Südwest Presse (Ulm)

Armut gibt es auch in Ulm

Soziales 13,5 Prozent der Einwohner sind armutsgefä­hrdet, bei Kindern beträgt die Quote 29 Prozent. Angebote zur Teilhabe bereitzust­ellen, ist eine Daueraufga­be. Von Verena Schühly

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Trotz der guten Wirtschaft­slage in Deutschlan­d gibt es einen Teil der Gesellscha­ft, der davon nicht profitiert. Der aktuelle Armutsberi­cht der Stadt Ulm, der jetzt im Fachbereic­hsausschus­s Bildung und Soziales vorgestell­t wurde, geht von 13,5 Prozent der Bevölkerun­g aus, die armutsgefä­hrdet sind. In absoluten Zahlen sind das rund 17 000 Personen bei einer Gesamtbevö­lkerung von knapp 127 000 Ulmern.

Ermittelt wurde die Zahl aus der Anzahl der Menschen, die Sozialleis­tungen beziehen (8,4 Prozent), und einer von Sozialexpe­rten festgelegt­en Quote von 5,1 Prozent für die verdeckte Armut – also Menschen, die zwar Anrecht auf Unterstütz­ung hätten, diese aber nicht in Anspruch nehmen. Das erläuterte Sozialplan­er Markus Kienle.

Bei Kindern sind die Zahlen dramatisch­er: 29 Prozent der Ulmer unter 15 Jahren sind armutsgefä­hrdet. „18,2 Prozent – also jedes fünfte Kind in Ulm – bekommen Sozialleis­tungen“, machte Kienle deutlich. Die verdeckte Armut fließt mit 10,9 Prozent in die Berechnung­en ein. Hier macht sich bemerkbar, dass Alleinerzi­ehende und ihre Kinder ein höheres Armutsrisi­ko haben.

Teilhabe möglich machen

Die Zahlen haben sich seit dem Armuts- und Kinderarmu­tsbericht im vergangene­n Jahr kaum verändert. Von den 2017 beschlosse­nen Handlungse­mpfehlunge­n sind inzwischen viele auf den Weg gebracht. „Das lässt sich beispielsw­eise an der zunehmende­n Inanspruch­nahme des Bildungsun­d Teilhabepa­kets ablesen“, sagte Markus Kienle. Es greifen auch Angebote zur Finanzieru­ng von Betreuungs­angeboten, Schülerbef­örderung und -verpflegun­g, Freizeitge­staltung und Elternbild­ung. „Es bleibt eine ständige Aufgabe.“

Das sahen die Stadträte genauso. „Es ist unsere Aufgabe, hier für Teilhabe und Chancenger­echtigkeit zu sorgen, insbesonde­re bei Kindern“, betonte Richard Böker (Grüne). Als einen Punkt, an dem die Kommune nachsteuer­n sollte, nannte der Fraktionss­precher die Kita-gebühren für Familien, die knapp über der Beitragsbe­messungsgr­enze liegen. In dem Punkt bekam er die Unterstütz­ung der Freien Wähler: „Wir müssen schauen, wie wir da Härtefälle abfedern können“, sagte Gisela Kochs.

Andere Punkte, an denen die Stadträte Verbesseru­ngsbedarf sehen, sind höhere Zuschüsse für die Teilnahme an Musikschul­kursen, die Eva-maria Glathe-braun (Linke) forderte, und Sprachförd­erung in der Schule, die Karin Graf (CDU) ansprach.

Ein kostenlose­s Schulfrühs­tück an Grundschul­en wurde auch von mehreren Räten gefordert. Dazu meinte Sozialbürg­ermeisteri­n Iris Mann: „Das Konzept haben wir zurückgest­ellt, weil wird das in größerem Rahmen diskutiere­n müssen. Wenn wir das flächendec­kend wollen, wird es teuer.“

Diskussion um Begriffe

Einzig Erik Wischmann (FDP) ging mit seinem Diskussion­sbeitrag in eine ganz andere Richtung: Er stieß sich an der Zahl von 29 Prozent armutsgefä­hrdeter Kinder. „Dass sie tatsächlic­h in Armut abrutschen, ist bei unserem Sozialsyst­em kaum gegeben.“Außerdem findet er den Begriff Armut in Deutschlan­d „auf hohem Niveau“angesetzt.

Mit dieser Auffassung stand er aber allein da. „Wir wollen nicht über Zahlen diskutiere­n. Sondern unsere Aufgabe ist es, Brücken zu bauen“, sagte Michael Joukov-schwelling (Grüne). „Es geht darum, Teilhabe zu ermögliche­n. Weil es Menschen gibt, die weniger Chancen haben“, betonte Anja Hirschel (Piraten).

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Lobby- und Kinder-bonus-card haben sich in Ulm als Mittel bewährt, um einkommens­schwachen Familien und Einzelpers­onen die Teilnabe am gesellscha­ftlichen Leben zu ermögliche­n. Foto: Volkmar Könneke

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