­men die Selbst­vor­wür­fe?

„Wir ha­ben im­mer wie­der Fäl­le, in de­nen Pa­ti­en­ten ih­re psy­chi­schen und kör­per­li­chen Pro­ble­me nie­mals auf den Ver­lust ei­ner Be­zie­hungs­per­son zu­rück­füh­ren wür­den, der sich aber in der Be­hand­lung letzt­lich als wich­ti­ge Ur­sa­che oder Aus­lö­ser für die psy­chi­sche Stö­rung her­aus­stellt“, sagt der Kli­nik­lei­ter Prof. Ha­rald Gün­del.

Die aku­te Trau­er­pha­se set­zen Ex­per­ten mit sechs Mo­na­ten an. Da­nach wer­den be­las­ten­de Ge­füh­le wie Wut und Schmerz meist schwä­cher. Dau­ert der emo­tio­na­le Aus­nah­me­zu­stand län­ger an, ist laut ei­nes in­ter­na­tio­na­len Dia­gno­se­schlüs­sels von „an­hal­ten­der Trau­er­stö­rung“die Re­de, die auch in ei­ne De­pres­si­on füh­ren kann. Wem es al­so nicht ge­lingt, „aus dem Loch her­aus­zu­kom­men“, wie Gün­del sagt, dem steht the­ra­peu­ti­sche Un­ter­stüt­zung zu. Wo­bei klar ist: „Je­der trau­ert an­ders.“Und an be­stimm­ten Ta­gen – wie dem Ge­burts­tag des Ver­stor­be­nen – sei es auch nach lan­ger Zeit völ­lig nor­mal, dass der Schmerz wie­der hoch­kommt.

Die Ul­mer For­scher wol­len her­aus­fin­den, wel­che Men­schen durch den töd­li­chen Ver­lust be­son­ders ge­fähr­det sind, Herz-kreis­lauf-er­kran­kun­gen zu er­lei­den. Die Wis­sen­schaft­ler in­ter­es­siert es, ob be­stimm­te Ge­ne die­se Ver­letz­lich­keit be­för­dern, in­dem sie die Ent­zün­dungs­wer­te im Blut in Stress-si­tua­tio­nen er­hö­hen. Sie könn­ten dem­nach ein „Ri­si­ko­mar­ker“sein, ob je­mand Trau­er nicht be­wäl­ti­gen kann und früh­zei­tig pro­fes­sio­nel­le Hil­fe braucht.

„Die Un­ter­su­chun­gen ha­ben aber auch die Ak­ti­vi­tät des so ge­nann­ten Va­gus­nervs im Blick, der mit der Re­gu­la­ti­on der Herz­tä­tig­keit, der Ge­füh­le und der Re­gu­la­ti­on der Ent­zün­dungs­wer­te in Zu­sam­men­hang ge­bracht wird“, er­klärt Vin­cent Gold­berg, für des­sen Dok­tor­ar­beit die Stu­die als Grund­la­ge dient. Un­ter­sucht wer­den die Wech­sel­be­zie­hun­gen zwi­schen sub­jek­ti­vem Trau­er­er­le­ben, Va­gus­ner­vak­ti­vi­tät, Blut­ent­zün­dungs­wer­ten und ge­ne­ti­schen Au­s­prä­gun­gen. Da­zu müs­sen die Teil­neh­mer bei ei­nem rund zwei­stün­di­gen Ter­min Fra­ge­bö­gen aus­fül­len, sie wer­den kör­per­lich un­ter­sucht, und ih­nen wird Blut ab­ge­nom­men.

„Der Haupt­teil des La­bor­be­suchs be­steht aus zwei Auf­ga­ben“, sagt Gold­berg. „Zum ei­nen aus ei­ner et­wa zehn­mi­nü­ti­gen Kon­zen­tra­ti­ons­auf­ga­be und zum an­de­ren aus ei­nem eben­falls zehn­mi­nü­ti­gen In­ter­view zu Be­ge­ben­hei­ten in der Ver­gan­gen­heit mit Au­gen­merk auf den Trau­er­fall. Wäh­rend bei­der Si­tua­tio­nen wird ein EKG ab­ge­lei­tet und der Blut­druck ge­mes­sen.“

Zeigt der Pro­band bei die­sen Auf­ga­ben ei­ne star­ke Ve­rän­de­rung im EKG oder Blut­druck, ist er mög­li­cher­wei­se Trä­ger ei­ner der zu un­ter­su­chen­den ge­ne­ti­schen Ri­si­ko­va­ri­an­ten – al­so ge­fähr­det, in Fol­ge des Trau­er­falls ei­ne Herz-kreis­lauf-er­kran­kung zu ent­wi­ckeln, er­klärt der Dok­to­rand. Er hofft nun, ge­nü­gend Teil­neh­mer für die Stu­die zu fin­den. Das, ver­mu­tet Gün­del, sei gar nicht so ein­fach. „Wer trau­ert, zieht sich oft erst­mal zu­rück. Des­we­gen ha­ben wir auch fest­ge­legt, dass der Trau­er­fall bis zu 24 Mo­na­te zu­rück­lie­gen kann.“

Die Er­geb­nis­se der Stu­die hof­fen die Wis­sen­schaft­ler könn­ten künf­tig Be­trof­fe­nen hel­fen, den Ver­lust ei­nes na­he­ste­hen­den Men­schen bes­ser zu be­wäl­ti­gen.

Schmerz, Fas­sungs­lo­sig­keit, Wut: Wer ei­nen na­he­ste­hen­den Men­schen ver­lo­ren hat, wird von ei­ner Wel­le un­ter­schied­li­cher Ge­füh­le über­rollt.

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