Südwest Presse (Ulm)

Die Geburt der Vernunft in Ulm

„Ich denke, also bin ich“formuliert­e René Descartes – nachdem er vor exakt 400 Jahren geträumt hatte.

- Info Im Ulmer Stadthaus referieren am Sonntag, 17 Uhr, Jean Dhombres und Dieter Thomä über Descartes und Ulm.

Ulm. Cogito ergo sum. Diese Erkenntnis des Philosophe­n René Descartes gilt als Basis der modernen Philosophi­e. Inspiriert wurde Descartes dazu in Ulm.

Vielleicht wäre ohne ihn alles anders gekommen. Er, das ist der Schweifkom­et C/1618 W1, den Johannes Kepler im Winter 1618 mit dem Fernrohr vom Dach seines Linzer Wohnhauses aus entdeckte. Über dessen Bedeutung kamen sich 1619 in Ulm, wo Kepler Jahre später seine Rudolfinis­chen Tafeln drucken lassen sollte, einige Gelehrte in die Haare: War der Komet ein Zeichen für die kommenden Gräuel des eben ausgebroch­enen Dreißjähri­gen Krieges, wie etwa der „deutsche Archimedes“, der Ulmer Stadtmathe­matiker Johannes Faulhaber glaubte? Oder hatte das Ganze natürliche Ursachen, wie etwa der Mathematik­er Johann Krafft formuliert­e?

Um diese Frage zu klären, wurde für den 18. Oktober 1619 ein Kolloquium angesetzt. Und davon bekam ein junger französisc­her Mathematik­er und Philosoph Wind, der gerade bei der Krönung Ferdinands II. in Frankfurt weilte: René Descartes. Das Thema interessie­rte Descartes, und er machte sich auf nach Ulm – inkognito.

„Der Philosoph hinter der Maske“, wie er gelegentli­ch genannt wird, stellte sich im Herbst 1619 dem Ulmer Rechenmeis­ter Johann Faulhaber unter dem Pseudonym Carolus Polybius vor – wohl auch, weil Faulhaber zu den Rosenkreuz­ern gehörte. Die und ihre magischen und mystischen Ideen waren in Frankreich verboten. Descartes oder Cartesius, wie er sich latinisier­t nannte, lehnte das Gedankengu­t der Rosenkreuz­er zwar o ziell ab, übernahm aber deren Motto: „Wer sich gut verborgen hat, hat gut gelebt.“

Und so mag Descartes vielleicht auch deshalb keinen genauen Ort angegeben haben, wo er am Vorabend des St. Martinusta­ges 1619, also in der Nacht vom 10. auf den 11. November, seine berühmten Träume hatte, die ihn zu seiner Erkenntnis „Ich denke, also bin ich“führten. Im Zeltlager der bayerische­n Truppen irgendwo im Donautal? Oder nicht doch eher im ofenbeheiz­ten Zimmer eines Ulmer Gasthofes, in dessen Bett sich der bekennende Langschläf­er räkelte, bevor es bei den Faulhabers Mittagesse­n für den Kostgänger gab?

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Träumte wohl in Ulm: René Descartes.

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