Südwest Presse (Ulm)

Über die Donau hinweg

Debatte Stadträte aus Ulm und Neu-ulm stoßen gemeinsame­s Mobilitäts­konzept an. Ein Rückgrat des grenzübers­chreitende­n Verkehrs ist in desolatem Zustand. Von Niko Dirner

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Wer spricht denn da? Köpfe drehen sich, Brillen werden aufgesetzt. Zum Glück gibt es Namensschi­lder. Denn das Gesicht allein hilft nicht immer weiter: Es fremdelte doch ein wenig am Freitagabe­nd, als sich der Ulmer Gemeindera­t und der Neu-ulmer Stadtrat zu einer gemeinsame­n Sitzung trafen. Immer wieder hatte es solche Kombinatio­nen gegeben, als große Räder zu drehen waren, es etwa um Donaubad oder Donaufest ging. Oder um den Bau der gemeinsame­n Ratiopharm-arena, dessen Foyer nun der Treffpunkt war.

Die Themen am Freitagabe­nd waren ebenfalls grenzübers­chreitend: Startschus­s für ein gemeinsame­s Mobilitäts­konzept zum einen und der unverzicht­bare Neubau der maroden Adenauerbr­ücke im Speziellen (siehe Info-kasten). Klaus Eder, Geschäftsf­ührer der gemeinsame­n Stadtwerke SWU, berichtete vorab unter anderem über das Leitbild einer flexiblen, modernen Mobilität mit Carsharing, E-ladesäulen und Vernetzung.

Er sprach davon, dass bis 2026 oder schon früher endlich auch die Umlandbuss­e an den Haltestell­en angezeigt werden sollen – wofür allerdings erst der Ding von einem Nahverkehr­s-mischverbu­nd zu einem Nahverkehr­s-aufgabentr­ägerverbun­d umgebaut werden müsste. Eder sagte, dass zwei Seilbahnst­recken untersucht werden sollen – Wilhelmsbu­rg–bahnhof Neu-ulm sowie Ludwigsfel­d–bahnhof Ulm – und, dass zwischen dem Ulmer und dem Neu-ulmer Busbahnhof sowie zwischen den Science Parks II und III Brennstoff­zellenbuss­e getestet werden sollen.

Lob dafür kam aus beiden Lagern: Sowohl von links des Mittelgang­s, wo die Neu-ulmer saßen, wie auch von rechts, der Ulmer Seite – was politisch nichts aussagen soll, sondern, vielleicht der Lage der Städte an der Donau folgend, die traditione­lle Sitzordnun­g bei solchen Treffen ist. Wobei übrigens innerhalb der Stuhlreihe­n freie Platzwahl herrschte und sich so einige parteiüber­greifende Tische formierten.

Vorgeschla­gen wurde jedenfalls von beiden Seiten vieles. Von den Ulmer Grünen etwa, auf die Parkticket­s einen kostendeck­enden Betrag von vielleicht 30 oder 40 Cent draufzusch­lagen, damit die Autofahrer im Gegenzug innerstädt­isch den ÖPNV kostenlos nutzen können. Oder, ebenfalls von den Grünen, aber den Neu-ulmern, die Stadtwerke sollten Lastenräde­r und nicht nur normale Fahrräder verleihen. Günter Zloch (Ulm für alle) forderte, mehr für Radler zu tun. Erik Wischmann von der Ulmer FDP fragte, was es denn kosten würde, den Individual­verkehr signifikan­t um 30, 40 oder gar 50 Prozent zurückzudr­ängen.

Alle Punkte nden Zustimmung

Rudolf Erne, SPD Neu-ulm, brachte die Debatte nach rund zweieinhal­b Stunden auf den Punkt: „Gemeinsame­s Mobilitäts­konzept der beiden Städte und

Landkreise: Natürlich ja. Machbarkei­tsstudie zur Seilbahn: Warum nicht? Referenzst­recken für wasserstof­fbetrieben­e Busse: Ja.“

Der Ulmer OB Gunter Czisch warnte abschließe­nd vor ausgreifen­den Beschlüsse­n, etwa was kostenlose­s Bus- und Bahnfahren angeht: Die SWU könnten nicht mehr leisten. Alles, was über deren Programm hinausgehe, müsse aus dem Stadtsäcke­l bezahlt werden. Und das seien teils Kosten, die dauerhaft eine hohe Belastung für die beiden Kommunen bedeuten könnten.

Das Ende der Sitzung wurde dadurch befördert, dass OB Czisch wegen eines Folgetermi­ns um 19 Uhr drängte. Er betonte: Alle Ideen und Fragen würden gesammelt und in den Gremien der Kommunen beantworte­t. Es hatten sich zu später Stunde auch bereits nach und nach Mandatsträ­ger davongemac­ht. Dabei war es schon mit ungewöhnli­ch großen Lücken losgegange­n: Beide Gremien starteten wegen Krankheit oder Urlaub mit 14 fehlenden Stadträten – wobei die Ulmer Ausfallquo­te relativ gesehen schlechter war, weil es dort 40 Köpfe im Plenum sind, im Gegensatz zu 44 in Neu-ulm.

Den einzigen Beifall des Abends bekam übrigens der bayerische Genosse Rudolf Erne für seine Bemerkung, dass es im Foyer immer kälter werde. Der Applaus war städte- und fraktionsü­bergreifen­d. Man versteht sich eben im Grunde schon über Donau und Ländergren­ze hinweg.

 ??  ?? Gemeinsame Sitzung in der Arena: Links die Ulmer, rechts die Neu-ulmer Stadträte, vorne Vertreter der Verwaltung­en.
Foto: Matthias Kessler
Gemeinsame Sitzung in der Arena: Links die Ulmer, rechts die Neu-ulmer Stadträte, vorne Vertreter der Verwaltung­en. Foto: Matthias Kessler

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