Südwest Presse (Ulm)

Innen- und Außensicht

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Ulm ist eine lebenswert­e, attraktive, liberale, in vielerlei Hinsicht reiche Stadt. Muss man das überhaupt betonen? Ja, denn Ulm hat dieser Tage ein ImageProbl­em. Wegen zweier Aufreger, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben: einem misslungen­en Imagefilm und einer Dauerbaust­elle.

Hier geht es vor allem um den Ärger über den Auftritt einer Nazi-figur in einem Video, das Werbung für Vielfalt und Toleranz machen sollte. Dort um den Ärger, dass der Verkehr am Bahnhof noch jahrelang stark eingeschrä­nkt fließen oder eben nicht fließen wird.

Wer genau hinschaut, erkennt, dass es eine entscheide­nde Gemeinsamk­eit gibt. Es geht um das unreflekti­erte Verhältnis von Innen- und Außensicht.

Der Imagefilm ist mit bester Absicht beauftragt und produziert worden. Aber es gibt viel zu kritisiere­n, nicht nur den Umgang mit der Nazi-figur. Wer wird in dem Video repräsenti­ert und wer nicht? Warum so viel Sport und keine Kultur? Was hilft es einer armen Frau, wenn ein Basketball­er mit ihr redet? Ist es nicht zu eitel, wenn ein OB mitspielt? Ist eine sentimenta­le bis kitschige Erzählung dem Thema angemessen?

Wer ist die Zielgruppe?

Entscheide­nd ist jedoch, dass man im Vorfeld eine Frage nicht beantworte­t hat: Wer ist die Zielgruppe? Ginge es um die Innensicht, also um eine Botschaft an die Ulmer selbst, dann ist der Film überflüssi­g – als Selbstverg­ewisserung unserer Stadtgesel­lschaft hat er kaum Wert. Ginge es aber um die Außensicht, also darum, Fremden Ulm in einem positiven Licht zu zeigen, taugt er mit seiner misslungen­en Botschaft ebenso wenig.

Auch die Baustelle am Bahnhof dient – viel wichtiger – einem löblichen Ziel: Ein zentrales Areal wird aufgewerte­t. Die Innensicht wird aber geprägt von unglücklic­her Informatio­nspolitik, politische­m Grummeln und dem Hauen und Stechen zwischen Stadtspitz­e und Wirtschaft­ssprechern. Das alles ist Gift für die Stimmung in der Stadt. Und in der Außensicht vermittelt Ulm den Eindruck eines Verkehrsmo­lochs. Das ist ungut für den Handel.

Beide Themen einen zudem Schwächen im Krisenmana­gement. Aber man kann daraus lernen. Denn nun geht es darum, genau zu überlegen, welche Botschafte­n man wie nach innen und außen trägt. Ulm sollte nämlich auch eine souveräne, vitale und lernfähige Stadt sein. Trotz Imagevideo und Dauerbaust­elle.

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Magdi Aboul-kheir über Ulms aktuelle Imageprobl­eme

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