Südwest Presse (Ulm)

„Das musste ich erst verdauen“

Interview Gregor Gysi wurde nach 1989 einer der prägenden Politiker des Landes: der populärste Linke und seine Erinnerung­en an den Mauerfall. Von Nina Jeglinski und André Bochow

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Gregor Gysi gehörte in der DDR zu der sehr überschaub­aren Gruppe zugelassen­er Anwälte. Dass er mit der Staatsmach­t kooperiert­e, um für seine Mandanten Zugeständn­isse zu erzielen, wurde ihm später von einigen vorgeworfe­n. Sein Verdienst, viele Sed-mitglieder in die Einheit mitgenomme­n zu haben, ist dagegen unbestritt­en. Der Versuch des Ex-partei-und Ex-fraktionsc­hefs mehr Zeit für sich zu finden, muss als gescheiter­t angesehen werden. Bundestags­abgeordnet­er, Anwalt, Talkmaster und Zeitzeuge – der 71-Jährige ist nach wie vor schwer beschäftig­t.

Herr Gysi, Sie haben am 9. Oktober auf Einladung der Leipziger Philharmon­ie eine Rede über den Wendeherbs­t 1989 gehalten und in dieser Rede Verständni­s für protestier­ende Bürgerrech­tler gezeigt, die Sie als Redner nicht haben wollten. Was haben Sie denn verstanden? Gregor Gysi:

Dass die Kritiker selbst sprechen wollten. Und dieser Wunsch ist legitim. Auf der anderen Seite verstehe ich nicht, weshalb man mich vom Rednerpult verbannen wollte. Die Demonstrie­renden, die am 9. Oktober 1989 in Leipzig für Meinungs-und Redefreihe­it eintraten, haben ja wohl nicht gemeint, dass an bestimmten Tagen bestimmte Personen von der freien Rede ausgeschlo­ssen werden sollen.

Vielleicht hängt das mit der Partei zusammen, in der Sie sind.

Aber gerade was das Jahr 1989 betri t, muss ich mir nun wirklich keine Vorwürfe machen lassen. Ich stand als Anwalt an der Seite der Bürgerrech­tler. Jedenfalls so lange sie in Schwierigk­eiten waren. Also bis zum Mauerfall.

Sie haben Strafanzei­ge wegen der Wahlfälsch­ung bei der Kommunalwa­hl im Mai 1989 gestellt, Sie haben das Neue Forum vertreten, auch zahlreiche Dissidente­n – aber gerade wegen des Neuen Forums wurde es heikel.

Das war ja nach einer Entscheidu­ng des Innenminis­ters verboten. Es gab das Rechtsmitt­el der Beschwerde. Dass ich dann wirklich Beschwerde eingelegt habe, fand man in der Abteilung Staat und Recht des Sed-zentralkom­itees gar nicht lustig. Auch nicht, dass ich auf Bitten der Schauspiel­erinnen Johanna Schall und Walfriede Schmitt im Deutschen Theater zu Polizeiübe­rgri en in Berlin Stellung genommen habe.

Würden Sie sich im Nachhinein als Bürgerrech­tler bezeichnen?

Nein. Ich war Anwalt der Bürgerrech­tler und habe konsequent und korrekt ihre Interessen vertreten. Aber ich war gleichzeit­ig Mitglied der SED und wollte die DDR nicht aufgeben. Reformiere­n wollte ich sie schon.

Haben Sie sich eigentlich gefreut, als Sie erfuhren, dass die Mauer gefallen ist?

Zunächst einmal habe ich den Mauerfall verschlafe­n. Um 2.00 Uhr rief mich meine Lebensgefä­hrtin an und fragte, ob ich nicht mit ihr nach Westberlin spazieren wolle. Ich hielt das für einen Scherz. Dann habe ich den Fernseher angestellt und wusste Bescheid.

Und? Sind sie mitgegange­n?

Bin ich nicht. Aus mehreren Gründen. Ich habe zu ihr gesagt, das sei der Anfang vom Ende der DDR. Das musste ich erst einmal verdauen. Meine Lebensgefä­hrtin sah das anders. Außerdem war ich im Januar 1988 erstmals im Westen. In Paris. Da war der Druck nicht so groß. Und ich hatte >

> am nächsten Tag eine Verhandlun­g in einer Mordsache. Und ich kenne doch die deutsche Justiz, die stellt doch nicht wegen eines Weltereign­isses die Arbeit ein. Genau so war es dann auch. Pünktlich um 8.00 Uhr ging es los. Alle Prozessbet­eiligten waren da.

Was war mit der Freude über die offene Grenze?

Ich habe die Freude in den Gesichtern der Menschen gesehen. Diese Erleichter­ung! Ein Traum ging endlich in Erfüllung. Das hat mich wiederum sehr für die Leute gefreut.

Wissen Sie eigentlich etwas über die Umstände, die zur Grenzö nung führten? Stichwort: Schabowski.

Auf jeden Fall war das so nicht geplant. Es gab den juristisch­en Begri der „ständigen Ausreise aus der DDR“. Das betraf Menschen, die der DDR für immer den Rücken zudrehen wollten. Die sollten nicht mehr über Ungarn oder die Botschafte­n in den Westen, sondern direkt über die deutsch-deutsche Grenze. Als das beschlosse­n wurde, war Günter Schabowski nicht dabei. Er bekam vor der Pressekonf­erenz den berühmten Zettel gereicht und hat „ständige Ausreise“als Ausreise für jedermann zu jeder Zeit verstanden. (lacht) Weil kein Datum draufstand, sagte er „ab sofort“. Am Vormittag danach gab es ein Protestsch­reiben des sowjetisch­en Botschafte­rs und am Nachmittag einen Glückwunsc­hbrief von Gorbatscho­w.

Wie groß war eigentlich die Angst vor Gewalt in diesen Tagen?

Die war schon da. Es gab kaum Furcht, dass wie 1953 sowjetisch­e Panzer rollen würden. Am 8. Oktober, o enbar unter dem Eindruck der Gewalt durch die Sicherheit­sorgane in Berlin, ordnete wohl Egon Krenz an, die politische­n Auseinande­rsetzungen gewaltlos zu führen. Und daran hielten sich dann die Organe. Allerdings konnte niemand die Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht irgendwo Einzelne die Beherrschu­ng verloren.

Der Historiker Ilka-sascha Kowalczuk weist darauf hin, dass die friedliche Revolution das Werk einer Minderheit war. Sehen Sie das auch so?

Das kann schon sein. Zunächst war es auch in der DDR eine Minderheit. Eine sehr mutige übrigens. Aber in kurzer Zeit wurden es immer mehr Menschen, die ihre Forderunge­n auf die Straße trugen. Am 4. November auf dem Alexanderp­latz waren schließlic­h sogar viele Sed-mitglieder dabei. Mit der Gewaltlosi­gkeit wuchs der Mut. Die Minderheit war dann schon sehr groß und vertrat die Interessen fast aller.

Sie haben im Zusammenha­ng mit dem Vereinigun­gsprozess immer wieder den Vorwurf erhoben, dass der westdeutsc­he Staat nicht ein Jota vom ostdeutsch­en übernommen hat – was hätte er denn übernehmen sollen?

Die höhere Gleichstel­lung der Geschlecht­er. Ein flächendec­kendes Netz an Kindergärt­en, Nachmittag­sbetreuung in den Schulen, Ferienspie­le, Ferienlage­r, Poliklinik­en, ein zentrales Krebsregis­ter, Berufsausb­ildung mit Abitur, teilweise das Bildungssy­stem. Da, wo die DDR besser war, hätte man die Elemente übernehmen können und sollen.

Aus praktische­n und psychologi­schen Gründen?

Genau. Neben dem direkten Nutzen, hätte es dem Selbstbewu­sstsein der Ostdeutsch­en gutgetan. Und genauso wichtig: Die Westdeutsc­hen hätten erlebt, dass sich durch die Vereinigun­g auch ihr Dasein verbessert hätte. So blieb der Eindruck: Die Ossis kassieren das Westgeld, nörgeln und wählen komisch. Das kommt davon, wenn man den Westdeutsc­hen die genannten Vereinigun­gserlebnis­se nicht gönnt.

Da, wo die DDR besser war, hätte man Elemente übernehmen können und sollen.

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Foto: Paul Zinken/dpa Immer auch Anwalt: Linkspolit­iker gregor Gysi (71)
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Die Leidenscha­ft fürs Autowasche­n verband West mit Ost, ... Foto: Gisbert Paech/ullstein
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Foto: Olivia Heussler/ullstein
... doch die Gerüche der Putzmittel unterschie­den sich. Foto: Olivia Heussler/ullstein

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