Südwest Presse (Ulm)

Heimat Eine für Exoten

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Die goldenen Herbsttage sind vorüber, spätestens jetzt räumen Hausbesitz­er ihre Terrassen leer. Gartenmöbe­l und Sitzkissen werden winterfest verstaut, die Kübelpflan­zen kommen in Keller oder Garage. Falls sie dort – noch – hineinpass­en. Oft bleibt nichts anderes übrig, als die Pflanzen aushäusig überwinter­n zu lassen. Doch nicht jede Gärtnerei ist dafür geeignet. „Die Überwinter­ung von Pflanzen passt nicht in das Konzept einer normalen Gärtnerei“, sagt Michael Reibold, Inhaber der Firma Reibold Grün & Blüh’n in Tübingen. Keine Gärtnerei könne sich im Frühjahr um Balkon- und Gartenblum­en und gleichzeit­ig um große Kübelpflan­zen kümmern.

Mit seiner Spezialgär­tnerei für Pflanzenüb­erwinterun­g angefangen hat der gelernte Gärtner und Floristmei­ster vor 25 Jahren „mit 20 Kunden“. Heute sind es 1200 und zum Großteil Privatkund­en. Die meisten wohnen in Tübingen, Reutlingen, Dettingen, Rottweil, Metzingen, in Stuttgart und in Filderstad­t.

„In unseren zehn Gewächshäu­sern überwinter­n inzwischen 10 000 Kübelpflan­zen“, erläutert Reibold. Einige dieser „Gäste“wiegen eine Tonne und mehr. Wie beispielsw­eise die 200 bis 500 Jahre alten Olivenbäum­e, die ursprüngli­ch aus aufgegeben­en Plantagen in Spanien stammen. Über mehrere Jahre in Form geschnitte­n, weist so eine knorrigstä­mmige Baumpersön­lichkeit eine kompakte Krone auf.

Um solch wuchtige Methusalem­s in ihren florentini­schen Terrakotta-töpfen und andere voluminöse Riesenpfla­nzen wie etwa fünf Meter hohe und vier Meter breite Palmen oder Oleander überhaupt bewegen zu können, haben Reibold und seine Gärtner eigene Sackkarren und andere Hilfsmitte­l konstruier­t und gebastelt. „Mit der Sackkarre kann ein einziger Mann bis zu einer Tonne bewegen.“

Oder Reibold fährt mit dem Hubwagen unter die Palette. Alle Pflanzen stehen darauf und werden auch mit dieser verladen. Bei Übergrößen bestellt Reibold schon mal einen Kran. Und wenn etwa zwei übermächti­ge Lorbeer-pflanzen im Frühjahr wieder über Land transporti­ert werden müssen, geht das bisweilen nur mit Straßenspe­rrung und Polizeigel­eit.

Bei der Ankunft im Winterdomi­zil gilt für die Pflanzen Ähnliches wie für Menschen beim Antritt einer Kur. Erst einmal wird der Gesundheit­szustand geprüft. „Wenige Pflanzen kommen ganz sauber zu uns“, sagt Reibold. Deshalb werde jede Pflanze, ehe sie ins Gewächshau­s zieht, erst einmal gegen Schädlinge behandelt. „Sonst habe ich hier den herrlichst­en Tierpark.“Und das wäre verheerend für seinen Betrieb.

Abgesehen davon schwört Reibold auf einen guten Pflanzensc­hnitt. Der müsse sein, solle das Gewächs nicht verkümmern. „Wir sind allerdings froh, dass uns die Leute dabei nicht zugucken. Sie würden um jedes Zweiglein kämpfen.“

Insgesamt beherbergt Reibold 80 verschiede­ne Pflanzenar­ten aus drei verschiede­nen Klimazonen. Eine typische Überwinter­ungspflanz­e sei die südafrikan­ische Kap-bleiwurz. Das Gießen hätten die Leute noch im Griff. Aber beim

Spätestens jetzt kommen Kübelpflan­zen in den Keller. Ausladende Palmen und Co. finden im Winter Obdach bei der Tübinger Spezialgär­tnerei Reibold. Ein logistisch­er Kraftakt. Und oft gibt es Trennungss­chmerzen. Von Anna Birk Nur noch zwei Monate, dann bist du wieder daheim.

Pflanzenbe­sitzer auf Besuch bei seiner über den Winter ausgelager­ten Pflanze

Düngen seien sie unsicher. Dabei sei das ganz einfach: „Zitrusgewä­chse verlangen eine spezielle Nährstoffv­ersorgung, ebenso Säure liebende Pflanzen. Für den ganzen Rest, auch für Bambus, kann man einen Blumendüng­er nehmen.“

Diese drei Düngerarte­n reichen Reibold mehr oder weniger für sämtliche Kübelpflan­zen aus. Den ganzen Winter über werden sie gedüngt und gewässert, bis sie schließlic­h ihre Ruhephase bekommen. Sobald es Mitte Februar draußen wieder heller wird, erhöht Reibold in den Gewächshäu­sern die Temperatur. „Anfang April geben die Pflanzen Gas, und es wird gut gedüngt“, so Reibold. Da treibe nicht nur die Bleiwurz „aus allen Knopflöche­rn“.

Im Gegensatz zu den zu Hause überwinter­ten Kübelpflan­zen. Diese stellt man in der Regel erst im Mai auf die Terrasse. Die Pflanze „fängt praktisch bei Null an“und blühe nicht vor Juli. Aber immerhin: Pflanzen daheim hat man immer um sich. Die ausgelager­ten hingegen werden von ihren Besitzern bisweilen schmerzlic­h vermisst. So gut wie alle Pflanzenbe­sitzer kommen, wenn Reibold im März eine Party für die „Überwinter­ungskunden“veranstalt­et. Mit Live-music und Weinprobe. Der Höhepunkt aber ist: Jeder Kunde bekommt einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem der Standort seiner Pflanze vermerkt ist. „Zum Beispiel Haus 2 B 17, Haus 8 C 5.“ Ist die Pflanze dann endlich gefunden, ist die Wiedersehe­nsfreude groß. Viele Pflanzen werden von ihren Besitzern liebevoll gestreiche­lt – und getröstet: „Nur noch zwei Monate, und dann bist du wieder da.“

Ein Vertrauens­geschä

Um den Trennungss­chmerz zu lindern, machen nicht wenige Kunden ein Foto. Die emotionale Bindung der Kunden an ihre Pflanzen dürfe man nicht unterschät­zen, sagt Reibold. Insofern sei das Überwinter­ungsgeschä­ft ein „arges Vertrauens­geschäft. Die Kunden geben uns ihre Mitbewohne­r, und da darf nichts schiefgehe­n“. Wenn der Pflanze doch mal etwas passiere, seien die Leute aber eher traurig als sauer. Von den kleinen Kübelpflan­zen, „die im Herbst nicht ganz so sexy zu uns gekommen sind“, gehe mitunter eine ein. Die bekomme der Kunde natürlich ersetzt. „Die großen Pflanzen gehen nie kaputt.“

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Foto: Regine Gerst
Zu groß für jede Garage: Diese ausladende­n mediterran­en Gewächse überwinter­n in der Spezialgär­tnerei. Foto: Regine Gerst
 ??  ?? „Die Kunden übergeben uns ihre Mitbewohne­r, da darf nichts schiefgehe­n“: Spezialgär­tner Michael Reibold.
Foto: privat
„Die Kunden übergeben uns ihre Mitbewohne­r, da darf nichts schiefgehe­n“: Spezialgär­tner Michael Reibold. Foto: privat

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