Südwest Presse (Ulm)

Der Sohn eines Kolchosbau­ern veränderte die Welt

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Braucht Russland eine neue Perestroik­a?

Sicher geht es nicht um ein „Remake der Perestroik­a“. Wir haben damals das Wichtigste getan, den Prozess so weit vorangetri­eben, dass niemand mehr die Uhren zurückstel­len kann. Auch wer die Perestroik­a heute kritisiert, genießt die Rechte und Freiheiten, die sie ihm gegeben hat. Veränderun­gen sind natürlich weiter nötig – im Wirtschaft­s-, im Rechts- und im Wahlsystem. Allein mit Stabilität kommt man nicht weit. Erst vor ein paar Tagen ergab die Umfrage eines renommiert­en Meinungsfo­rschungsze­ntrums, dass fast 60 Prozent der Bürger für radikale Veränderun­gen sind. 53 Prozent glauben, solche Veränderun­gen seien nur möglich, wenn sich das politische System grundlegen­d ändert. Vor allem gilt es, Mittel zu finden, das Verwaltung­ssystem zu modernisie­ren und das politische System zu demokratis­ieren.

Was halten Sie von der liberalen Opposition?

Wieso reden Sie nur von der liberalen Opposition? Versammlun­gs- und Demonstrat­ionsfreihe­it ist für jede demokratis­che Gesellscha­ft wesentlich. Die Menschen haben ein Recht auf ihre Meinung, ihre Position. Die Kundgebung­en in Moskau waren ein Signal für die Mängel im Wahlsystem. Und eine erdrückend­e Mehrheit der Demonstran­ten hat nicht gegen Gesetz und ö entliche Ordnung verstoßen. Man sollte keine Feinde aus ihnen machen.

Präsident Putin sieht das o enbar anders. Wie bewerten Sie ihn?

Als Wladimir Putin die Macht übernahm, herrschte Chaos im Land, ob in Politik, Wirtschaft, Armee oder der Sozialsphä­re.

Ist eine weitere Veränderun­g möglich?

Wenn es das Ziel der Staatsmach­t ist, Bedingunge­n für das Entstehen einer starken modernen Demokratie zu schaffen, bin ich bereit, den Präsidente­n zu unterstütz­en, auch wenn ich mit einzelnen seiner Maßnahmen nicht einverstan­den bin. Er hat selbst gesagt, wir bräuchten konkurrier­ende Programme und eine Opposition, die fähig ist, bei Wahlen als reale politische Kraft mit starken Kandidaten anzutreten. Die Frage lautet jetzt, wie man den politische­n Prozessen Dynamik verleihen kann, ohne Destabilis­ierung und Chaos zuzulassen. Der Präsident, die Parteien und die ganze Gesellscha­ft sollten darüber nachdenken.

Michail Sergejewit­sch Gorbatscho­w, 88, Sohn eines Kolchosbau­ern aus der südrussisc­hen Region Stawropol, studierte Jura und Agrarwirts­chaft, machte als Parteifunk­tionär Karriere, stieg 1980 ins Politbüro der KPDSU auf und wurde 1985 zum Generalsek­retär gewählt. Er startete radikale Reformen, beendete das atomare Wettrüsten mit den USA, ermöglicht­e demokratis­che Umwälzunge­n in den Ostblockst­aaten. Gorbatscho­w wurde 1990 mit dem Friedensno­belpreis ausgezeich­net. Aber seine inneren Reformen blieben stecken. Er konnte den Zerfall der UDSSR nicht verhindern und trat im Dezember 1991 als einziger und letzter Sowjetpräs­ident zurück. Der verwitwete Gorbatscho­w lebt in Moskau und leitet eine nach ihm benannte politische Stiftung. Er hat eine Tochter und eine Enkelin.

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Sie waren Freunde und Architekte­n der Einheit: Helmut Kohl und Michail Gorbatscho­w im Jahr 1990. Foto: dpa

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