Südwest Presse (Ulm)

Abzocke in Bella Italia

Verkehr Beim Geld hört das Dolce Vita auf: Wie dem Ulmer Ehepaar Klatt ein Kurzurlaub am Gardasee gründlich vergällt wurde. Und alles nur, weil der TÜV um fünf Tage überzogen war. Von Hans-uli Mayer

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Sie dürfen es nicht. Aber sie tun es gelegentli­ch.

Andreas Hölzel Adac-sprecher

Eigentlich wollten sie eine Woche Urlaub machen in Italien. Ausspannen und noch etwas Sonne tanken vor dem heraufzieh­enden Winter. Seit vielen Jahren kommt das Ehepaar Friederike und Lothar Klatt an den Gardasee. In diesem Herbst waren sie in der Wohnung eines Freundes bei Salo am Westufer untergekom­men, mit dem sehenswert­en Dom und der malerische­n Uferpromen­ade, von der aus man einen wunderschö­nen Blick auf den weit nach Norden langgestre­ckten See hat.

Doch so heimisch sich die Italienfre­unde und langjährig­en Aktivisten der in Italien gegründete­n Slowfood-bewegung in dem Städtchen auch fühlen, in diesem Jahr bekam ihre Liebe zu Land und Leuten einen Knacks. Denn gleich zu Beginn ihres Urlaubs Anfang Oktober blühten dort nicht mehr die Zitronen, sondern der Amtsmissbr­auch und die Abzocke durch die Polizia Locale.

Noch bevor die Klatts mit ihrem Renault über die Alpen tuckerten, war Friederike Klatt mit dem Wagen in der Werkstatt. Die Hupe musste gerichtet werden, außerdem war der TÜV fällig, für den sich vor der Fahrt aber kein Termin mehr fand. Zwar darf auch in Deutschlan­d die Hauptunter­suchung o ziell nicht überzogen werden. Eine Ordnungswi­drigkeit durch die Polizei muss man allerdings erst nach Ablauf von zwei Monaten befürchten.

Am Samstag, 5. Oktober, und somit gleich am zweiten Urlaubstag war es vorbei mit Dolce Vita. Zwei unnachgieb­ige Polizistin­nen knöpften dem Paar 121,10 Euro ab und rieten ihm, das Land sofort zu verlassen, um weitere Strafzahlu­ngen zu vermeiden. „Nach nur 50 Stunden sind wir wieder abgereist“, sagt Lothar Klatt, der in Ulm als Rechtsanwa­lt tätig ist, in der besonderen Situation der Staatsgewa­lt nachgab und die geforderte Summe beglich.

Was war geschehen? Als Klatts nach einem Einkaufsbu­mmel zu ihrem Auto kamen, war dieses von einem Polizeifah­rzeug eingeparkt. Und zwar so, dass es kein Vor und kein Zurück mehr gab. Die beiden 69-Jährigen wurden in rüdem Ton belehrt, dass der TÜV an ihrem Fahrzeug abgelaufen war – um genau fünf Tage. Nicht, dass sie das nicht gewusst hätten. Aber auch der Hinweis, dass dies Überziehun­g in Deutschlan­d erst nach Ablauf von zwei Monaten geahndet werde, erweichte die Polizisten nicht. Vielmehr setzten sie die Drohung drauf, eine Geldbuße von 2000 Euro zu verhängen und das Fahrzeug für drei Monate still zu legen, sollten die Deutschen sich weiterhin weigern.

Wohl wissend, dass die italienisc­he Polizei nicht den deutschen TÜV überwachen darf, zahlte das Paar „unter Protest“, was rechtlich nicht hilft. Wer erst einmal bezahlt, hat sein Geld verloren, bestätigt Andreas Hölzel vom ADAC in München. Die italienisc­he Polizei sei nicht befugt, deutsche Tüv-verstöße zu ahnden, das Vorgehen des Polizisten sei mithin „nicht zulässig“. Wie der Adac-sprecher weiter sagte, komme das immer wieder vor. Hölzel: „Sie dürfen es nicht. Aber sie tun es gelegentli­ch.“

Und zwar nicht nur Italiener. Auch aus anderen meist südlichen Ländern sei ein solches Vorgehen bekannt. Eine Rückforder­ung der 121,10 Euro sei zwecklos, der Vorgang sei durch die Zahlung rechtskräf­tig abgeschlos­sen. Daran ändert auch nichts, dass der TÜV eine hoheitlich­e Aufgabe und somit Sache des deutschen Staats sei. Einen richtigen Rat kann Hölzel nicht geben. Bezahlen müsse letztlich niemand. Aber wer will sich am Urlaubsort schon einen Rechtsanwa­lt nehmen und trotz aller sprachlich­en Barrieren einen Rechtsstre­it mit den Behörden anfangen. Also packte das Ehepaar an jenem Samstagnac­hmittag gegen 16 Uhr die Koffer und fuhr direkt nach Hause. Gegen Mitternach­t waren sie wieder in Ulm.

Auf sich beruhen lassen will Klatt die Sache nicht. In einem Brief an den Bürgermeis­ter von Salo schreibt er von Abzocke, fordert die bezahlte Summe zurück und bittet ihn, derlei „fremdenver­kehrsfeind­liches Verhalten“abzustelle­n. Eine Antwort hat er bis heute nicht erhalten.

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Foto: Matthias Kessler
Mittlerwei­le ist der TÜV gemacht: Das Ehepaar Klatt vor seinem Auto. Foto: Matthias Kessler

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