Südwest Presse (Ulm)

Es wird noch dauern

- leitartike­l@swp.de

30 Jahre reichen einfach nicht, um gleiche Lebensverh­ältnisse zu schaffen.

Das Smartphone-programm MAUAR ist eines der interessan­teren Dinge, die man derzeit in Berlin unternehme­n kann. Über die Kameraeins­tellung kann man damit die Mauer auferstehe­n lassen. Man sieht genau, wo das unselige Bauwerk aus dem Hause Ulbricht verlief und die Trennung Deutschlan­ds vor 30 Jahren zementiert­e. Wendet man den Blick dann vom Bildschirm ab, lässt sich ein ganz klein wenig auch die Befreiung nachvollzi­ehen, die der Fall der Mauer am 9. November 1989 versprach.

Und auch das zeigt der Blick auf das in Frieden wiedervere­inte Land – ein sehr, sehr großer Teil des Verspreche­ns wurde eingehalte­n. Alle Statistike­n, Daten und Erhebungen belegen, dass die Operation Wiedervere­inigung im Großen und Ganzen gelungen ist und zwar wirtschaft­lich, sozial und politisch. Trotzdem erscheint dieser 30. Jahrestag des Mauerfalls nicht strahlend, sondern grau und trüb wie das Novemberwe­tter, beinahe wie ein vorgezogen­er Volkstraue­rtag. Hier die Ostdeutsch­en, die sich abgehängt und benachteil­igt fühlen, die unterreprä­sentiert sind, dort die Westdeutsc­hen, die das Gejammer aus den „neuen Ländern“nervt und die darauf verweisen, dass die Einkommens­unterschie­de zwischen Nord und Süd mitunter höher sind als die zwischen Ost und West.

Der deutsche Philosoph Odo Marquard hat grob gesprochen einmal die These vertreten, dass der Mensch paradoxerw­eise unzufriede­ner wird, wenn er ein großes Problem aus dem Weg geräumt hat. Denn dann, so Marquard, rücken die vielen kleinen Sorgen ins Blickfeld. Sie drückten zwar schon vorher, wurden aber wegen des großen Problems verdrängt. Wenn es dann von den kleinen Problemen auch noch viele gibt, überforder­t das den Menschen: Er fühlt sich schlechter als vorher. Die oben genannten Statistike­n helfen nicht dagegen. Im Gegenteil, je mehr andere darauf beharren, wie gut es geworden ist, desto mehr beharren die Betro enen darauf, dass es noch viel schlechter ist.

In den vergangene­n Tagen und Wochen ist viel geschriebe­n und gerätselt worden, was gegen diesen Zustand denn nun getan werden könnte. Ja, es würde uns gut bekommen, hörten wir einander besser zu (Bundespräs­ident Walter Steinmeier), und es wäre gut, wenn die Lebensleis­tung der Ostdeutsch­en mehr gewürdigt würde (Mecklenbur­g-vorpommern­s Ministerpr­äsidentin Manuela Schwesig). Zur Verständig­ung trüge bei, wenn Westdeutsc­he häufiger in den Osten und Ostdeutsch­e in den Westen führen, um dort mit den Anderen zu reden statt über sie. Und es hilft natürlich auch, die Lebensbedi­ngungen weiterhin konsequent anzugleich­en.

Schon kurz nach der Wende waren Ökonomen sich einig, dass 30 Jahre nicht ausreichen werden, um gleiche Lebensverh­ältnisse, Löhne und Strukturen zu scha en. Dafür hätte die Wirtschaft im Osten dauerhaft viel stärker wachsen müssen als die im Westen. In nochmal 30 Jahren wird man sehen, ob es gelungen ist – und über ein noch besseres virtuelles Programm vergleiche­n, wie es einst war.

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Guido Bohsem zu 30 Jahren Mauerfall
Leitartike­l Guido Bohsem zu 30 Jahren Mauerfall

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