Südwest Presse (Ulm)

Roman Nicola Förg: Wütende Wölfe (Folge 107)

- Fortsetzun­g folgt © Piper Verlag

Aber da sah ich Martin Gschwendne­r. Und Udo Wolf. Der Wolf redete leise, aber eindringli­ch und für mich hörbar auf den Jungen ein. Ich hörte sie, doch sie sahen mich nicht. Zuerst jedenfalls nicht.“„Ja, und weiter?“, rief Kathi. „Ich trat auf einen Pappbecher, da entdeckten sie mich. Und ihnen war klar, dass ich zugehört hatte. Dass ich nun auch wusste, dass Martin Gschwendne­r der Vater des Kindes war. Er hatte mit Moni geschlafen, mehrfach. Er war aber mit einer anderen zusammen, oder zumindest so etwas Ähnliches. Wirre Herzen waren das damals. Dieser Martin war durch den Wind, nicht Herr seiner Gefühle. Wir gingen in ein Salettl im Biergarten und rauchten. Dort erzählte Martin von sich. Er stammte aus einer Familie mit einem Gasthof, er musste viel helfen. Der Vater war ein gewalttäti­ger Choleriker. Martin zeigte mir eine Brandwunde am Arm, wo ihm der Vater aus Wut heißes Wasser über die Haut gekippt hatte. Dabei hatte Martin nur irgendwas im Service falsch gemacht. Dieser Junge war ein Sklave seiner Familie – hätte der erzählen sollen, dass er eine Schulkolle­gin geschwänge­rt hatte? Er war überforder­t und hat sich deshalb wohl dem Wolf anvertraut. Der wiederum hat ihm geraten, sich klar zu werden, was er wollte, und seine Gedanken zu sortieren. Martin überlegte und wollte dann wohl Annika ein Vater sein und Moni ein Mann. Er wollte sich gegen seine Familie auflehnen, aber Exgüsi: Wir reden hier von einem Achtzehnjä­hrigen in einer Ausnahmesi­tuation! Martin wollte sich zu Moni bekennen, aber dann wollte sie nicht mehr, erzählte er unter Tränen. Er hatte sie mit Telefonate­n bedrängt, ihr aufgelauer­t, er wollte alles wiedergutm­achen.“„Es ging also nicht um Udo Wolf, sondern um Martin“, fasste Kathi zusammen.

„Richtig. Und dann kam dieses Hüttenwoch­enende in den Bergen. Martin und sie auf engstem Raum zusammenge­pfercht. Sie hat das nicht ausgehalte­n. Und er hat es nicht ausgehalte­n. Er ist ihr mehrfach hinaus in den Regen gefolgt. Er wollte mit ihr sprechen. Und an jenem Donnerstag hat er wieder auf sie eingeredet. Sie haben gestritten, er hat sie am Arm gepackt, und auf einmal ist sie abgestürzt. Dann kam der Wolf dazu, allerdings zu spät.“

Sie alle starrten den Professor an.

„Das heißt, der Wolf hat all die Jahre diesen Martin geschützt?“, fragte Kathi schließlic­h.

„Ja, und er hat sogar einkalkuli­ert, dass man ihn, den Lehrer, verdächtig­t, er habe sich einer Liebschaft entledigt. Es war eine große Geste von Wolf. Sehr mutig. Uneigennüt­zig dazu! Wir haben lange geredet und am Ende einen Pakt geschlosse­n. Die offizielle Version sollte bestehen bleiben. Es war ein Unfall gewesen. Wozu hätte Martin auch gestehen sollen? Und was? Ob er sie nur etwas ungeschick­t berührt und dadurch versehentl­ich ins Straucheln gebracht hat oder ob er sie wirklich aktiv geschubst hat – das weiß er allein! Damit muss er leben. Wolf war bereit zu schweigen. Ich auch. Und ich habe gelobt, mich um Annika zu kümmern. Martin versprach, alle Ansprüche auf das Kind endgültig aufzugeben. Ich habe ihm über all die Jahre Bilder geschickt und von Annika erzählt.“

Ein Pakt! Drei Männer. Unterschie­dlich alt. Aus ganz verschiede­nen Welten. Und doch hatten sie fast vierzig Jahre geschwiege­n. Sie hatten einfach beschlosse­n, ein wenig an den Stellschra­uben der Geschichte zu drehen.

„Aber Beat!“, rief Caroline Wildhaber. „Du hättest doch mir… Beat!“Es war ein Hilfeschre­i.

„Du hast recht. Aber damals erschien es mir richtig. Auch um dich zu schützen.“

„Aha, mal wieder so ein Männerding, oder!“, entfuhr es Kathi.

Wie oft taten und sagten Menschen das Falsche aus den richtigen Motiven heraus? Irmi beneidete die Wildhabers nicht darum, jetzt ihre Familienle­gende aufarbeite­n zu müssen. Schon gar nicht, weil nun noch Annikas Rolle in dem Drama hinzukam. Was würde der letzte Akt noch bringen? Sie mussten Annika endlich finden!

„Als Annika die Zusammenhä­nge begri en hat, als sie das Bild sah und den Aufsatz las und das Tagebuch, da hat sie das gefolgert, was wir alle gefolgert haben: Sie hat geglaubt, der Wolf habe Moni auf den Gewissen“, sagte Irmi schließlic­h. „Und dann hat sie den Falschen verfolgt.“

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany