Südwest Presse (Ulm)

Das Glück ist ein Vogerl

Buchhändle­r Thomas Mahr aus Langenau empfiehlt Bettina Balàkas „Die Tauben von Brünn“.

- Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn. Deuticke Verlag, 192 Seiten, 20 Euro.

Als Böhmen noch zu Österreich gehörte, vor mehr als 150 Jahren, gab es noch kein Telefon. So konnte eine Brieftaube die in Brünn gezogenen Zahlen einer Lotterie nach Wien übermittel­n, wo es noch immer möglich war zu setzen. Vier Stunden brauchte der berittene Glücksbote für den Weg, eine Taube nicht mal zwei. Genügend Zeit also, das Glück zu manipulier­en.

„Die Geschichte, die die Österreich­erin Bettina Balàka in „Die Tauben von Brünn“erzählt, ist so fantastisc­h, dass man kaum glauben mag, dass sie auf einem wahren Hintergrun­d beruht“, sagt der Langenauer Buchhändle­r Thomas Mahr. Denn mit dem Brieftaube­n-trick wird der Lotterieba­ron Johann Karl von Sothen so reich, dass er ein Schloss und ein Landgut kaufen kann. Ja, er kann dem Thronfolge­rpaar zur Hochzeit gar eine Sisi-kapelle stiften. Doch im unmenschli­chen Umgang mit seinen Bedienstet­en zeigt er sein wahres Gesicht. Berta, die Erzählerin, ist die Leidtragen­de.

Eine Zeit im Zwiespalt

Der Roman sei mehr als nur eine Episode aus dem Kuriosität­enkabinett der Donaumonar­chie, sagt Mahr: „Er ist geprägt vom krassen Widerspruc­h des Emporkömml­ings in den Kreisen des Wiener Hofes und der Not überall in den Gassen Wiens.“Gute Zeiten für die Lotterien, zumal das Kaiserreic­h mitverdien­te. „Doch das Glück ist ein Vogerl“, weiß Berta. Deshalb liebt sie nicht nur ihre Tauben, sondern alle Vögel, die frei sind zu fliegen.

„Der Roman zeigt eine Zeit, die geprägt ist von dem Zwiespalt des Aberglaube­ns und dem Aufstieg der Wissenscha­ften“, so Mahr: „Auch ein Grund, warum sich die Menschen nicht länger mit dem Vertrösten auf das Paradies zufrieden gaben, sondern ihr Glück zu Lebzeiten einfordert­en.“Am Grabmal des Lotterieba­rons in Wien könne man noch heute lesen: „Hier, in dieser schönen Gruft, liegt der allergrößt­e Schuft, zeigts kein Sechserl runter, sonst wird er wieder munter.“

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Thomas Mahr mit seinem Buchtipp. Foto: Matthias Kessler

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