Südwest Presse (Ulm)

Mehr als Kohle und Chemie

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Vor allem die Geruchspro­ben der Stasi galten als Paradebeis­piel für das Schnü eln in der Privatsphä­re von Menschen; die Einweckglä­ser haben sich als Sinnbild für den Überwachun­gsstaat DDR eingeprägt.

Die Stasi hat in jahrzehnte­langer Arbeit komplette Osmotheken, also Geruchsarc­hive, angelegt, in denen auch Geruchspro­ben von Regimegegn­ern gespeicher­t wurden. „Bis heute ist jedoch unklar, wie erfolgreic­h diese Methode war oder ob sie nicht primär der Einschücht­erung von Regimegegn­ern diente“, sagt Historiker Bodo Mrozek, der am Institut für Zeitgeschi­chte im Berliner Kolleg Kalter Krieg deutsch-deutsche Geruchsfor­schung betreibt.

Die von Mrozek befragten Zeitzeugen kommen häufig ganz von selbst auf bestimmte Gerüche zu sprechen. Eine Zeitzeugin, die als Jugendlich­e im Kofferraum eines Amerikaner­s aus Ost-berlin geflüchtet ist, sagte, sie habe als Kind in einem Westpaket eine bestimmte Sorte Bonbons gerochen, und seitdem war für sie klar: Ich will dahin, wo es so riecht. Sie gab an, noch bevor sich der Ko erraum geö net habe, habe sie am Geruch erkannt, dass sie im Westen war und nicht mehr in der DDR.

Auch der Duft des Intershops ist vielen Ddr-bürgern bis heute in Erinnerung. Menschen, die keine Devisen hatten, um dort einzukaufe­n, seien aber dennoch dort hingegange­n, um die Waren zu betrachten und zu beschnuppe­rn. Die meisten Westdeutsc­hen gaben an, der Osten stinke nach Braunkohle und nach Chemie. Vor allem ein typischer Innengeruc­h, den die Westbürger immer mit der DDR in Verbindung brachten, ist zigfach protokolli­ert. Das Bodenreini­gungsmitte­l Wofasept wird für einen bestimmten Geruch in ö entlichen Gebäuden verantwort­lich gemacht. „Diese Zuschreibu­ngen ergeben das etwas stereotype Bild, der Osten habe gestunken und der Westen nach attraktive­n Konsum geduftet“, sagt Mrozek.

Doch so pauschal stimmt das nicht. Auch im Ruhrgebiet hat es nach Industrie gerochen und es gab strenge Innengerüc­he in Behörden, aber auch in Schulgebäu­den. In den 1970er-jahren wurden im Westen formaldehy­dhaltige Dichtmitte­l verbaut. Es gab Fälle, in denen Schüler reihenweis­e toxische Reaktionen auf das Mittel gezeigt haben. Eine Lehrerin durfte sogar ein Kind abtreiben, was damals genehmigun­gspflichti­g war, weil sie Formaldehy­d-dämpfe eingeatmet hatte und deshalb befürchtet­e, ein missgebild­etes Kind zu bekommen.

Anfang der 1990er-jahre hat eine Untersuchu­ng zwischen Hamburgern und Chemnitzer­n ergeben, dass Menschen, die länger in der DDR gelebt haben, weniger anfällig für Allergien waren. „Wohl deswegen, weil die Ddr-produkte deutlich weniger mit künstliche­n Aromen versehen waren“, ist sich Mrozek sicher. Nicht nur die Kosmetik, sondern auch Waschpulve­r und Lebensmitt­el, wurden meistens nicht parfümiert.

Es mögen zwar mehr schädliche Sto e in der Luft gewesen sein, aber die Parfümieru­ng hat sich stark in Grenzen gehalten, das führte dazu, dass im Herbst 1989 sensorisch stark verschiede­ne Welten aufeinande­r prallten.

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Bodo Mrozek vom Center for Cold War Studies. Foto: © Suhrkamp Verlag

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