Südwest Presse (Ulm)

„Der Wille eines Volkes erfüllte sich“

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hne ihn hätte es den Mauerfall nicht gegeben: Als Michail Gorbatscho­w 1985 in der UDSSR an die Macht kam, war ihm klar: „So kann es nicht weitergehe­n.“Perestroik­a und Glasnost, Umbau und Transparen­z, lautete seine Philosophi­e. Im Interview mit unserem Korrespond­enten Stefan Scholl sagt der Ex-präsident: „Solche Reformen konnten nur freie Menschen verwirklic­hen. Darum sahen wir es als Schlüssela­ufgabe, unseren Bürgern maximale Freiheit zu geben. Konnten wir dieselben Freiheiten den Bürgern unserer sozialisti­schen Bündnissta­aten verweigern? Auf keinen Fall.“

OHerr Gorbatscho­w, manche Deutschen sagen, wenn es den Friedensno­belpreis nicht gäbe, hätte man ihn für Sie erfinden müssen. In Russland aber wirft man Ihnen oft vor, Sie hätten 1989 die DDR an Westdeutsc­hland verschenkt.

Um mich in solchen Fällen nicht in langen Erklärunge­n zu verlieren, stelle ich eine einfache Gegenfrage: An wen verschenkt? Polen an die Polen, Ungarn an die Ungarn und die Tschechosl­owakei an Tschechen und Slowaken …

… und die DDR an die Deutschen?

Die Formel „die DDR verschenkt“klingt noch seltsamer. In der DDR gingen 1989 Hunderttau­sende auf die Straße – für die Einheit ihrer Nation. Im März 1990 stimmte die Mehrheit der Ddr-bürger in freien Wahlen für die Wiedervere­inigung. Der Wille eines Volkes erfüllte sich, das nach dem Untergang des Hitler-regimes bewiesen hat, wie entschloss­en es den Weg zur Demokratie verfolgt. Von welchen „Geschenken“kann da die Rede sein?

Man wirft Ihnen auch vor, Sie hätten dabei Russland vergessen.

Unsere guten Beziehunge­n mit dem vereinigte­n Deutschlan­d haben unserem Land unbestreit­bare Vorteile gebracht, politisch und wirtschaft­lich. In Russland arbeiten heute 5000 deutsche Unternehme­n. Wenn das Verhältnis jetzt schlechter ist, als wir es uns wünschen, hat das andere Gründe. Ich bin sicher, die naturgemäß guten Beziehunge­n zwischen uns kehren zurück.

Der Mauerfall, die deutsche Wiedervere­inigung und das Ende des Kalten Krieges wären ohne Sie unmöglich gewesen. Welche Philosophi­e stand damals hinter Ihrer Politik?

Vorher hingen unsere Verbündete­n, die Volksdemok­ratien in Osteuropa, von der Sowjetunio­n ab. Sie erhielten von der UDSSR Wirtschaft­shilfe, besaßen umgekehrt keine volle Souveränit­ät. Im Warschauer Pakt hatte die sowjetisch­e Führung das letzte Wort. „Unerwünsch­te“Massenbewe­gungen wie die Ereignisse in Ungarn 1956 oder den „Prager Frühling“1968 unterdrück­te die Sowjetarme­e mit Gewalt – unter Hinzuziehu­ng anderer Streitkräf­te des Paktes. Dann kam Mitte der 80er Jahre in der UDSSR eine neue Führung an die Macht, man wählte mich zum Generalsek­retär, also de facto zum Staatschef. Wir analysiert­en die Lage im Land ernsthaft und ehrlich, das Ergebnis lautete kurz gefasst: „So kann es nicht weitergehe­n.“

Und wie ging es weiter?

Wir beschlosse­n in der UDSSR grundlegen­de Reformen, Perestroik­a und Glasnost, strebten echte Demokratie an. Solche Reformen konnten nur freie Menschen verwirklic­hen. Darum sahen wir es als Schlüssela­ufgabe, unseren Bürgern maximale Freiheit zu geben. Konnten wir dieselben Freiheiten den Bürgern unserer sozialisti­schen Bündnissta­aten verweigern? Auf keinen Fall.

Was sagten deren Staats- und Parteichef­s?

Wir haben die Führer der Staaten des Warschauer Paktes sofort über unsere Position informiert. Sie alle versammelt­en sich im März 1985 beim Begräbnis Konstantin Tschernenk­os, meines Vorgängers als Parteichef. Es war das erste Tre en nach meiner Ernennung. „Ich möchte Ihnen als Generalsek­retär der KPDSU mitteilen“, erklärte ich, „dass wir Ihnen völlig vertrauen und nicht mehr den Anspruch haben, Sie zu kontrollie­ren. Sie machen Politik gemäß Ihrer nationalen Interessen und tragen dafür die volle Verantwort­ung vor Ihren Völkern und Parteien.“Das bedeutete das Ende der Breschnew-doktrin „der eingeschrä­nkten Souveränit­ät“. Aber ich sah, viele meiner Gesprächsp­artner nahmen diese Worte nicht ernst, hielten sie offenbar für leere politische Phrasen.

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