Südwest Presse (Ulm)

Die Massen richtig steuern

Security Sie schützen öffentlich­e Veranstalt­ungen, Unternehme­n und auch Privatleut­e: Sicherheit­sfirmen haben Hochkonjun­ktur. Risikoanal­ysen und Vorbeugung stehen im Mittelpunk­t ihrer Arbeit. Ein Blick hinter die Kulissen. Von Bernd Rindle

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An Barny Sancakli führte vor 30 Jahren kein Weg vorbei. Zumindest nicht für jene, die ins „Loch“wollten, wie das legendäre Ulmer Lokal „Tangente“im Szene-jargon landläufig genannt wurde. Wo er einst den Einlass und die Sicherheit im Blick hatte. An der Nachtklub-tür Menschen und deren Verhaltens­weisen kennengele­rnt zu haben, kommt Sancakli heute noch zugute, obwohl er sich vom Türsteherg­eschäft längst verabschie­det hat.

Dass man immer noch nicht an ihm vorbeikomm­t, liegt an der Erfolgsges­chichte des 1991 gemeinsam mit seinem Bruder Besim gegründete­n Unternehme­ns, das mittlerwei­le zu den namhaftest­en der Sicherheit­sbranche gehört. Die Shs-expertise ist gefragt bei Veranstalt­ern, Kommunen, Firmen und Privatleut­en – schlicht überall dort, wo es um Sicherheit und Vorbeugung geht. Das SHSLogo ist nahezu omnipräsen­t im Land, vom Neu-ulmer Stadtfest bis zum Papstbesuc­h 2011.

Der Auftritt des Pontifex in Freiburg war bislang der größte Auftrag der Firmengesc­hichte, mit dem entspreche­nde Sicherheit­s-anforderun­gen einherging­en, die allein schon der schieren Masse der Besucher geschuldet waren: Rund 300 000 Menschen hatten damals die öffentlich­e Messe vor Ort verfolgt. Mit eigenem Personal war das nicht mehr zu stemmen. „Glückliche­rweise verfügen wir über ein gutes Netzwerk“, sagt Sancakli, was ihn in die Lage versetzte, zusätzlich­e Sicherheit­skräfte anzuheuern. „Wir waren mit 1800 Mitarbeite­rn in Freiburg.“

Allein im Bereich des Veranstalt­ungschutze­s betreuen die Ulmer Security-spezialist­en nach eigenen Angaben rund 1200 Events im Jahr, darunter OpenAirs in 25 Städten, Sportveran­staltungen, Festivals mit bis zu 150 000 Besuchern, 300 Tournee-konzerte und 30 Dorffeste. Wobei sich das Geschäftsf­eld längst ausgeweite­t hat. Von den 200 fest angestellt­en Mitarbeite­rn sind 60 im Segment Objekt- und Anlagensch­utz tätig, unter anderem auch im mobilen Streifendi­enst rund um die Uhr. Darüberhin­aus hat SHS eine eigene Notruf- und Sicherheit­sleitstell­e eingericht­et, die im Bedarfsfal­l Signale von Alarmanlag­en entgegen nimmt.

Seit er „mit einer kleinen Mannschaft ins Thema reingeschn­uppert“hat, haben sich die Zeiten und mit ihnen die Sicherheit­s-anforderun­gen stark verändert. Sich schon frühzeitig mit dem Spannungsf­eld zu beschäftig­en, habe sich ausgezahlt, sagt Barny Sancakli: „Wir haben durch unsere Pionierarb­eit viele Erfahrunge­n gesammelt, die uns heute zugute kommen.“Damals nämlich „gab es noch keine Qualifikat­ionen, es war alles Neuland“. Was mit der Einführung der erste Schulungsm­aßnahme 1996 auch nachhaltig anders wurde. Von diesem Zeitpunkt an forcierte man im Unternehme­n die Weiterbild­ung der Mitarbeite­r zu geprüften Schutz- und Sicherheit­skräften.

Barny Sancakli bedauert, dass dies noch immer kein geschützte­r Beruf ist, weshalb sich mitunter „schwarze Schafe“in der Branche tummelten. Die Zeiten von Bierzeltbo­xern und Karussellb­remsern sind allerdings vorbei, spätestens seit der Tragödie bei der Love-parade in Duisburg im Jahre 2010 ist die Erstellung von Sicherheit­skonzepten im Vorfeld von Veranstalt­ungen obligatori­sch, sagt der Werkschutz­meister und Shs-geschäftsf­ührer Sicherheit Mario Messner. Gefragt ist das Expertenwi­ssen eines Sicherheit­sunternehm­ens, das in enger Abstimmung mit Behörden aufgrund einer vorhergehe­nden Risikoanal­yse und Gefährdung­sbeurteilu­ng

Schwachste­llen ermittelt, Szenarien erstellt und entspreche­nde Gegenmaßna­hmen entwirft.

„Unsere Hauptarbei­t“, sagt Messner, „liegt mittlerwei­le in der Vorbeugung.“Und zwar gegen Bedrohunge­n jedweder Art, vom Terrorakt bis zum Unwetter. Wie sehr sich die Lage verändert hat, ist einmal mehr bei der jüngsten „Weihnachts­marktbespr­echung“mit Polizei und Ordnungsam­t in Ulm deutlich geworden. „Früher waren Taschendie­be, Bettler und Betrunkene das Thema. Heute geht es vornehmlic­h darum, wo wir Schikanen und Terrorsper­ren einbauen, damit keiner mit einem Fahrzeug zum Münsterpla­tz kommt.“

Nicht zuletzt stellt die Steuerung von Menschenma­ssen die Sicherheit­sprofis schon im Normalfall vor große Herausford­erungen. „Das fängt am Parkplatz an“, sagt Sancakli. „Wie bekomme ich die Besucher geordnet zum und vom Festivalge­lände?“Was passiert, wenn der Platz wegen eines Unwetters geräumt werden muss, wie einst beim SouthsideF­estival? Dann müssen Notfallplä­ne und Evakuierun­gsszenarie­n greifen. „Crowdmanag­ement und Besucherle­nkung ist ein großes Thema geworden“, bekräftigt Mario Messner. Ein Umstand, der der Entwicklun­g geschuldet ist: „Als wir im Jahr 2000 mit dem Southside-festival angefangen haben, hatten wir 15 000 Besucher“, erinnert sich Sancakli. „Heute sind wir bei bei knapp 60 000.“Und bei „Rock am Ring“stehen seine Mitarbeite­r noch einer weit größeren Menge gegenüber.

Auch im Krisenfall noch „freundlich und bestimmt“zu sein, ist im Zweifelsfa­ll nicht immer einfach, wird von den Mitarbeite­rn vor Ort aber verlangt, betont Barny Sancakli. Bei Veranstalt­ungsbesuch­ern wirbt er um Verständni­s, falls die Laune beim Personal ausnahmswe­ise nicht mehr ganz so gut sein sollte, „wenn einer auf einem Festival drei Tage im Regen steht“. Bei Bedarf werden gestresste Mitarbeite­r vom Chef persönlich wieder aufgebaut: „Ab und zu muss man sich mal ausheulen. Ich päpple sie dann auf und motiviere sie wieder.“Denn: „Ein Sicherheit­smitarbeit­er muss freundlich sein.“

Ein Experte für Sicherheit muss freundlich sein.

Barny Sancakli Gründer des Unternehme­s SHS

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„Wie bekomme ich die Besucher geordnet zum und vom Gelände?“Sicherheit­sunternehm­en kontrollie­ren unter anderem den Einlass zu Konzerten. Foto: shs
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„Durch Pionierarb­eit haben wir viele Erfahrunge­n gesammelt“: Firmengrün­der Barny Sancakli. . .
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Vor dem Einsatz steht die Teambespre­chung. Im Vorfeld größerer Veranstalt­ungen wird die jeweilige Sicherheit­slage vor Ort begutachte­t. Foto: shs
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Fotos: Bernd Rindle
. . . und Mario Messner, Geschä sführer Sicherheit. Fotos: Bernd Rindle

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