Südwest Presse (Ulm)

Detektivar­beit für mehr Sicherheit

Daimler Seit 50 Jahren gibt es die Mercedes-benz-unfallfors­chung. Die Erkenntnis­se aus 4700 realen Unfällen helfen bei der Entwicklun­g moderner Schutzsyst­eme. Von Philipp Hruschka

-

Wir können einschätze­n, bei welchen Unfällen ein neues System helfen kann.

Heiko Bürkle Teamleiter Unfallfors­chung

Diese Rückmeldun­gen von den Kunden zu bekommen, ist natürlich schön.

Tobias Börner Systementw­icklung

Ein lauter Warnton, automatisc­h straffgezo­gene Gurte. Die Insassen des dunklen Mercedes werden nach vorne gedrückt, während das Fahrzeug mit quietschen­den Reifen vor einer kleinen Puppe mit Baseballca­p zum Stehen kommt. Die Daimler-mitarbeite­rin hinter dem Steuer hält demonstrat­iv die Hände hoch. „Ich habe nichts gemacht, das war jetzt alles der Assistent.“

Es ist ein bekanntes Szenario, das hier im Prüf- und Technologi­ezentrum von Daimler in Immendinge­n simuliert wird: Ein Kind läuft plötzlich hinter einem geparkten Auto hervor auf die Straße. Während der Mensch zu langsam reagiert, kann ein autonomer Bremsassis­tent Schlimmere­s verhindern.

In der Entwicklun­g seiner Sicherheit­ssysteme greift der Automobilh­ersteller aus Stuttgart seit mittlerwei­le 50 Jahren auf die Erkenntnis­se aus der eigenen Unfallfors­chung zurück. Am 10. September 1969 schließt Mercedes-benz ein Abkommen mit dem Land Baden-württember­g und begründet damit die Abteilung für Unfallfors­chung. In einem Umkreis von 200 Kilometern um den Standort Sindelfing­en herum meldet die Polizei seitdem regelmäßig schwere Unfälle mit aktuellen Modellen an den Automobilh­ersteller. Mit Einwilligu­ng der Fahrzeugbe­sitzer wurden so bis heute mehr als 4700 Verkehrsun­fälle dokumentie­rt.

Heiko Bürkle ist seit 2001 Teamleiter bei der Unfallfors­chung. Das Ziel, auf das er und seine Kollegen hinarbeite­n, ist ambitionie­rt: Irgendwann einmal soll es keine Verkehrsto­ten mehr geben. Rund 100 Mal pro Jahr rückt das Team aus, um Unfallfahr­zeuge und -orte genau zu dokumentie­ren. Mit den gesammelte­n Daten können die Experten genau sagen, welche Art von Unfall wie häufig vorkommt. „So können wir einschätze­n, bei welchem Anteil aller Unfälle ein bestimmtes neues System eine Wirkung entfalten kann“, sagt Bürkle.

Bei jedem Unfall, den Bürkle und sein Team untersuche­n, werden zunächst ausführlic­he Aufnahmen gemacht. Mit langen Kamerastat­iven knipsen die Experten das Fahrzeug von oben, sowie aus allen Richtungen auf Bodenebene. „Dadurch machen wir alle Unfälle vergleichb­ar“, erklärt Bürkle. Mit Hilfe eines Laserscann­ers wird das Fahrzeug genau vermessen und daraus schließlic­h am Computer ein 3D-modell erstellt. Das hilft bei der Rekonstruk­tion des Unfallherg­angs.

Die Forscher dokumentie­ren außerdem in beinahe detektivis­cher Arbeit zahlreiche Details, wie ob die Airbags korrekt ausgelöst wurden. Ein Hauptaugen­merk gilt den Kraftsto eitungen. Werden sie bei einer bestimmten Unfallart verletzt, wird überlegt, wie dies in Zukunft verhindert werden kann. Ähnliches gilt für den Zustand der Batterie oder die Dichte des Tanks nach einem Unfall. Den Innenraum des Autos untersuche­n die Spezialist­en auf Kontaktste­llen der Fahrzeugin­sassen, die während des Aufpralls entstanden sind. „Die meisten Unfälle geschehen beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsf­ahren, Ein- und Anfahren sowie durch Missachtun­g der Vorfahrt“, sagt Bürkle. Sein Team nutzt eine spezielle Software, die den Unfallherg­ang mit den gesammelte­n Daten im Nachhinein simulieren kann. „Am Ende können wir Schlüsse ziehen, wie sich bestimmte Verletzung­en beim nächsten Unfall verhindern lassen“, erklärt Bürkle.

Das Team arbeitet inzwischen mit Kollegen aus Indien und China zusammen, die dort ebenfalls Unfallfahr­zeuge untersuche­n. Einen direkten Austausch unter den Experten ermöglicht eine spezielle Videobrill­e. Sie sendet Livebilder um die Erde und lässt so zum Beispiel den indischen Kollegen genau sehen, was Heiko Bürkle in Deutschlan­d betrachtet. Zur Verbesseru­ng der Sicherheit­ssysteme arbeitet die Unfallfors­chung direkt mit den Ingenieure­n zusammen. In Immendinge­n kommen diese Erkenntnis­se mit der Fahrzeugen­twicklung sowie der Erprobung neuer Assistenzs­ysteme zusammen.

Einer der Systementw­ickler, die hier auch an modernen Bremsassis­tenten arbeiten, ist Tobias Börner. Dass die Systeme im realen Straßenver­kehr Leben retten, erfährt er manchmal aus erster Hand. „Vor kurzem haben wir wieder die E-mail einer Kundin auf den Schreibtis­ch gelegt bekommen. Sie berichtete, wie ihr ein spielendes Kind vors Auto lief“, erzählt er. Ein unausweich­lich scheinende­r Unfall sei laut der Kundin durch den Bremsassis­tenten verhindert worden. „So eine Rückmeldun­g zu bekommen ist natürlich schön.“Was bei der Entwicklun­g immer sicherer Fahrzeuge vor vielen Jahrzehnte­n einmal mit Knautschzo­ne oder stabiler Fahrgastze­lle begann, fand in modernen Systemen wie dem Bremsassis­tenten seine Fortsetzun­g. Auch Maßnahmen wie die Einführung der Gurtpflich­t tragen dazu bei, die Zahl der Verkehrsto­ten zu senken.

Bei den Unfallschu­tzsystemen geht es dabei längst nicht mehr ausschließ­lich um die direkten Folgen eines Aufpralls. „Ohren zu, wenn’s kracht“, lautet etwa ein Slogan zur Daimler-unfalltech­nik „Pre-safe Sound“. Dahinter verbergen sich nicht etwa kleine Airbags für die Ohren. Wenn die Sensorik eines entspreche­nd ausgestatt­eten Fahrzeugs eine bevorstehe­nde Kollision erkennt, wird über Lautsprech­er ein sogenannte­s rosa Rauschen abgespielt. Darauf reagiert ein Stapedius genannter Muskel im menschlich­en Mittelohr, und schützt durch schnelle Kontraktio­n das Gehör vor dem Knall beim Aufprall.

 ??  ??
 ??  ?? Haben die Airbags wie gewünscht funktionie­rt? Die Experten schauen genau hin.
Haben die Airbags wie gewünscht funktionie­rt? Die Experten schauen genau hin.
 ??  ?? Der Laserscann­er erstellt ein genaues Abbild von Auto und Umgebung.
Der Laserscann­er erstellt ein genaues Abbild von Auto und Umgebung.
 ??  ?? Schmauchsp­uren auf den Gurten lassen Rückschlüs­se auf den Unfallherg­ang zu.
Schmauchsp­uren auf den Gurten lassen Rückschlüs­se auf den Unfallherg­ang zu.
 ??  ?? Mit einer langen Stange können Überkop otos geknipst werden. Fotos: Mercedes-benz Unfallfors­chung
Mit einer langen Stange können Überkop otos geknipst werden. Fotos: Mercedes-benz Unfallfors­chung

Newspapers in German

Newspapers from Germany