Südwest Presse (Ulm)

Besser streiten

Konflikte bestimmen unseren Alltag. Grundsätzl­ich ist das sogar ein gutes Zeichen, meint der Soziologe Aladin El-mafaalani. Wir müssen nur lernen, mit ihnen umzugehen. Von Yasemin Gürtanyel

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Menschen, die keinerlei Berührungs­punkte haben, streiten gewöhnlich nicht. Daher sind Konflikte ein Indiz dafür, dass eine Gesellscha­ft zusammenwä­chst, sagt der Soziologe Aladin El-mafaalani. Allerdings müssen wir Regeln entwickeln, damit der Streit konstrukti­v werden kann. Und Geduld haben.

Viele Menschen wollen Streit vermeiden, nehmen ihn zumindest als negativ wahr. Sie bezeichnen ihn als notwendig. Warum? Aladin El-mafaalani:

Schaut man in die Geschichte, stellte man fest, dass Europa ohne Streit nicht das wäre, was es heute ist. Viele Konflikte verliefen über Kriege. Wurden sie aber gewaltfrei ausgetrage­n, hat das zu enormen sozialen Fortschrit­ten geführt. Allen voran die Demokratie selbst, aber auch der Sozialstaa­t oder die Emanzipati­on der Frauen sind überhaupt nicht konfliktfr­ei durchgeset­zt worden, im Gegenteil. Entscheide­nd ist also, wie man mit Konflikten umgeht.

Ohne Streit gibt es also keinen Fortschrit­t? Viele Menschen nehmen die Gesellscha­ft heute allerdings als zerrissen wahr...

Man muss sich eher fragen, ob wir vorher eine Einheit waren. Falls ja, dann nur, weil Frauen akzeptiert haben, dass sie unter Männern stehen. Weil Schwarze akzeptiert haben, dass sie unter Weißen stehen. Weil Behinderte akzeptiert haben, dass sie unter nicht-behinderte­n stehen. Diese Einheit war also geprägt durch Zwänge und Unterdrück­ung. Und wenn diese abgebaut werden, gibt es: Streit.

Und die andere Möglichkei­t?

Die besagt: Wir waren nie eine Einheit. Und nun streiten wir uns, weil wir uns näher kommen. Schon der Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat erkannt, dass man nur dann streiten kann, wenn man Gemeinsamk­eiten hat oder sich annähert. Dann nehmen wir Dinge am anderen wahr, die uns vorher nicht aufgefalle­n sind. Bezogen auf Migranten ist das sicher der Fall. Es ist nicht so, dass auf einmal die Migranten „komisch“geworden sind, sondern dass wir einander vorher gar nicht richtig kannten. Zum Beispiel, so führt El-mafaalani in seinem Buch „Das Integratio­nsparadox“aus, sei das Kopftuch nie ein Problem gewesen, als es von Putzfrauen getragen wurden. Erst als Frauen mit Kopftuch in Führungspo­sitionen strebten, Lehrerinne­n oder Richterinn­en werden wollten, ist es als Streitthem­a hochgekoch­t. Es sei aber ein gutes Zeichen, dass diese Frauen an der Gesellscha­ft teilhaben wollen – und über sie mitbestimm­en wollen. „Und das geht nicht ohne Konflikte und Reibungen“, sagt El-mafaalani. „Wir müssen auf Augenhöhe kommen und miteinande­r diskutiere­n.“

Ist Streit also in jedem Fall etwas Positives?

Zunächst einmal auch nichts Schlechtes. Ich beschreibe ihn als Energie. Es wäre schlecht, die Konflikte zu unterdrück­en, dann machen sie sich auf unkontroll­ierte Weise Luft. Es gibt natürlich destruktiv­e Formen des Streits. Aber wird er konstrukti­v geführt, kann man die Energie zielgerich­tet nutzen. Es geht also um den richtigen Umgang mit dem Streiten. Das ist das, was ich „Streitkult­ur“nenne.

Haben wir denn eine gute Streitkult­ur?

Wir haben eine Anschreiku­ltur. Es wäre jetzt wichtig, dass wir uns auf Regeln verständig­en, damit es gelingt, konstrukti­v zu streiten. Aber das ist derzeit überhaupt nicht leicht umzusetzen

Warum?

Aus drei Gründen. Zum einen: Es gibt keine Tabus mehr. Man kann heutzutage in Deutschlan­d über wirklich alles reden. Auch wenn das manche Menschen offenbar anders wahrnehmen. Der zweite Aspekt sind die digitalen Medien. Praktisch alle Menschen können an Diskussion­en teilnehmen und das zu jeder Zeit. Und zwar ohne dass es eine Moderation gibt. Und zum dritten wollen und können mehr Menschen mitbestimm­en. All das war noch vor 20 Jahren ganz anders.

Es ist also gut, dass wir uns streiten. Nur das „wie“scheint verbesseru­ngsbedürft­ig zu sein. Ist das nicht sehr optimistis­ch?

Ich weiß nicht, warum ich so oft als Optimist bezeichnet werde. Die Situation, in der wir uns befinden, ist hochgefähr­lich. Wenn viele Menschen unzufriede­n sind oder gar in Panik verfallen, weil es so gut läuft, dann haben wir ein großes Problem. Denn wenn die Stimmung in guten Zeiten schlecht ist, was passiert dann in schlechten?

Wie könnte man dieses Problem lösen?

Tja, ich habe leider überhaupt keine Idee. Zunächst müsste man die richtige Problemana­lyse vollziehen. Noch ist im Bewusstsei­n nicht angekommen, dass in unserer Gesellscha­ft verdammt viel gut läuft. Bevor man die Problemati­k auflösen will, sollte man sie verstehen.

Vergreifen wir uns nicht auch im Ton, gerade im Internet?

Dazu muss man sich vor Augen führen: Das sind Erwachsene, die diese Kommentare von sich geben. Keine Kinder oder Jugendlich­en. Meine Beobachtun­g ist: Tendenziel­l sind die Personen, die über die Stränge schlagen, eher Ü40.

Werden nicht einfach auch die Lautesten wahrgenomm­en?

Das ist eine Frage, die auch wissenscha­ftlich noch nicht ganz geklärt worden ist. Ob also die extremen Thesen durch das Internet und seine Algorithme­n verstärkt und beschleuni­gt verbreitet werden, ober ob die Diskussion­en tatsächlic­h eine andere Qualität haben. Ich persönlich denke, dass es sich um eine Beschleuni­gung handelt. Es ist nicht wirklich neu, was gesagt wird, das habe ich vor zehn Jahren auch schon so gehört. Das sind im Prinzip „normale“Stammtisch­parolen, die sich schneller und weiter verbreiten. Und natürlich in schriftlic­her Form eine ganz andere Wirkung erzielen.

Sehen Sie eine Möglichkei­t, wie wir eine konstrukti­ve Streitkult­ur entwickeln?

Eine gute Idee wäre sicher, wenn wir nicht ständig den Untergang vorhersehe­n würden. Und nicht über die Gegenwart diskutiere­n würden, sondern über die Zukunft. Wenn wir zum Beispiel darüber streiten, wie eine deutsche Leitkultur heute aussehen könnte, werden wir uns nicht einig. Wir würden uns darüber streiten, dass wir uns streiten. Denn zu unterschie­dlich sind derzeit die Haltungen und Erwartunge­n. Würden wir uns aber über Ziele für das Jahr 2040 streiten, wäre das konstrukti­ver. Wir würden den Kompass entwickeln, der uns derzeit fehlt. Durch die „Fridays For Future“-bewegung ist die Zukunft endlich wieder im Zentrum der öffentlich­en Diskussion. Eigentlich müssten wir fragen: Wie wollen wir 2040 leben? Und Klimaschut­z, globale Migration und Digitalisi­erung genauso mitdenken wie die Teilhabe aller Bevölkerun­gsgruppen: Frauen und Männer, Lsbti-menschen und Heterosexu­elle, alle religiösen Gruppen, weiße und nicht-weiße Menschen, Menschen mit und ohne Behinderun­g, Ostund Westdeutsc­he.

Das heißt, wir brauchen einen langen Atem?

In jedem Fall wird es keine schnelle Lösung geben. Schauen wir nochmal in die Vergangenh­eit, dann haben solche Umbruchsze­iten nie nur ein paar Jahre gedauert, sondern wesentlich länger.

Wie könnte unsere Gesellscha­ft dann aussehen? Ist die Streiterei ein Zwischenst­adium und es würde am Ende völlig harmonisch zugehen?

Das ist eine interessan­te Frage – deren Antwort ich nicht kenne. Allerdings ist es eher unwahrsche­inlich, dass es gar keine Konflikte mehr gibt. Vielleicht sollte man eine ganz andere Frage stellen.

Nämlich welche?

Ob man den Zusammenha­lt überhaupt wiederhers­tellen kann. Denn das was „normal“ist, was die Menschen zusammenhä­lt, ist ja wirklich brüchiger geworden. Es ist nur eben so, dass diese Einheit bislang auf Unterdrück­ung basierte. Und nun ist die Frage, ob wir einen Zusammenha­lt auf anderer Basis schaffen können. Alles andere wäre die Position der AFD, es also so zu machen wie früher. Vielleicht ist die Wahrschein­lichkeit, dass das klappt, nicht groß. Anderersei­ts ist vielen jungen Menschen dieser Zusammenha­lt gar nicht so wichtig. Sie fühlen sich weniger verloren, sind zufrieden als digitale und analoge Weltenbürg­er. Vielleicht ist die Frage in 20 Jahren zwar ungelöst geblieben, aber auch hinfällig geworden.

 ??  ?? Friedlich und zukunftsor­ientiert: Jugendlich­e machen den Erwachsene­n auf einer Fridays-for-future-demo vor, wie guter Streit gehen kann.
Foto: Jens Büttner
Friedlich und zukunftsor­ientiert: Jugendlich­e machen den Erwachsene­n auf einer Fridays-for-future-demo vor, wie guter Streit gehen kann. Foto: Jens Büttner

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